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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
LesePeter
 LesePeter
         
         
 

 

Der LesePeter des Monats Juni 2020
geht an Bastien Vivés für das Jugendbuch
„eine Schwester“
.

 
 

 

     
         
     

 

 
 

 

Der dreizehnjährige Antoine fährt wie jedes Jahr mit seiner Familie zum Strandurlaub in die Bretagne. Doch dieses Mal hat eine Freundin der Mutter ihre sechzehnjährige Tochter, Hélène, mitgebracht. Sie führt Antoine in eine ihm bisher verschlossene Gefühlswelt ein.

eine Schwester

Antoine fährt wie jedes Jahr mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder Titi in den Sommerurlaub. Dieses Mal hat seine Mutter ihre Freundin eingeladen, die einen Schicksalsschlag verkraften muss und Ablenkung bitter nötig hat. Die Freundin bringt ihre Tochter Hélène mit. Das pubertierende Mädchen interessiert sich für Jungen und für ihre Smartphone und muss nun mit den beiden kleineren Kindern ihre Sommerferien verbringen. Bereits das Cover des Bandes kündigt sowohl das zentrale Thema als auch den außergewöhnlichen Zeichenstil Vivés´ an. Wir sehen einen dem Betrachter oder der Betrachterin abgewandten Antoine, der ganz vertieft an seinen Zeichnungen arbeitet, während die extrovertierte Hélène in Bademode und mit Sonnenbrille auf ihr Smartphone schaut. Sie versteckt ihre Augen hinter der coolen Fassade. Die Augen Antoines bleiben uns hier jedoch ebenso verborgen, obwohl seine Sitzhaltung einen Eindruck ermöglichen müsste. Bastien Vivés betont, indem er weglässt. So zeigt er häufig nur den Gesichtsausdruck derjenigen Person, die im jeweiligen Panel im Mittelpunkt steht. Andernorts lenkt er unsere Aufmerksamkeit auf die gesprochenen Wörter, oder auch auf die Körperhaltungen der Figuren. Diese Formen der Betonung reichen bis zur maximalen Reduktion der Darstellung, wodurch die Gestaltergänzung der Betrachtenden herausgefordert wird und auf diese Weise gerade die weggelassenen Elemente in den Fokus geraten. Dieser fast schon zögerliche und zum leisen Antoine passende Zeichenstil vermittelt durchaus explizite Inhalte. Antoine erfährt den ersten Rausch und den ersten Sex. Es ist den vielschichtigen Beziehungen zwischen den Figuren und der reichhaltigen Figurenentwicklung zu verdanken, dass die expliziten Panels – aus denen wohl auch das empfohlene Lesealter ab 16 Jahren resultiert – nicht das Leseerlebnis dominieren. Antoine entwickelt sich zum Beispiel auch in seiner Rolle als großer Bruder weiter. Darüber hinaus wird er durch die Thematisierung des Schicksals von Fehlgeburten, das sowohl seine Mutter als auch jene Hélènes teilen, mit existentiellen Fragen konfrontiert. Die damit verbundene Tiefe der Figuren, welche nicht nur in den polyvalenten Lücken der Zeichnungen widerhallt, bleibt den Leserinnen und Lesern im Gedächtnis. Dafür hätte es den irritierenden Titel, der aus dem französischen Original une sœur wörtlich übersetzt wurde und fast zwingend inzestuöse Assoziationen weckt, nicht gebraucht.


 

 

zum Autor



 

Bastien Vivés Bastien Vivés wurde 1984 in Paris geboren, studierte Grafik und Animation. Mit „Der Geschmack von Chlor“ schaffte er 2009 den Durchbruch.

Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Bastien_Vivés 


(MM für die AJuM der GEW)

 

 

       

 

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel.  

Bastien Vivés
eine Schwester

Berlin: Reprodukt 2018
978-3-95640-144-2
 216 S * 24,00  € * ab 16 J

 
 
 

 

Die Auszeichnung LesePeter wird monatlich vergeben von der

Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien (AJuM) der GEW

abwechselnd in den Sparten
 

Kinderbuch     (01/05/09)   (herA)
Jugendbuch     (02/06/10)   (hjo&mm&ba&sd)
Sachbuch     (03/07/11)   (ika)
Bilderbuch     (04/08/12)   (JD&NN&MR)

Hier finden Sie die bisher mit dem LesePeter ausgezeichneten Titel
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