Von Istanbul nach Hakkâri. Eine Rundreise in Geschichten

Autor*in
(Hrsg.), Turan
ISBN
978-3-293-10003-9
Übersetzer*in
Übersetzer, diverse
Ori. Sprache
Türkisch
Illustrator*in
Seitenanzahl
411
Verlag
Union
Gattung
Ort
Zürich
Jahr
2005
Lesealter
14-15 Jahre16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
19,90 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Eine literarische Reise durch die Türkei in 33 Geschichten.

Beurteilungstext

Zu dieser "Rundreise" gibt es kein Vorwort des Herausgebers, dafür ein ausführliches Nachwort von Erika Glassen, der Herausgeberin der Reihe "Türkische Bibliothek" im Unionsverlag. Dem Covertext zufolge hat der in Istanbul geborene Herausgeber Germanistik und Kunstgeschichte studiert und danach als Übersetzer und Deutschlehrer in der Türkei gearbeitet; seit 25 Jahren lebt er in Deutschland und arbeitet als Lektor in Turkologie an der Universität Hamburg. Unter seinen Lehrveranstaltungen finden sich Sprachkurse in Türkisch, Übungen für Übersetzer, Linguistische Studien und Seminare zur türkischen Literatur - der ideale Hintergrund für eine literarische Reise durch die Türkei, die versuchen will, Deutschen ein neues Bild der Türkei zu vermitteln.
Ein solches Bild wird dringend benötigt. Seit Jahren schwelt die Diskussion um den Beitritt der Türkei zur EU - ein Thema mit unendlichem Konfliktpotenzial. Abgesehen von den politischen und menschenrechtlichen Gründen innerhalb Europas verbindet sich vor allem in der Bevölkerung häufig eine diffuse Angst vor dem Land, das so viele bereits im Urlaub kennen gelernt haben. Urlaub machen und den Alltag miteinander teilen sind aber zwei sehr verschiedene Dinge. Auch wenn gesellschaftliche Reformen mehr und mehr versuchen, die Türkei nach dem Vorbild Europas zu modernisieren, herrscht auf beiden Seiten vielfach Unverständnis - Unverständnis, dem zu begegnen man auf unterschiedliche Art versuchen kann.
Turan Tevfik also hat eine Annäherung mit einer literarischen Rundreise durch die Türkei versucht. Die ausgewählten 33 Erzählungen gliedert er nicht nach Autoren oder Themen, sondern ordnet sie einer bestimmten Gegend der Türkei zu, so dass sich tatsächlich eine von Istanbul ausgehende Rundreise ergibt. Die Karte im inneren Einband des Buches ist nur bedingt hilfreich; vor allem aufgrund der vielen fremden Namen hätte man sich eine Karte mit eingezeichneten Orten oder Landschaften gewünscht, um die geographische Reise dort nachzufahren; nicht alles ist findbar.
Wie das Nachwort, das ein Vorwort hätte sein sollen, erläutert, stellen die Erzählungen den Menschen in den Mittelpunkt. So ergibt sich ein differenziertes Bild dieser Menschen, das sicherlich in engem Zusammenhang mit ihrer Umgebung, ihrer Region, ihrer Geschichte steht. Erika Glassen, die in den 90er Jahren in Istanbul eine Zweigstelle des Orient-Instituts der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft im Libanon aufbaute, lernte die türkische Literatur im Land kennen, und sie versteht dieses Wissen in konzentrierter und doch verständlicher Form an den deutschen Leser weiterzugeben. In ihrem Nachwort entwirft sie ein kurzes Bild der türkischen Geschichte, zeichnet den Weg der Öffnung seit dem 19. Jahrhundert nach und stellt die einzelnen Erzählungen in diesen geographisch-gesellschaftlich-kulturellen Kontext. Ihre knappen, aber umso informativeren Ausführungen zu den Geschichten lesen sich wie Kurzinterpretationen, die dem Leser, der türkischer Literatur hier vielleicht zum ersten Mal begegnet, den Weg zeigen, den er beim Lesen gehen soll. Mir persönlich haben diese Ausführungen sehr geholfen, da sie mir vorweg die Augen öffneten für vieles, was ich ganz sicher überlesen oder so nicht verstanden hätte.
Es schließt sich ein Verzeichnis mit Worterklärungen an, eine sehr nützliche Sache, denn die Texte haben Begriffe in türkischer Sprache beibehalten, die typisch oder nur schwer oder gar nicht zu übersetzen sind. Hierzu gibt es auch einige Hinweise zur Aussprache des Türkischen.
Sehr informativ sind auch die kurzen Biographien der Schriftsteller, alle aus dem 20. Jahrhundert stammend, viele erst in den 50er Jahren geboren und somit noch in ihrer produktiven Phase.
Die Geschichten selbst sind sehr unterschiedlicher Art, ruhig dahinfließend, informativ, turbulent, heiter, skurril, exotisch, volkstümlich. Manche sind psychologisch motiviert und gestalten das Seelenleben ihrer Personen aus, deren Weltsicht und Weltbild, andere geben realistische Beschreibungen ihrer Heimatregion oder der gesellschaftlichen Probleme, befassen sich auch mit der Stellung der Frau in den modernen sozialen Strukturen und bringen ein deutliches Geschichtsbewusstsein mit ein, wieder andere liefern eher Reiseberichte. Die meisten Erzählungen sind relativ eng an der westlichen Kultur orientiert, und das mag für einen solchen Einführungsband auch gut sein.
Nachdrücklich empfehlenswert für alle, die anfangen wollen, sich dem Land anzunähern, das sich anschickt, unser aller direkter Nachbar zu werden.

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Diese Rezension wurde verfasst von avn.
Veröffentlich am 01.01.2010