Tatort Eden 1919

Autor*in
Nielsen, Maja
ISBN
978-3-8369-5681-9
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Seitenanzahl
191
Verlag
Gerstenberg
Gattung
Buch (gebunden)Erzählung/Roman
Ort
Hildesheim
Jahr
2018
Lesealter
12-13 Jahre14-15 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Klassenlektüre
Preis
9,95 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Teaser

„Wann soll es denn hier eine Revolution gegeben haben? Und wer sind Rosa, Karl und Leo?“ fragen Biko und Gottfried, als sie in der Requisitenkammer der Artistenschule in Berlin in einem alten Koffer Briefe, Zeitungsartikel und Postkarten findet.
Monsieur Vite, der Herrscher über die Requisiten und ihr Lehrer, weiß Antworten und beginnt zu erzählen von den stürmischen Ereignissen in den Wintermonaten 1918/19, in denen eine andere Gesellschaftsordnung möglich gewesen wäre.

Beurteilungstext

Gerade aus dem Sauerland in Berlin angekommen trifft der 17jährige Biko, Sohn eines Ghanaers und einer Deutschen, auf Lizzy, die eine Gruppe jugendlicher Flüchtlinge begleitet und ihn auch für einen hält. Bevor er den Irrtum aufklären kann, ist Lizzy verschwunden und Biko weiß, dass er sie unbedingt wiedersehen will.
In der Schule lehrt Monsieur Vite die angehenden Artisten die Kunst der Inszenierung und die Arbeit mit Requisiten. In einem riesigen Schrankkoffer finden die Jugendlichen dann Hinweise auf die Geschichte 1918/19 und wollen mehr wissen. Schließlich beginnt Monsieur Vite zu erzählen und schon ist man mitten drin im November 1918 und bewegt sich mit Pico, einem jungen Kellner auf den Straßen Berlins. Pico ist heilfroh, den barbarischen Krieg überlebt zu haben und nun auch wieder an seinen alten Arbeitsplatz im Hotel Eden zurückkehren zu können. Gleich trifft er auf Donna, „die Frau mit dem größten Herzen Berlins“ (S. 38), die ihn freudig begrüßt und immer noch vertraut liebevoll mit „Jungchen“ anspricht. Sie verehrt Rosa Luxemburg und setzt ihre Hoffnung auf diese großartige Rednerin und Kämpferin für eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft: „Solange Rosa lebt, lebt die Hoffnung!“ (S. 42) sagt sie. Aus ihrer Sicht und der Augenzeugenschaft von Pico werden nun die Ereignisse rund um die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erzählt. Durch seine Rolle als Kellner kommt Pico den Gegnern der Revolution ganz nah, die im Hotel Eden ihr Stabsquartier haben und ihre Verbrechen planen: Allen voran Waldemar Pabst, der Erste Generalstabsoffizier der berüchtigten Garde-Kavallerie-Schützen-Division(ein Freikorps). Er setzt mit seinen Männern die Morde in die Tat um, erfindet die Lügen um die Morde und rühmt sich noch in den 60er Jahren damit. Pico ist zufällig in den Räumen der Offiziere dabei, als Pabst mit Noske (berühmt geworden mit dem Ausspruch „Einer muss der Bluthund sein“) telefoniert und ihm wird klar, was geplant ist. Er beobachtet dann, wie Liebknecht, schon schwer verletzt, in einen Wagen gestoßen wird, der in Richtung Tiergarten davonrast. Und er erfährt auch, wie Rosa Luxemburg im Hotel verhört und schwer verletzt wird. Als Pico die Lügen hört über die Ereignisse dieser Nacht – Rosa sei von wütenden Menschen totgeschlagen worden und Karl sei auf der Flucht erschossen worden – wird ihm klar, dass er handeln muss „Für Rosa, denkt er und stellt fest, wie radikal ihn die vergangene Nacht verändert hat. Für Donna und Rosa werde ich jetzt zum Spion.“ (S. 122) Er berichtet Donna alles, was er hört und sieht. Als Leo Jogiches in einem Artikel in der „Roten Fahne“ die Lügen entlarvt und kurz darauf auch ermordet wird, muss er um sein Leben fürchten.
