Willi Millimandl und der Riese Bumbum

Autor*in
Lobe, Mira
ISBN
978-3-7026-4960-9
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Weigel, Susi
Seitenanzahl
48
Verlag
Jungbrunnen
Gattung
BilderbuchSachliteratur
Ort
Wien
Jahr
2015
Lesealter
4-5 Jahre6-7 Jahre8-9 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Bücherei
Preis
15,95 €
Bewertung
empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Im Land der Millimandln geht alles seinen gewohnten, harmonischen Gang. Bis eines Tages ein Riese auftaucht und die idyllische Gemeinschaft bedroht und ausbeutet. Dem kleinen Willi Millimandl kommt eine Idee, wie man den erpresserischen Unhold wieder loswerden kann.

Beurteilungstext

Die Millimandln führen ein Leben in totaler Harmonie und ohne jeglichen Mangel. Der Alltag ist zwischen notwendig zu erledigender Arbeit und müßiggängerisch gestalteter Freizeit wohlfein ausbalanciert. Alles und jeder hat seinen perfekten Platz in der millimandelschen Gemeinschaft. Das Leben präsentiert sich also ausschließlich von seiner sonnigen Seite. Aber nur bis zu dem Tag, an dem die Kinder, allen voran Willi Millimandl, merkwürdige Veränderungen im Leben der Erwachsenen feststellen. Sie wirken seltsam gestresst, arbeiten viel mehr je zuvor, schlafen dafür weniger, und manche Dinge werden knapp, obwohl es doch bisher alles im Überfluss gab. So gibt es für Willi eines Tages zu Spinat und Kartoffeln keine Eier mehr, und der Becher wird nur noch halbvoll mit Milch gefüllt. Es stellt sich heraus, dass ein bösartiger und gieriger Riese die Stadt und ihre Menschen bedroht. Entweder versorgen ihn die Millimandeln mit allen von ihn gewünschten Dingen, oder sie würden seinen Zorn zu spüren bekommen. Dass diese Drohung durchaus ernstzunehmen ist, demonstriert der Riese, indem er die Stadtmauern durch einfaches Pusten beinahe zum Einsturz bringt. Die Kinder merken schnell, dass der Riese wohl nie gänzlich zufrieden zu stellen sein wird und sich leider auch nicht zum Fortgehen zu überreden lässt. Mit einer List werden sie ihn aber trotzdem noch los.

Die mehr oder weniger explizite Moral der Bildergeschichte ist scheinbar universal: gewaltsame Ausbeutung und Unterdrückung sind ungerecht und nicht legitim. Die Auflehnung der kleinen Millimandeln gegen den räuberischen Riesen ist daher in jeder Hinsicht gerechtfertigt und sogar geboten. So weit, so gut. Interessanter ist jedoch, wie allgemein dieser Riese als Bösewicht daherkommt. Aufgrund seiner Größe und seines Verhaltens steht er symbolisch ebenso für Macht und Stärke wie für Egoismus und Bedrohlichkeit; inhaltlich ist er sonst nicht weiter konnotiert. Es ist sicher kein Zufall, dass der Leser den Riesen bis zum Ausgang der Geschichte nie ganz zu Gesicht bekommt; wenn überhaupt, dann immer nur einen Ausschnitt von ihm wie auf der vorderen Umschlagseite. Die Illustrationen des bereits im Jahre 1973 erschienen und nun neu aufgelegten Bilderbuches sind einerseits konventionell und übersichtlich gestaltet, überraschen aber andererseits hinsichtlich Perspektive und Raumkonstruktion. In Anwesenheit des gewichtigen Riesen scheint sich etwa die Architektur der Millimandlstadt förmlich aufzulösen (vordere und hintere Umschlagseite). Meist wird der Gigant er aber nur indirekt repräsentiert: man kann ihn poltern und schimpfen „hören“ und man spürt die Angst der erwachsenen Millimandln in dessen „Anwesenheit“, auch wenn er selbst für die Leser nicht oder kaum zu sehen ist (etwa seine Füße oder seine Hände).

Eine Stärke dieses Buches liegt meiner Meinung nach in eben dieser Unbestimmtheit hinsichtlich der Frage nach der Identität des Riesen; sie stellt aber zugleich auch ein Problem dar. Man kann das Buch lesen als kritische Stellungnahme gegen illegitime Herrschaft bzw. sogar gegen Herrschaft an sich. Dafür spricht, dass die Millimandln vor der Ankunft des Riesen in einer Art paradiesischem Naturzustand leben, der keinerlei Entfremdung noch sozialen Konflikt kennt. Erst mit dessen Auftauchen müssen die Millimandln Mehrarbeit leisten, dessen Wert sie freilich abzuführen haben und dafür „Schutz“ erhalten. Eine solche Form der Herrschaft ist weder gesetzlich, noch traditionell oder charismatisch legitimiert. Es spricht jedoch für eine andere, problematischere Lesart, dass der Riese von Außen daherkommt und sich (durch seine Größe) auch körperlich von den Bewohnern des Millimandl-Städtchens unterscheidet. Die Vorstellung einer absolut mit sich versöhnten, konfliktfreien Gemeinschaft vor der Ankunft des personifizierten Bösen (verkörpert als ein Fremder und ganz Anderer), das Zwist sät und für Mangel verantwortlich ist, sind die zentralen Bausteine von kollektiv identitätsstiftenden Erzählungen, wie man sie auch bspw. aus dem Nationalismus oder religiösen Fundamentalismus kennt. Anders als zunächst anzunehmen wäre, trägt sich die Moral der Geschichte also bei weitem nicht selbst, sie bedarf vielmehr der Vermittlung und insbesondere eine kritische Reflexion der Figurenkonstellation durch Dritte, z.B. durch lektürebegleitende Fragen an die Kinder wie: „Sind Riesen immer böse? Kennt ihr vielleicht auch gute Riesen aus Märchen oder Liedern? Wo ist der Riese dieser Geschichte eigentlich hergekommen? Wie hätte man in seiner Heimat (dem „Riesenland“) sein Verhalten beurteilt?“. Im Spannungsfeld von universelller Moral (Ablehnung von Ausbeutung und Gewalt) und partikularer Identität (Wir gegen Ihn/Er gegen uns) liegt jedenfalls gerade wegen ihrer Unbestimmtheit das erzählerische Potential dieser Geschichte.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von mz; Landesstelle: 23 Sachsen-Anhalt.
Veröffentlicht am 08.10.2015

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