Salon Salami

Autor*in
Tienti, Benjamin
ISBN
978-3-7915-0047-8
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Jung, Barbara
Seitenanzahl
160
Verlag
Dressler
Gattung
Buch (gebunden)Erzählung/Roman
Ort
Hamburg
Jahr
2017
Lesealter
8-9 Jahre10-11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
12,99 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Teaser

Die 12jährige Hani hat viel Verantwortung: Seit ihre Mutter im Gefängnis ist, muss sie sich um den kleinen Bruder und den Haushalt kümmern - und da ist es nur allzu verständlich, dass sie das überfordert. Sie will nur eines: auch ins Gefängnis.

Beurteilungstext

Die 12jährige Hani lebt in einer überschaubaren Welt. Im Mittelpunkt: der Frisörsalon, der eigentlich Onkel Ibo gehört, den aber Hanis Vater vollständig betreibt. Die Wohnung von Hani ist über dem Frisörsalon, das Leben außerhalb der Schule findet im Salon statt, denn da kommen nicht nur Kunden, sondern auch viele Menschen aus der Straße vorbei und trinken einen Tee. Doch nichts stimmt in Hanis Leben: Ihre Mutter ist im Gefängnis, der Vater kann zwar "Frisör", aber den familiären Alltag kann er in keiner Weise bewältigen. Alles bleibt auf Hani hängen: Waschen, einkaufen, putzen, um den kleinen Bruder Moma kümmern.
Und so überfällt Hani eine Bank, um zur Mutter ins Gefängnis zu kommen. Als Waffe ein Tomatenmesser. Sanft wird sie von der Security entwaffnet, die Polizei weiß auch nichts so recht mit ihr anzufangen, auch, weil Hani sich weigert, ihren Namen mitzuteilen. Und so landet sie schließlich bei Mira, einer empathischen Jugendamtmitarbeiterin, die sie über Nacht mit in ihre Wohnung nimmt. Damit fängt eine langsame Veränderung in Hanis Leben an, denn Hani hält Mira für eine Freundin, auch, weil Mira Hani ein wenig in ihr privates Leben lässt. Für den Vater und Onkel Ibo ist die Einmischung des Jugendamtes jedoch höchst unangenehm, denn es droht nicht nur eine Untersuchung in Bezug auf das Sorgerecht, nein, Ibo handelt mit Drogen.
Und natürlich kommen Mira und Hani nach und nach dahinter, auch, dass Hanis Mutter wegen Ibos Drogengeschäften im Gefängnis sitzt. Das Ende bringt Zuversicht, wenn auch (noch?) kein Happy End.

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von Hani, so dass sie die Geschehnisse kommentieren und Entdeckungen mit uns Lesenden zusammen machen kann. Dabei wird zwar einerseits ihre etwas eingeschränkte Sicht auf Welt deutlich, andererseits aber auch, wie patent und intelligent sie denken und handeln kann. Aus dieser Perspektive wird auch plausibel, wie hin- und hergerissen Hani ist, denn Ibo ist immer nett zu ihr, ein wirklich guter Onkel. Und die Trägheit des Vaters nervt sie zwar, trotzdrm nimmt sie ihn als liebenswerten Menschen wahr. Gut und Böse, das ist hier nicht als Schwarz-Weiß-Abbild dargestellt, sondern fast allen Figuren inhärent. Eine sensible, vielfältige Welt wird aufgebaut, die den meisten Kindern, die dieses Buch lesen werden, fremd sein wird. Diese fremde Welt ist nicht aufdringlich, das zeigt sich z. B. darin, dass die Familie in irgendeiner Form einen Migrationshintergrund hat, ohne dass das in besonderem Maße hervorgehoben wird.

Immer wieder werden wir als Lesende zum Reflektieren gebracht. So, wie es in einem kleinen Dialog zwischen Hani und Mira deutlich wird:
"Was machst du eigentlich im Jugendamt?"
"Schwer zu sagen. Mich über Wasser halten. Ich habe siebzig Fälle auf dem Schreibtisch."
"Was für Fälle?"
"Familien. Mit Problemen. So wie..."
"Das sind Fälle?"
"Okay, das klingt ein bisschen doof. Erst sind es ja Menschen. Und dann erst Fälle. Wenn die Eltern ihre Kinder nicht gut behandeln. Oder wenn die Kinder sehr viel Mist bauen. Meistens beides."

Ganz nebenbei, ohne belehrend zu wirken, wird hier einiges über die Arbeit in Jugendämtern erzählt und gleichzeitig der Blick einer solchen "behördlichen Einrichtung" kritisch hinterfragt. Kinder können das beim Lesen wahrnehmen, als Denkanstoß nutzen oder einfach darüber hinweglesen und die oft auch komischen Situationen in den Mittelpunkt ihrer Leseaufmerksamkeit stellen.

Bemerkenswert sind auch die Illustrationen von Barbara Jung. Jedes Kapitel hat am Anfang eine Vignette, die ein klein wenig vorgreift. Und dann nehmen die Illustrationen eine Marotte Hanis auf: Diese fotografiert die Kunden des Frisörsalons vor und nach dem Haareschneiden und stellt die Fotos regelmäßig ins Schaufenster. Am Ende fast jedes Kapitels finden wir eine solche gezeichnete Gegenüberstellung - oft zum Schmunzeln.

So hat dieses Buch sehr viele Qualitäten, schafft Tiefe und Differenzierung, unterhält und hält die Spannung. Es gibt Einblicke in eine Welt, die vielen fremd ist und macht sensibel für die Vielfalt, die es in unserer Gesellschaft gibt. Das macht das Buch nicht nur für die private Lektüre sehr empfehlenswert, sondern auch als Klassenlektüre.

Christoph Jantzen, AJuM Hamburg

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von Christoph Jantzen; Landesstelle: Hamburg.
Veröffentlicht am 25.10.2017

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