Orlando
- Autor*in
- Kuhlendahl, SusanneWoolf, Virginia
- ISBN
- 978-3-03964-100-0
- Übersetzer*in
- Kuhlendahl, Susanne
- Ori. Sprache
- Englisch
- Illustrator*in
- Kuhlendahl, Susanne
- Seitenanzahl
- 208
- Verlag
- Helvetiq
- Gattung
- Buch (gebunden)Comic / Graphic Novel
- Ort
- Lausanne
- Jahr
- 2025
- Lesealter
- 16-17 Jahreab 18 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- Bücherei
- Preis
- 27,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Die Graphic Novel von Susanne Kuhlendahl macht Woolfs fiktive Biografie „Orlando“ einem breiten und jungen Publikum zugänglich. Sie erzählt die Geschichte des Adligen Orlando, der durch die Zeit reist und seine Geschlechteridentität wechselt. Er durchlebt drei Jahrhunderte, bis er als Frau im frühen 20. Jahrhundert ankommt. Orlando ist eine "surreale und fabulierende Auseinandersetzung mit dem Geschlecht, dem Lauf der Zeit und der Liebe mit all ihrer Vieldeutigkeit und Launenhaftigkeiten“.
Beurteilungstext
Die Geschichte von Orlando beginnt im England des 16. Jahrhunderts. Es wird erzählt, wie der junge Adlige die russische Gräfin Sasha kennenlernt und nach einer leidenschaftlichen Affäre von ihr verlassen wird. Im 17. Jahrhundert wendet er sich der Literatur zu, möchte selbst ein Dichter sein und ruft: „Schreibend will ich ewigen Ruhm erringen!“ Mit seinen Werken findet er jedoch keine Anerkennung. Enttäuscht von der Liebe und der Literatur zieht er sich ganz zurück in Naturbegegnungen. Orlando beschließt auf Reisen zu gehen. In Konstantinopel ist er „hingerissen beim Anblick dieses wilden Panoramas“, beschließt zu bleiben und wird dort zum Botschafter des englischen Königshauses. Und „alle Damen hier sind unsterblich verliebt in ihn, so hinreißend ist er“.
Während eines Aufstandes erwacht Orlando nach einem mehrtägigen Schlaf als Frau. Sie versucht bei den Nomaden zu leben, fühlt sich dort aber fremd und ausgegrenzt und sehnt sich nach ihrem Heimatland. Nachdem sie nach England zurückgekehrt ist und nun im 18. Jahrhundert wieder in London lebt, kommt „ihr mit Schrecken zu Bewusstsein, welche Einschränkungen und Vorrechte ihre Lage (als Frau) mit sich brachte“. Orlando weiß um die Geheimnisse von Männern und Frauen und teilt die Stärken und Schwächen beider Geschlechter.
Die Rückkehr in London gestaltet sich nach so langer Zeit kompliziert. Die Rechte an ihrem Haus und Besitz werden in Frage gestellt. Orlando macht die Bekanntschaft von Männern und Frauen, kleidet sich abwechselnd männlich und weiblich und „steigerte ... die Freuden des Lebens und vervielfachte ihre Erfahrungen“. Während der Viktorianischen Epoche begegnet ihr der Kapitän Shelmerdine; sie heiratet ihn, muss aber wegen seiner häufigen Abwesenheit kaum ihren Lebensstil ändern. Sie spürt deutlich: „Wir alle holen verschiedene Selbste zu verschiedenen Gelegenheiten hervor“.
Im 20. Jahrhundert dann erfährt Orlando endlich Anerkennung als Schriftstellerin, ihr Buch wird veröffentlicht und sie lebt das Leben einer modernen Frau. Immer häufiger taucht die Autorin Virginia Woolf in der Graphic Novel auf und kommentiert das Geschehen, das autobiografische Züge zeigt. Es greift Woolfs leidenschaftliche Beziehung zu Vita Sackville-West auf und spricht auch ihre Lebenskrisen an. So heißt es gegen Ende: „Wenn man über eine Frau schreibt, ist nichts am richtigen Platz.“
Die vielschichtigen, ausdrucksstarken Illustrationen dieser Graphic Novel spiegeln die unterschiedlichen Epochen, Charaktere und Empfindungen wider und versuchen die komplexe Handlung auf anschauliche Weise zu erzählen. Vielleicht gelingt es ihnen noch stärker als der Originaltext von 1928, die Atmosphäre und den Zeitgeist (Natur, Orte, Mode…) darzustellen. Dadurch kann Woolfs „Klassiker der feministischen und queeren Literatur“ nicht nur für jugendliche Leser verständlicher werden. Das Werk zeigt, wie unterschiedlich sexuelle Orientierung aussehen kann, und ermutigt seine Leser, das eigene Selbst zu leben.
Trotz alledem bleibt Woolfs fiktive Biografie auch in dieser Form ein sehr komplexer, anspruchsvoller Lesetext, der ein gewisses Interesse an der Autorin und dem Thema voraussetzt. Die Form der Graphic Novel kann aber ein guter Einstieg sein, sich dem literaturhistorisch interessantem Originaltext zu nähern und sich mit dem gesellschaftlichen Thema der „sexuellen Orientierung“ auseinanderzusetzen.
Die Künstlerin zeigt mit ihren Arbeiten in diesem Buch: „Eine Illustration visualisiert des Unsagbare. Wir erfassen mit einem Blick, was in Worten schwer auszudrücken ist… Eine Geschichte, die in Bildern erzählt ist, findet einen anderen Weg in unser Bewusstsein als ein Text.“ Auf diesem Weg gelingt es ihr, die Geschichte von Orlando in die Gegenwart zu holen. Kuhlendahl hat auch Thomas Manns „ Der Tod in Venedig“ als Graphic Novel adaptiert.
Der Roman “Orlando“ wurde 1992 mit Tilda Swinton verfilmt, der Film wurde mehrfach ausgezeichnet. Auch damit ist ein weiterer Zugang zu Woolfs fiktiver Biografie möglich.