Der große Lord. Ein Weihnachtshörspiel

Autor*in
Scofield, Raymond A.
ISBN
978-3-942175-94-4
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Seitenanzahl
95
Verlag
Headroom
Gattung
AudioErzählung/RomanKrimi
Ort
Köln
Jahr
2017
Lesealter
10-11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
14,90 €
Bewertung
empfehlenswert

Teaser

Die abenteuerliche Geschichte des jungen Lord Fauntleroy, in der er durch eine Intrige aus dem Schloss seines Großvaters getrieben und seines rechtmäßigen Erbes beraubt wird, wird auf zwei CDs als Hörspiel umgesetzt.

Beurteilungstext

Das Hörspiel beginnt spannend. Am Weihnachtsabend erscheint bei Wachtmeister Paddock auf der Polizeistation in der Nähe von Schloss Dorincourt ein sympathischer und höflicher junger Mann, der angibt, er habe soeben den jungen Lord Fauntleroy erschossen. Er selbst nennt sich Tom Tipton, aber im Laufe seiner Vernehmung bezeichnet er sich als wirklichen Lord Fauntleroy und erzählt dem Wachtmeister ausführlich seine abenteuerliche Geschichte. Durch eine Intrige wurde er von dem Rechtsanwalt Mr. Havisham als Kind aus dem Schloss vertrieben.
Sein geliebter Großvater war ums Leben gekommen, als er ihm das Baseballspielen hatte beibringen wollen und ihn versehentlich mit dem Ball, den seine Mutter geworfen hatte, an der Stirn traf.
Der Rechtsanwalt drohte ihm mit der Polizei und dem Tod am Galgen für den Mord, der ja in Wirklichkeit ein Unfall war, versprach ihm aber, ihn und seine Mutter zu schützen, wenn er verschwinden und nie wieder auftauchen würde. Mit einem Brief schickte er ihn nach London in eine finstere Gegend voller zwielichtiger Gestalten, wo er bei einem kriminellen Kaufmann für einen Schlafplatz unter dem Tresen und etwas Essen schuftete. Er musste selbst in einer Diebesbande stehlen und tat all das, weil er Mr. Havisham glaubte, Angst hatte und seine Mutter schützen wollte.

Dargeboten sind diese Ereignisse für die Hörer abwechslungsreich, die ruhige Stimme des Wachtmeisters holt sie immer wieder in die Gegenwart zurück, die aufregenden Ereignisse aus der Vergangenheit des jungen Mannes werden als Hörspiel mit verschiedenen, zu den Rollen gut passenden Sprechern spannend und durchaus faszinierend dargeboten. Dabei wirken sie zunächst noch vorstellbar und glaubhaft, werden dann aber für den Hörer immer unwahrscheinlicher und unglaubhafter. Der junge Lord soll Papiere aus dem Safe seiner Großtante Constantina stehlen, wird dann über eine Mauer geworfen, um ihn zu beseitigen. Doch der Zufall will es, dass er dabei vor die Kutsche der Hofdame der Königin gerät und wird in Schloss Windsor gesund pflegt. Dort soll er sogar an Weihnachten mit dem ungeliebten Enkel der Königin, Wilhelm, spielen, der immer nur exerzieren und Flotten bauen will. (Anmerkung: Wilhelm, späterer deutscher Kaiser)

Spätestens hier wird die Fülle der Ereignisse und Unwahrscheinlichkeiten dem Hörer zu viel. Soll es eine Persiflage sein? Dann würde es nicht zum ersten Teil der CD passen, denn der mutet noch wie eine Kriminalerzählung aus dem Bereich des Möglichen an, die auch stimmig ist.
Ab hier ist die in der CD gut erzählte Geschichte dermaßen überfrachtet, dass der Hörer unwillig werden kann und sich immer mehr an der mangelnden Logik und dem Inhalt stößt. So wird anfangs jedes Geschehen ausführlich erzählt, nach der Episode in Schloss Windsor vergehen aber noch viele Jahre, bis der Protagonist auf der Polizeiwache auftaucht. Was war in den Jahren dazwischen - das ist für den Hörer eine offene Frage, die nur eine kurze Antwort findet (der junge Mann hat geheiratet und ist Jahre zur See gefahren) - ein unbefriedigender Bruch zum ersten Teil der Erzählung. Der Kreis des Geschehens schließt sich, als der junge Mann ins Schloss nach Dorincourt bestellt wird, wo er in Notwehr auf den falschen Lord Fauntleroy schießt, weshalb er dann die Polizeistation aufsucht.
Wachtmeister Paddock hält ihn mehr und mehr für glaubwürdig und verhilft ihm zu guter Letzt dazu, Mr. Havisham zu entlarven. Der junge Mann kehrt in seine rechtmäßige Stellung zurück, hat seine Mutter wieder und wird ein gerechter und großzügiger Graf.

Die Geschichte steht jedoch nicht nur für sich, es muss erwähnt werden, dass sie auf dem bekannten und vielfach verfilmten Roman "Der kleine Lord" aufbaut, und sich offenbar als Fortsetzung versteht. Es wird Bezug genommen auf die Personen aus diesem Buch, die Namen werden weiter verwendet, der Charakter des kleinen Lord wird so dargestellt wie dort. Mr. Havisham hingegen wird völlig anders beschrieben, als habgierig, nur auf seinen Vorteil bedacht, kriminell und völlig skrupellos. Auch hier empfindet der Hörer / Leser wieder einen Bruch und mangelnde Logik.

Eine Geschichte, die in Teilen kritisiert wird, ist in ein Hörspiel umgesetzt worden. Und das Hörspiel ist trotz dieser Kritikpunkte, wie auch schon beschrieben, gut und spannend gemacht im Aufbau und in der Besetzung und wird deswegen nach reiflicher Überlegung gerade noch als empfehlenswert angesehen.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von HB.
Veröffentlich am 01.04.2018