Die Wahrheit, wie Delly sie sieht

Autor*in
Hannigan, Katherine
ISBN
978-3-446-24513-6
Übersetzer*in
Hornfeck, Susanne
Ori. Sprache
Englisch
Illustrator*in
Seitenanzahl
276
Verlag
Hanser
Gattung
Ort
München
Jahr
2014
Lesealter
10-11 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Bücherei
Preis
14,90 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Delly ist die Zweitjüngste von sechs Geschwistern, allesamt mit heftigem Temperament gesegnet, was Delly immer wieder in Schwierigkeiten bringt, nur ein Wunder kann sie vor einem Schulwechsel retten. Das Wunder taucht als stummes Mädchen auf, verschreckt, ängstlich, aber eine wundersame Ballkünstlerin. Delly und der kleine Bruder RB schaffen es behutsam, Vertrauen zu gewinnen - bis Delly eine grausige Entdeckung macht - und sie handelt im entscheidenden Augenblick richtig.

Beurteilungstext

In der großen Familie mit den sechs Kindern hat jeder für jeden viel zu wenig Zeit. Jedes hat seine Aufgaben, jedes seine Methoden, diesen möglichst aus dem Weg zu gehen. Dann gibt es Strafen (die eher moralischer als drakonischer Art sind); die Kinder wachsen mehr nebeneinander als miteinander auf. Nur wenn es darauf ankommt, sind sie für einander da, die Eltern sowieso immer. Kurz, eine Bilderbuchfamilie. Dellys Temperament bereitet ihr und allen Betroffenen reichlich Kummer, denn sie macht sich ihre eigenen Gedanken, die sich nicht immer mit den Vorstellungen anderer decken. Auf einer Landwirtschaftsausstellung entlässt sie in aller Seelenruhe die Zuchthühner in Freiheit - das sich anschließende Chaos lässt sich leicht vorstellen. In der Schule ist sie häufig in Prügeleien verwickelt, sie verlässt unerlaubt die Schule und wird dann von der Dorfpolizistin zurückgebracht, was zur Folge hat, dass sie das Ultimatum bekommt: Noch ein Vorkommnis und sie muss die Schule wechseln.
Delly bekommt in dieser Zeit neue Nachbarn, einen Mann, der selten da ist, eine Tochter in ihrem Alter, die stumm ist, ängstlich jeden Körperkontakt vermeidet und in der Schule neben ihr sitzt. Beide freunden sich an, Delly muss sich dabei sehr zurücknehmen. Schließlich ist sie sehr impulsiv - was Ferris verschreckt; sie schreit gerne auf - was Ferris ängstlich sich verschließen lässt; sie greift gerne zu - was Ferris verabscheut. Aber Delly weiß, dass sie sich keinen Konflikt mehr leisten kann und irgendwie findet sie Ferris auch interessant, schließlich hat sie bislang keine Freundin.
Ihr kleiner Bruder RB hängt dabei wie eine Klette an ihr. Anfangs ist er ihr einfach lästig, aber bald merkt sie, dass RB intuitiv dann das Richtige mit Ferris anstellt, wenn sie an ihre Grenzen gestoßen ist. Die drei sind bald eng miteinander verbunden, haben ein Baumhaus, finden eine Trauminsel, kurz, sie verbringen einen Sommer voller Höhepunkte miteinander.
Beim Schwimmen entdeckt Delly, dass Ferris einen schlimm vernarbten Rücken hat. Jetzt kann sie sich das rätselhafte Verhalten Ferris erklären: der Vater misshandelt sie übel. Sie weiß noch nicht, wie sie ihre Mutter um Hilfe bitten kann, da überschlagen sich die Ereignisse. Ferris flieht vor dem Vater und Delly bittet ihre Feindin, die Dorfpolizistin, um Hilfe. Die greift energisch zu, zusammen finden sie den Flüchtling und bringen ihn in Sicherheit.
Vor dem Hintergrund der unglaublich großen Liebe, die in Dellys Familie so selbstverständlich ist, dass keiner darüber nachdenkt, wirkt die unbeschriebene Gewalt, der die Freundin ausgesetzt ist, plastischer als jede Beschreibung dessen, was das Kind aushalten musste. Die beiden Geschwister können gar nicht verstehen, warum das Mädchen so misstrauisch, so sperrig ist, warum es nicht sprechen kann. Sie beginnen es erst in dem Augenblick zu ahnen, als Delly sich nach langer Zeit doch wieder zu prügeln beginnt (eine herrlich beschriebene vorpubertäre Liebe voller Aggressionen, die die Zärtlichkeiten, nach denen die Kinder sich sehnen, überdecken MÜSSEN) und Ferris sie vor der herannahenden Lehrerin warnt, sie ruft laut: Flieh! Ferris KANN also sprechen, sie will es nur nicht mehr. Die Polizistin, die Delly immer nur als Gegnerin gesehen hat, kann ihr deutlich erklären, was das zu bedeuten hat, dass ein Kind Unaussprechliches erfahren haben muss, wenn es so völlig verstummt.
Die beschriebene Psychologie ist auch für Kinder verständlich. Die Autorin bleibt dabei so offen in ihren Beschreibungen der Torturen des Mädchens, dass unbedarfte Leser nur das herauslesen müssen, was ausgesprochen wird, grausam ist das nicht. Aber das Offenlassen des Hintergrundgeschehens ist so eindeutig zu kombinieren, wie ein erfahrener Leser es erwartet. Und fragen kann man immer, Antworten zu finden ist nicht immer ganz einfach, hier aber umso wichtiger. Deswegen ist diese Kindergeschichte auch schon für Zehnjährige zu empfehlen. Auf der Auswahlliste zum LesePeter . cjh14.03

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Diese Rezension wurde verfasst von cjh.
Veröffentlich am 01.01.2010

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