Milchgesicht

Autor*in
Duda, Christian
ISBN
978-3-407-75543-8
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Seitenanzahl
156
Verlag
Gattung
Buch (gebunden)Erzählung/Roman
Ort
Weinheim
Jahr
2019
Lesealter
16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
13,95 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Teaser

Milchgesicht bezeichnet - leicht abwertend - einen jungen, unerfahrenen Mann, ebenso ein zartes, blasses Gesicht. Beides trifft auf Sepp zu, der in den 1950er Jahren in das raue Dorfleben in der Steiermark hineingeboren wird. Seine Mutter kann das feine, kränkliche Baby nicht aufziehen, es muss zur alleinstehenden Tante. Hinter vorgehaltener Hand wird im Dorf immerzu über Sepp getuschelt, sein Aussehen wie seine feinsinnige Art machen ihn zum Außenseiter.
Duda schildert in einfacher Sprache und knappen Sätzen eindringlich das Leben in diesem engen, von Neid und Missgunst bestimmten Dorfgefüge. Man begleitet Sepp auf seinem schweren Lebensweg. Immer wieder prügelt das Schicksal gnadenlos auf ihn ein, aber der einst so zarte Sepp scheint abgehärtet durch die Zeit, macht einfach immer weiter, ist hartnäckiger als das zäheste Leder.

Beurteilungstext

Das Buch "Milchgesicht" von Christina Duda erinnert nicht nur wegen seines Titels, sondern auch der Gestaltung des Covers an den Roman "Herbstmilch" von Anna Wimschneider aus den 1980er Jahren. Wimschneider beschrieb in ihren Lebenserinnerungen das harte und entbehrungsreiche Leben als junge Bäuerin zur Zeit des zweiten Weltkriegs. Atmosphärisch knüpft Milchgesicht an diesen Roman an. Der Erzähler breitet rückblickend und basierend auf Briefen, Fotos und Zeitungsschnipseln, die er nach dem Tod seiner Großmutter Cäcilia findet, die Lebensgeschichte des Bruders seiner Oma aus.
Die 1950er Jahre, der Krieg ist vorbei, das Leben in einem Dorf in der Steiermark hart und seinen eigenen Regeln folgend. In diese unwirtliche Welt wird Sepp hineingeboren, ein blasses und kränkliches Baby, um das sich die bei einem Bauern in Lohn und Brot stehende Mutter nicht kümmern kann. Sepp wächst bei seiner Tante auf, in klaustrophobischer Enge, unter ihrer anhänglich-liebevollen wie strengen Hand. Die Jahre vergehen und Sepp wächst seiner Tante über den Kopf, gerät an den von den Dörflern gefürchteten Wirt, der immer wieder Anfälle von Raserei hat. Sepp wird schließlich vom Außenseiter zum Ausgestoßenen und als Erwachsener für psychiatrisch-medizinische Zwecke missbraucht.

Duda nimmt den Leser mit in eine fremde und archaische Welt. Mit seiner Sprache spinnt er eine dichte Atmosphäre, der man sich beim Lesen kaum entziehen kann. Zu keiner Zeit ist einem Sepp sympathisch, aber doch leidet man die ganze Zeit mit ihm. Zum Teil sind die brutalen Szenen schwer zu ertragen und gelegentlich braucht man ein wenig Abstand zum Text. Aber trotz all der rohen Gewalt, der Bigotterie, der Stimmung von Unterdrückung und Ausgrenzung, gelingt es Duda immer auch den zutiefst menschlichen Kern seiner Protagonisten zu zeigen.
Das Buch hat mich sehr beeindruckt, stellenweise auch erschüttert und abgestoßen. Warum Milchgesicht als Jugendroman deklariert ist, erschließt sich mir nicht. Ich wünsche Milchgesicht eine große Leserschaft, die altersmäßig gerne auch weit über die anvisierten Jugendlichen hinausgeht, weil es auch erwachsenen Lesern viel zu sagen hat.
Christian Duda hat einen Roman geschrieben, der ebenso wie Herbstmilch zu den Chroniken unseres menschlichen Miteinanders und Daseins gehört und einen festen Platz im deutschsprachigen Literaturkanon verdient. Es empfiehlt sich als Klassenlektüre ganz besonders für die Oberstufe.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von Karo; Landesstelle: Nordrhein-Westfalen.
Veröffentlicht am 18.04.2020

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