Sämtliche Erzählungen

Autor*in
Ringelnatz, Joachim
ISBN
978-3-257-06357-8
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Seitenanzahl
368
Verlag
Diogenes
Gattung
Ort
Zürich
Jahr
2003
Lesealter
14-15 Jahre16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
29,90 €
Bewertung
empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Eine Zusammenstellung der original in 5 Bänden veröffentlichten Erzählungen und Novellen und des schriftstellerischen Nachlasses.

Beurteilungstext

Von dem 1883 in Wurzen in Sachsen geborenen Hans Bötticher ist vor allem seine bewegte Lebensgeschichte bekannt: Nach einer durch Aufmüpfigkeit und Originalität gekennzeichneten Schulzeit fährt er vier Jahre als Schiffsjunge und Matrose zur See und wird im Ersten Weltkrieg Kommandant eines Minensuchbootes. Ab 1920 tritt er als Vortragskünstler in der Münchener Bohemekneipe “Simpl” bei Kathi Kobus auf, bis er als “Seemann Kuttel Daddeldu” in ganz Deutschland berühmt wird. Als reisender Artist Joachim Ringelnatz hat er mehrere Jahre großen Erfolg, bis er 1933 von den Nazis verboten und beschlagnahmt wird und ein Jahr später völlig verarmt und krank stirbt.
Die vorliegenden Erzählungen zeichnen ein Bild des Dichters, das mit seinen Nonsensgedichten und vielen virtuosen Reimwerken nichts zu tun hat. Zwar schimmert auch hier die Könnerschaft im Umgang mit dem geschriebenen Wort immer wieder durch, aber viel stärker als seine Lyrik lassen die Novellen den inneren Gemütszustand erkennen. Über weite Strecken dominieren Gefühle wie Hilflosigkeit, Sinnlosigkeit, Unterlegenheit und Unterdrückung. Bis zum Weltkrieg bewegt R. - um mit Brecht zu sprechen - die “Sinnlosigkeit menschlichen Strebens”.
Der Krieg dann bringt zorniges Aufbäumen, ungerechtes Besiegtwerden, aber stets auch die Nähe von Versagen, Sinnlosigkeit und Tod. Viele Geschichten schildern Marineerlebnisse, wie das Seemannsleben überhaupt ein Hauptmotiv der Erzählungen bleibt.
Erst die 1920er Jahre führen in die eher bekannten Sphären von Humoresken und Nonsensgeschichten, deren Aberwitz die früheren Gefühlswelten in eine resigniert-spöttelnde Einstellung transformiert. Denn man sollte sich nicht täuschen lassen, auch die angeblich “lustigen” Werke sind oft eher von Galgenhumor oder von Fatalismus geprägt.
Insgesamt kosten Ringelnatz’ Prosaschriften etwas mehr Mühe und Mitdenken als seine Poesie. Wer leichte Kuttel-Daddeldu-Lektüre erwartet hat, wird sich wundern. Melancholie und Frust spielen eine weit größere Rolle. Dennoch lohnt es, auch diese Seite des Dichters kennen zu lernen, denn er ist nicht nur ein scharfer Beobachter und versierter Analytiker, er führt auch ein scharfes moralisches Skalpell und weiß zielgenau zu schildern. An seiner Wortgewalt kann sich noch mancher einiges abgucken!

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Diese Rezension wurde verfasst von bh.
Veröffentlich am 01.01.2010

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