Die Schattengrenze

Autor*in
Wellershoff, Dieter
ISBN
978-3-8375-0070-7
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Seitenanzahl
152
Verlag
Klartext Verlag
Gattung
Erzählung/Roman
Ort
Essen
Jahr
2008
Lesealter
14-15 Jahre16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Bücherei
Preis
7,95 €
Bewertung
empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Der Kaufmann und Handelsvertreter Matthias Berger hat den ehrlichen Lebensweg verlassen. Nach seinem sozialen Abstieg lässt er sich mit einer Autohehlerbande ein. Mit einem Mal ist er kriminell. Als er Hilde trifft, ist er bereits ein Wrack. Der Untergang steht bevor. Seine Flucht wird auch zu einer inneren Verfolgungsjagd.

Beurteilungstext

Er trinkt. Er trinkt wegen der "unterdrückten Aufregung". Von Beginn an ist die Hauptfigur des Romanes nicht zu beneiden. Denn von Beginn an ist klar: Dieser Mann ist am Ende. In inneren Monologen lässt er den Leser an seinen Gedanken teilhaben. Der neutrale Erzähler rückt in den Hintergrund. So wird der Leser in den Bann gezogen und versinkt in die Lebensgeschichte eines Mannes, die voller alltäglicher Niederlagen ist.
Der 40-jährige Berger hat sich im Netz der Lügen und sogar der Kriminalität verfangen, weil er sich selbst ins soziale Abseits befördert hat. Das berufliche Scheitern hat einen Prozess in Gang gesetzt, den auch Hilde nicht mehr zu stoppen vermag. Der ehemalige Kaufmann und Handelsvertreter hat keine Hoffnung mehr. Die innere Courage sich den Dingen zu stellen, hat er nicht.
In fünf Kapiteln wird von der Flucht des Protagonisten erzählt. Es ist die Flucht vor der eigenen Unzulänglichkeit. Nichts scheint richtig zu sein. Was er auch tut, immer steht ein innerer Richter neben ihm. "Es war Hilde, die in seinem Kopf redete […]". Er erträgt seine Situation nicht und er erträgt sich selbst nicht. Er fühlt sich verfolgt und verfällt dem Verfolgungswahn; er kann nicht mehr klar denken und handeln; wirkt planlos und unstrukturiert.
Die Erzählweise gibt die Gefühle und die Handlungsweisen der Hauptfigur wieder. Trotz der Kapiteleinteilung gibt es keine klare Chronologie. Immer wieder springt die Erzählung in andere Zeiten und andere Räume. Zeiten und Räume, die realistisch und detailliert von Dieter Wellershoff beschrieben werden. Wie ein gehetztes Tier fühlt sich der Mann, der sich mit einer Autohehlerbande eingelassen hat. So gehetzt wie er sich fühlt, so gehetzt ist auch die Sprache. Die Sätze wirken oft abgehackt. Mit rhetorischen Figuren wird die immer größer werdende Angst sprachlich in Szene gesetzt. Es ist die panische Angst, die in ihm lebt. "Er hatte Angst zu verschwinden, aber das war nicht vorstellbar." Aber ebenso unvorstellbar ist es, das alte Leben zurück zu erhalten. Am Ende weiß der Protagonist: "Aber das war nicht sein Leben, irgendein anderes, seines kannte er gar nicht, wusste auch nicht, wo es war und wie er dahin gelangte."
Das besondere des Romanes liegt in seiner Erzählweise und der Tatsache, dass es das Leben eines ganz normalen Mannes ist, das aus den Fugen gerät. Es gibt keine Katastrophen als Auslöser. Die vielen kleinen alltäglichen Niederlagen gipfeln vielmehr in einer solchen. Es ist die menschliche Katastrophe, zu erkennen, dass man sein normales Leben plötzlich nicht mehr finden kann.

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Diese Rezension wurde verfasst von Beu.
Veröffentlich am 01.01.2010