Wieder unterwegs

Autor*in
Baru,
ISBN
978-3-943143-53-9
Übersetzer*in
Budde, Martin
Ori. Sprache
Französisch
Illustrator*in
Seitenanzahl
104
Verlag
Reprodukt
Gattung
ComicTaschenbuch
Ort
Berlin
Jahr
2014
Lesealter
16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Bücherei
Preis
20,00 €
Bewertung
empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Edith ist nach 20 Jahren Beziehung verschwunden. Auf der Suche nach einem Gefühl von Freiheit hat sie sich wieder auf den Weg gemacht. Und ihr Freund André folgt ihr dorthin – auf die Straße. Die vermeintliche Flucht entwickelt sich zu einem Roadtrip durch Raststätten, triste Hotelzimmer und Bars, tief hinein in das Frankreich der einfachen Arbeiter, Prostituierten und Kleinkriminellen.

Beurteilungstext

Die meisten Deutschen haben das ländliche Frankreich wohl meist als Ferienidylle vor Augen: mittelalterlich anmutende Dörfer und Kleinstädte voller kleiner Fachwerkhäuser, weite grüne Wiesen und Äcker, bester Wein und gefühlte einhundert Käsesorten. Die wenigsten verbinden solche Regionen wie etwa den Elsass oder die Provence in erster Linie mit Gewalt, Fremdenhass und Rassismus. Doch gerade diese scheinbar idyllischen ländlichen Gebiete bilden heute die Hochburgen der rechtsextremen Partei „Front National“. Der Comicautor und -zeichner Baru (Hervé Barulea) ist seit zwanzig Jahren ein Chronist dieses „anderen“ Frankreichs. Seine Bildgeschichten handeln von sozialer Ungleichheit, Migration und immer wieder von Rechtsextremismus, sie spielen in den Arbeitervierteln und Vororten der Metropolen oder in den abgeschiedenen, ruralen französischen Provinzen. Die Figuren seiner Erzählungen sind Randständige, Außenseiter und stehen häufig im Konflikt mit dem Gesetz. Dabei stellt sich Baru nicht über seine „Helden“, er kommentiert und moralisiert ihre Handlungen nicht; er stellt sie einfach schonungslos dar und überlässt es dem Leser, über die Ursachen und Hintergründe ihrer Taten nachzudenken.
Auch „Wieder unterwegs“ ist eine solche Sozialstudie in Form eines gezeichneten Roadmovies, zudem autobiografisch gefärbt. André ist unterwegs, um Edith zu suchen, die ihn nach fünfundzwanzig Jahren verlassen hat. Kennengelernt haben sie sich in den Wirren des Pariser Mai 1968, einer wilden Zeit des gesellschaftlichen und politischen Auf- und Umbruchs. Nach einer Zeit des Träumens und Ausprobierens haben sie sich niedergelassen und geheiratet. Nun sind sie in die Jahre gekommen, und Edith ist fort. André bricht auf, um sie zu finden, findet aber auf seinem Weg auch ein Frankreich vor, in dem die Zeit stehen geblieben scheint. Es ist ein kleinbürgerliches und spießiges Frankreich, in dem die emanzipatorischen Ideale von einst nie angekommen zu sein scheinen. Von Schlägereien und sexuellen Übergriffen auf der Tanzfläche eines Kleinstadtlokals bis hin zum Mord zur Wiederherstellung der Familienehre; den Comic durchzieht eine Spur der Gewalt, die ja auch stets die letzte „Waffe der Schwachen“ (M. Gandhi) ist.
Bemerkenswert ist Barus Zeichenstil gerade hinsichtlich der Darstellung der Personen: Körper und Gesichter werden übertrieben verzerrt dargestellt und stark typisiert. Das Spiel von Mimik und Gestik erhält dadurch einen starken, dynamischen Ausdruck. Einzig die Hintergründe und Gegenstände erscheinen realistisch. Vom Stil der franko-belgischen Comicschule „Ligne Claire“ unterscheidet ihn aber die starke Dynamik in den Bewegungen der Akteure und das, wenn auch dezente, Spiel mit Schraffierungen und farblichen Übergängen.
„Wieder unterwegs“ ist eine großartige Comic-Erzählung über politische Utopie und gesellschaftliche Realität und bietet einen Einblick in ein Frankreich jenseits gängiger Klischees und Stereotypen.

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Diese Rezension wurde verfasst von mz.
Veröffentlich am 01.01.2010