Pullerpause im Tal der Ahnungslosen
- Autor*in
- Gehm, Franziska
- ISBN
- 978-3-7313-1182-9
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- –
- Sprecher*in
- –
- Umfang
- 308 Minuten
- Verlag
- Oetinger Audio
- Gattung
- AudioErzählung/Roman
- Ort
- Hamburg
- Jahr
- 2017
- Altersempfehlung
- 8-9 Jahre10-11 Jahre12-13 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- –
- Preis
- 16,99 €
- Bewertung
Teaser
Als Jobst mit seiner Mutter im Dresden des Jahres 1986 landet, ahnt er noch nicht, dass sich die Pullerpause zu einem echten DDR-Abenteuer ausweiten wird. Dabei ist das Land, in dem sie gelandet sind, ein Land, was er kaum kennt, denn es ist Geschichte. Ein kriminalistisches und witzig lehrreiches Hörspiel, bei dem Erinnerungen aufkommen und 30 Jahre nach Mauerfall auf jeden Fall gelacht werden darf!
Beurteilungstext
Die DDR ist Geschichte. Einfach aufgelöst, beinahe in Vergessenheit geraten, dient sie heute als Projektionsfläche für vielerlei Geschichten. Von manchem wird sie vielleicht zurückgewünscht, weil es da noch Disziplin und Ordnung gab – vor allem bei den Organisationen der Pioniere und der Freien Deutschen Jugend kurz FDJ. Doch wie frei war diese Jugend? Wie frei war dieses Land? Dieser Teil der deutsch-deutschen Vergangenheit erfährt in der Kinder- und Jugendliteratur in den letzten Jahren vorsichtig an Aufmerksamkeit. Auch bei der Generation der in der DDR gerade noch so Geborenen wächst das Interesse an der Geschichte und der Herkunft. Wie lässt sich diese in die heutige Zeit integrieren? Zu welchen Erwachsenen hätten wir uns alle entwickelt, wenn 1989 die Mauer nicht gefallen wäre? Franziska Gehm, geboren zu Hochzeiten des Sozialismus im verschlafenem Sondershausen, im damaligen Bezirk Erfurt in Thüringen, zeichnet in ihrem Buch, welches der Regisseur David Fischbach vertonte, das Leben in der DDR sehr pointiert nach. Da darf vor allem eins, was früher so nicht erlaubt gewesen wäre: Gelacht werden – und zwar auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze, denn schließlich lebt die „in der Zone“ Geborene heute in München.
Die Geschichte entspinnt sich fantastisch, denn der elfjährige Jobst ist gemeinsam mit seiner Mutter Susanne auf der Rückreise aus dem Urlaub. Doch es ist weder die sozialistische Republik noch das kapitalistische Heimatland in dem beide ihre Ferien verbrachten, sondern es ist das Mittelalter. Und wie reist man bequemer als in einem alten Familienerbstück – einem Zeitreisekoffer. Als Susanne, Jobsts Mutter, unterwegs kurz austreten muss, halten die beiden im Jahre 1986 mitten im sozialistischen Dresden. Dieser Teil der Republik wurde von Einheimischen aufgrund des schlechten Empfangs der westdeutschen Fernseh- und Radiosender auch gerne als „Tal der Ahnungslosen“ bezeichnet. Während Jobst sich staunend umschaut und seine Mutter sich erleichtert, verschwindet ausgerechnet ihr Reisegefährt. So entpuppt sich die Weiterreise ins heimatliche München als wahre Herausforderung. Denn vor allem Susanne sorgt, ebenso wie Jobst altertümlich gekleidet, für jede Menge Aufsehen. Die Einschränkungen der selbstverständlich gewohnten Reise- und Meinungsfreiheit sind für Susanne in keiner Weise nachvollziehbar. Begegnungen mit dem ABV (ABV steht für Abschnittsbevollmächtigter mit dem man Revierpolizist*innen bezeichnete) bringen beiden beinahe einen Aufenthalt im Gefängnis ein. Vor diesem Unglück werden sie von Theaterregisseur Frank Kühne bewahrt, welcher ihnen in seiner Datsche Obdach gewährt, sie sozialistisch schick kleidet und gleichsam in Sitten und Gebräuche des sozialistischen Vaterlandes einführt. In der Regisseurstochter Jule und dem Pionier Letscho findet Jobst rasch gleichaltrige Freunde, die alles daran setzen, den Koffer wieder zu finden. So dauert die Pullerpause länger als gedacht, denn Begegnungen mit alten Bekannten sorgen für Verwirrung und der Koffer erregt beim Staatsratsvorsitzenden Hockecker großes Interesse. Damit ist der Koffer plötzlich Chefsache und nur ein ausgeklügelter Plan der Pioniere kann helfen, diese zu lösen. Bis zur letzten Minute bleibt es spannend und witzig zugleich. Ein echter DDR-Krimi!
Produziert von Dr. Barbara Landsteiner im Auftrag von Amazon und Audible ist dieses Hörspiel mit Elisabeth Günther als Erzählerin, Gustav Stolze als Jobst, Annette Frier als Susanne, dem Theaterregisseur Frank alias Dirk Schoedon und Edith Stehfest als dessen Tochter ein absolutes Hörerlebnis. Vertraute Ohren erkennen die in der DDR gegründete und mittlerweile zu den ältesten Rockbands Deutschlands zählende „Stern-Combo“ Meißen bereits in der Titelmusik. Der charmanten Stimme Günthers und ihrer gelungenen Beschreibung der DDR ist besonderes Augenmerk zuzuschreiben. Aber vor allem dank Schoedon fühlt man sich durch Akzent und Wortwahl eins zu eins ins Dresden der achtziger Jahre versetzt. Auch die witzigen Sprüche vom vorlauten Pionier Letscho – gesprochen von Luca Krüger - lassen bei in der DDR Geborenen Erinnerungen aufleben. Authentisch und mit jeder Menge Humor wird die DDR beschrieben. Was echten DDR-Kindern bei wiederholtem Hören auffallen mag ist, dass die Pioniere Letscho und Jule sprachlich linientreu und überaus reflektiert für ihr Alter daher kommen. Das irritiert an einigen Stellen, da sich die Frage stellt ob Sechst- bzw. Siebtklässler als treue Thälmannpioniere in der Lage waren, sich in dem Maße systemkritisch zu gebärden. Sei es drum! Alles in allem ist das Hörspiel ein wahrlich gelehriger Angriff auf die Lachmuskeln und absolut empfehlenswert!