Die Ministerpräsidentin

Autor*in
Tungodden, Tore
ISBN
978-3-8067-5142-0
Übersetzer*in
Haefs, Gabriele
Ori. Sprache
Norwegisch
Illustrator*in
Seitenanzahl
157
Verlag
Gerstenberg
Gattung
Ort
Hildesheim
Jahr
2005
Lesealter
10-11 Jahre12-13 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
11,90 €
Bewertung
empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Hannahs Vater ist Werbefachmann und immer zu begeistern. Um eine neue Partei bekannt zu machen schlägt er seine Tochter als Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin vor. Das gibt einen großen Wirbel, denn Hannah wird tatsächlich gewählt, stellt ihre Regierung zusammen, aber entscheidet sich bald abzudanken, weil sie Kind sein möchte und nicht die Aufgaben von erwachsenen übernehmen will.

Beurteilungstext

Eine faszinierende Idee,die so vielleicht nur in einem skandinavischen Land entwickelt werden kann! Viele, und nicht nur die Kinder, sind begeistert von der Idee, dass die Kinder bestimmen sollen, was im Land geschieht und dass nicht immer nur die ewig gleichen und oft so langweilig wirkenden Politiker das Sagen haben sollen.
Der Autor, geb. 1966 und tätig an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Bergen/Norwegen, lässt seine Protagonistin selbst erzählen. Das gelingt ihm in vielen Partien recht gut. Man sieht förmlich die selbstbewußte, aber durchaus nicht überhebliche Hannah vor sich, wenn sie mit ihrem Freund Fred in die Schule geht und sich ausdenkt, was man alles verändern könnte/müsste. Auch ihre Beschreibung der Eltern, der Familie, ist sympathisch. Der Vater ist der etwas chaotische, aber begeisterungsfähige Werbefachmann, der seinen Coup landen will und alle Hebel seines Faches in Bewegung setzt, um Hannah als Kandidatin durchzusetzen. Die Mutter ist sehr viel skeptischer, beobachtet Hannah und ihre Reaktionen auf die veränderte Situation, sie stützt und warnt.
Denn Hannahs Leben wird auf einen Schlag total verändert. Plötzlich muss sie Pressekonferenzen geben, Interviews, den König treffen - sowas gibt es ja in Norwegen noch, und er wird im Buch genau so normal und vernünftig beschrieben, wie es offenbar seinem Wesen und seiner Stellung entspricht - eine Regierung zusammen stellen, Ministerien abschaffen und neue schaffen und vor allem die Erwartungen der Kinder befriedigen, die ihre Eltern gedrängt haben, Hannahs Partei zu wählen. Dem Autor gelingt es auch recht gut herauszuarbeiten, wie ernst die Kinder ihre neue Verantwortung nehmen, auch wenn sie als eine erste Maßnahme Gratis-Süßigkeiten beschließen - aber gesunde!!! Ihre Steuerreform wirkt genial und ist getragen von dem Gerechtigkeitsgefühl, das nur Kinder so ausgeprägt entwickeln können.
Dem Alter der Leser/ Leserinnen entsprechend meint der Autor immer wieder auch witzige Partien einschieben zu müssen. Dabei scheint das Furzen für ihn das richtige Thema für die Altersgruppe zu sein, das auch im Zusammenhang einer Lachtherapie in allen Krankenhäusern des Landes beschlossen wird. Das wirkt etwas dick aufgetragen.
Die Mischung aus Sachinformationen über den Wahlablauf, die Aufstellung von Kandidaten, die Bedeutung der Medien und Werbung für einen Wahlkampf - hier muss immer wieder der Vater als Informant einspringen - und Hannahs Gefühlen gegenüber den Veränderungen in ihrem Leben geht eindeutig zugunsten der Informationen. Hannah passt sich an.
Wie unangemessen das Amt für Hannah ist, wird erst bei einem Besuch beim amerikanischen Präsidenten in Washington deutlich, der die kleine Norwegerin und ihre Anliegen gar nicht wahrnimmt, während Hannah diesen Besuch todlangweilig findet.
Erst ein Besuch bei dem Parteigründer Stimme der Zukunft bringt den Umschwung, denn dieser Mann, auf dessen Unterstützung Hannah die ganze Zeit über gewartet hat, entpuppt sich als ein Fiesling der besonders gemeinen und geldgierigen Art, für den ihre Wahl nur eine gewonnene Wette bedeutet.
Dass bringt Hannah zu der Entscheidung, ihr Amt als Ministerpräsidentin niederzulegen und den Erwachsenen zu sagen, dass dies ein Amt für Erwachsene ist und nicht für ein Kind. Sie will über ihr Leben selbst bestimmen, und das kann sie in diesem Amt nicht.
Damit gibt der Autor der Zehnjährigen eine Einsicht, wie sie viele Erwachsene - auch in diesem Buch - nicht haben.
Hier wie an anderen Stellen wirkt das Buch trotz seines ernsthaften Anliegens und seiner oft auch informativen Teile fast ironisch. Das bestehende politische System wird in Frage gestellt, durch ein anderes ersetzt, das aber kein Ersatz sein kann. Kindsein ist etwas, was man später nicht nachholen kann, so sagt Hannah in ihrem Schlussinterview. es ist zugleich ein Appell, mehr auf die Bedürfnisse von Kindern Rücksicht zu nehmen und als Erwachsener sich erwachsen zu verhalten und Verantwortung zu übernehmen.
Durch die Wahl der Ich-Erzählerin und die vielen Dialoge der Kinder untereinander lässt sich das Buch trotz seines Umfangs und seines anspruchsvollen Themas von geübten Lesern gut lesen, auch wenn sie sicher nicht immer mit Hannah übereinstimmen werden.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von uwo.
Veröffentlich am 01.01.2010

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