Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen
- Autor*in
- Blum , Isaac
- ISBN
- 978-3-407-75721-0
- Übersetzer*in
- Schiffer, Gundula
- Ori. Sprache
- Amerikanisch
- Illustrator*in
- –
- Seitenanzahl
- 224
- Verlag
- Beltz & Gelberg
- Gattung
- Erzählung/RomanTaschenbuch
- Ort
- Weinheim
- Jahr
- 2023
- Lesealter
- 14-15 Jahre16-17 Jahreab 18 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiKlassenlektüre
- Preis
- 15,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Als der 17-.jährige Jehuda, den alle Hoodie nennen, an einem sonnigen Tag erstmalig Anna-Marie sieht, ist er sofort hingerissen von ihr. Hoodie ist, anders als Anna-Marie, orthodoxer Jude, als solcher auch an seinem typischen Outfit erkennbar. Trotzdem finden beide zueinander. Sogar, als es darum geht, Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Grabsteinen zu entfernen. Die jüdische Community toleriert jedoch keinen Umgang mit der „Schickse“. Was dann allseits für erhebliche Probleme sorgen wird.
Beurteilungstext
Alles fängt harmlos an wie eine ganz normale Lovestory. Die beiden Protagonisten leben in derselben amerikanischen Stadt Tregaron, allerdings in zwei gänzlich unterschiedlichen Welten. Hoodie, der eigentlich Jehuda heißt, stammt aus einer jüdisch orthodoxen, wenngleich vorsichtig liberalen Familie, die sich in jeder Hinsicht streng an jüdische Vorgaben hält. Das ist schon äußerlich an Hoodies Bekleidung erkennbar. Ein engerer Kontakt mit Nichtjuden wird in seinem jüdischen Umfeld nicht toleriert. Anna-Marie hingegen ist, wie sich bald herausstellt, die Tochter der örtlichen Bürgermeisterin, die mit Religion nicht allzu viel zu tun hat und sich gegen den Bau eines von der ansässigen jüdischen Gemeinde geplanten großen Wohnhauses ausgesprochen hat. Konflikte sind bei dieser Konstellation quasi vorprogrammiert.
Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Lebensumstände scheinen sich Anna-Marie und Hoodie auf Anhieb gut zu verstehen. Sie betätigen sich sogar gemeinsam bei der Entfernung von Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Grabsteinen. Doch für die jüdische Gemeinde ist diese Aktion gegen Antisemitismus eher nebensächlich. Als viel schlimmer angesehen wird nämlich die Tatsache, dass Hoodie eine Verbindung mit einer „Schickse“, einer Nichtjüdin, eingegangen ist. Doch Hoodie steht dazu. Bei einer Streiterei mit rechtsradikalen Jugendlichen wird er schwer verletzt. Aber das bringt im Endeffekt die Bürgermeisterin dazu, den Bau dem Wohnhauses doch noch zuzustimmen. Und Hoodie, der von allen Seiten abgelehnt wurde, steht plötzlich als Held da.
Isaac Blums Roman „Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen“ bezieht sich auf antisemitische Ereignisse, die der jüdische Autor und Lehrer an einem jüdisch-orthodoxen Internat Ende 2019 in Jersey City erlebte. Blum hat sich einer zweifellos schwierigen Thematik zugewandt, die er mit einigem Witz und Sarkasmus vorsichtig entschärft, ohne indes ihre Brisanz zu mindern. Er schildert ausführlich das schulische und gesellschaftliche Leben in einem orthodoxen Internat, etwa die ausgeprägte Lust am Diskutieren über unterschiedlichste Sujets und Streitpunkte, die in der Thora wie auch im Leben der Juden von Belang sind, die aber einem unbedarften Leser thematisch bisweilen reichlich absurd erscheinen mögen.
Blum versucht damit, etwas von den Wurzeln und der aktuellen Bedeutung jüdischer Identität zu vermitteln. Sein Protagonist Hoodie hinterfragt jedoch vieles von seiner koscheren Lebensweise, was angeblich nach Meinung orthodoxer Juden unantastbar ist: Kleidungs- und Essvorschriften, Beziehungen zu Andersgläubigen, Gottesvorstellungen. Er sucht – auch, um das Verhältnis zu Anna-Marie nicht zu zerstören – nach mehr Handlungsfreiheit und möglichen Kompromissen, wird aber von den Eltern und den geistlichen Führern seiner Gemeinde hart ausgebremst. Erst durch das brutale Vorgehen einer Gruppe antisemitischer Rechtsradikaler ergibt sich eine für ihn verbesserte Konstellation, sein Leben ohne übermäßige Einschränkungen führen zu können.
Der Autor stellt in seinem Roman zwar vieles an jüdischem Leben und jüdischer Überzeugung mehr oder weniger direkt in Frage, gibt aber keinerlei wohlfeile Antworten. Er positioniert sich uneingeschränkt gegen jede Form von Antisemitismus, versucht aber zugleich, dafür zumindest ansatzweise mögliche Erklärungen zu eruieren. Für jugendliche Leserinnen und Leser ab etwa 14 Jahren, für die dieses Buch empfohlen werden kann, ist all dies keineswegs immer einfach nachzuvollziehen. Blum bringt es auf den Punkt, wenn er über das Verhältnis von Juden und nichtjüdischer Bevölkerung (s.S. 121) lapidar ausführt: „Es gab hier zwei Gruppen von Menschen und jede folgte ihren eigenen Gesetzen.“
Eine simple, quasi globale Lösung gibt es offensichtlich weder von der einen noch von der anderen Seite, schon gar nicht, wenn auf harten Konfrontationskurs gesetzt wird. Ein wichtiger Ansatz ist jedoch – und das bleibt letztlich als Fazit des kenntnisreich und gut verständlich geschriebenen Romans - das respektierende, oder, im konkreten Fall, mehr noch: liebevolle mitmenschliche Miteinander.
Die Bedeutung verwendeter jüdischer Begriffe ergibt sich in den allermeisten Fällen aus dem erklärenden Kontext. Dennoch hätte man sich vereinfachend ein zusätzliches Glossar gewünscht.
Das Buch ist ausgezeichnet geeignet als schulische Diskussionsgrundlage in der Mittel- und Oberstufe zum Thema Antisemitismus. Zudem könnte es auch für ältere, sowohl jüdische als auch nichtjüdische Leserinnen und Leser ein Anstoß sein, die Realität von Antisemitismus bewusster wahrzunehmen, das Verhältnis zwischen Juden und nichtjüdischer Bevölkerung kritischer zu hinterfragen und einen möglichst für beide Seiten akzeptablen Konsens, besser noch eine unbelastete Selbstverständlichkeit im gemeinsamen Zusammenleben zu erreichen.