Pico und Donna sind die zentralen Figuren des historischen Teils dieses ungemein spannenden und überzeugenden Jugendromans. Pico ist der jugendliche Held, mit dessen Augen man auf die Ereignisse sieht, mit dem man hofft und sich sorgt, dessen Ängste und Wünsche man teilt. Donna ist eine mütterliche Heldin, die Pico ein Zuhause bietet, ihn ernst nimmt und seine Beobachtungen und Erfahrungen in den Kontext der revolutionären Ereignisse stellt. Donna hat dabei einen klaren Standpunkt: Sie steht auf der Seite der Arbeiter und kämpft für eine sozialistische Gesellschaft.
Eine Person wie Pico hat es tatsächlich gegeben, wie Klaus Gietinger der Rezensentin bei einer Veranstaltung zur Novemberrevolution jüngst erzählte. Klaus Gietinger, Sozialwissenschaftler und Filmemacher, hat als Erster den Nachlass von Waldemar Pabst gesichtet und ausgewertet. Seine Expertise und sein Rat tragen wesentlich dazu bei, dass Nielsens Jugendroman die historischen Tatsachen so genau abbilden kann, wie er es tut. Dabei werden auch einige Dinge zurechtgerückt, die in der Diskussion um die Novemberrevolution gerne übersehen werden: Z.B. die unrühmliche Rolle der Mehrheitssozialdemokratie (SPD) im Zusammenhang mit der Niederschlagung der Revolution.
Eine Chronik der Ereignisse 1918/19 und knappe, verständlich geschriebene Texte zu den wichtigsten historischen Personen und Parteien, sowie das schön gestaltete Vorsatzpapier mit einem Berliner Stadtplan von 1918, in dem die wichtigsten Orte zur Orientierung eingezeichnet sind, ergänzen und helfen beim Verstehen dieser bedeutsamen Zeit in der Geschichte der Arbeiterbewegung.
Der historische Pico und der heutige Biko, benannt nach dem südafrikanischen Freiheitskämpfer Steve Biko, sind sympathische jugendliche Helden und Identifikationsfiguren. Es sind beides junge Männer, die in einer gesellschaftlichen Umbruchsituation zu Handelnden werden, weil sie erkennen, dass etwas ganz und gar falsch läuft: Pico wird durch den Mord politisiert und Biko, in der geschützten Provinz aufgewachsen, gerät mit Gottfried zwischen die Fronten bei Aktionen für das Recht auf Asyl, wo sie von Neonazis angegriffen werden. Beide Jugendlichen sind in politisch aktive Frauen verliebt, was für den Politisierungsprozess nicht ganz unwichtig ist. Nach vielen Aufregungen und Abenteuern finden sie ihre Geliebten auch wieder: Pico seine Pippa und Biko seine Lizzy. Auch wenn diese jungen Frauen nicht die Hauptfiguren sind, sind sie doch auch Vorbilder, denn sie stellen sich mutig den Konterrevolutionären (damals) und den Rassisten (heute) entgegen.
Nielsen sagt zur Frage, warum sie die zwei Erzählstränge (1918/19 und 2015) miteinander verknüpft hat, dass man zwar 1918/19 nicht direkt vergleichen kann: Was aber ähnlich ist: Es gibt auch in unserer Zeit starke soziale Verwerfungen. Flüchtlinge werden umhergetrieben, täglich ertrinken Menschen im Mittelmeer. Gleichzeitig erleben wir das Erstarken von neuen rechten Bewegungen… An der Geschichte von Rosa Luxemburg kann man ablesen, was geschieht, wenn eine Gesellschaft aufhört, respektvoll mit Andersdenkenden umzugehen.“ (Quelle: Unterrichtsmaterial zum Buch)
Maja Nielsen ist eine großartige Erzählerin, die gekonnt das historische Material mit der Rahmenhandlung (typografisch abgesetzt) im heutigen Berlin verwebt. Herausgekommen ist ein aufregender, spannender, bis ins Detail wahrhaftiger Jugendroman, dem man viele LeserInnen wünscht.

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Diese Rezension wurde verfasst von SRAn; Landesstelle: 16 Hessen.
Veröffentlicht am 05.03.2019

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