Martin & Jack. Von Hundebesitzern, Katzenjägern und der Suche nach dem Glück
- Autor*in
- Nilsson, Frida
- ISBN
- 978-3-8369-6276-6
- Übersetzer*in
- Buchinger, Friederike
- Ori. Sprache
- Schwedisch
- Illustrator*in
- Kuhlmann, Tobias
- Seitenanzahl
- 372
- Verlag
- Gerstenberg
- Gattung
- Buch (gebunden)Märchen/Fabel/Sage
- Ort
- Hildesheim
- Jahr
- 2024
- Lesealter
- 10-11 Jahre12-13 Jahreab 18 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiFreizeitlektüreVorlesen
- Preis
- 22,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Der neunjährige Martin will unbedingt seinen Vater wiederfinden. Zusammen mit dem alten Hund Jack verlässt er das Haus seines Adoptivvaters. Jack kennt scheinbar die Welt und doch erleben sie auf diesem Roadtrip zum Teil gefährliche Abenteuer, Verhaftungen oder Gefängnisausbrüche. Und sie sind nicht alleine auf dieser Reise: Sie werden verfolgt.
Beurteilungstext
Die mehrfach preisgekrönte Autorin Frida Nilsson nimmt uns in ihrem neuen Roman mit in das Schweden des Jahres 1910. Gustav V. war König (1907 – 1959), in der Regierung dominierten die Konservativen, ein mehrwöchiger Generalstreik (1909) wie 1902 brachte für die Gewerkschaften und die Sozialdemokraten Erfolge – wenn auch Kompromisse eingegangen werden mussten – und im gleichen Jahr wurde das Wahlrecht reformiert. Ab jetzt durften alle Männer zur Wahl gehen, ohne dass auf das Einkommen geachtet werden musste. 1907 wurde Astrid Lindgren geboren und Selma Lagerlöf schrieb ihr „schwedisches Schul-Lesebuch“ über Nils Holgersson (1905 – 1907). In diese, zum großen Teil wirren Zeiten, lässt die Autorin ihren Martin, der bei einem Adoptivvater, einem armen Bauern, aufwächst, auf einen Roadtrip gehen. Zusammen mit dem einäugigen alten Hund Jack verlässt er den Bauernhof – der Hund gezwungenermaßen und Martin freiwillig. Spätestens bei dieser Szene verwischen Realität und Phantasie. Frida Nilsson zeigt eine Zweiklassengesellschaft, in der Hunde wie Menschen reden, lesen, rechnen, essen, einem Beruf nachgehen, … allerdings wie Wesen zweiter Klasse: Sie haben keine Rechte. Und Jack beklagt oft, dass die Wahlrechtsreform von 1909 ungerecht gewesen sei und geändert werden müsste. Unterwegs treffen sie auf zwei weitere Hunde, die sich ihnen anschließen und man wird an das Motiv der Bremer Stadtmusikanten erinnert. Martin will seinen Vater wiederfinden, den er nicht kennt und nicht weiß, wo er lebt. Jack und die beiden anderen Hunde wollen in die Villa Solsäter, die angeblich von einer Frau geführt wird, die sich der Rettung verwahrloster Hunde zum Ziel gesetzt haben soll. Unterwegs wird Jack verhaftet, da man ihm Kindesraub unterstellt und ins Gefängnis bringt. Martin und die beiden anderen Hunde erreichen nach vielen Abenteuern die Villa. Doch sie ist eine Enttäuschung. Die Besitzerin ist dement, also geistig nicht mehr präsent. Die Hunde führen ein wüstes Leben in Trunksucht und Spiellaune. Da blitzen Erinnerungen an die Kavaliere von Ekeby auf, dem großen Roman von Selma Lagerlöf. Martin verlässt mit zwei anderen kriminellen Hunden die Villa und findet schließlich seinen Vater, einen Redakteur, der gerne und viel Alkohol genießt. Trotzdem will Martin seinen Freund Jack aus dem Gefängnis befreien und es scheint, als ob der Versuch gelingen könnte.
Frida Nilsson hat einen großartigen Roman für Kinder und Erwachsene geschrieben, der sich in all seiner Tiefe erst nach mehrmaligen Lesen erschließt. Sie nimmt ihre Leser:innen mit in ihre real-phantastische Welt, die voller Brüche ist. Sie zeigt offen und ehrlich die Beschwernisse des Lebens, vor allem der armen Bevölkerung. Sie schreibt von Verlusten und von den Sehnsüchten, vom Glück und von der Suche nach dem Glück. Sie erzählt von den sozialen Ungerechtigkeiten (S. 328), von den Machthabern und dem Menschen, der die Erde ausbeutet, ihren Ressourcen und seinen Mit-Menschen und Mit-Lebewesen. Sie bindet das historische Jahr 1910 und seine vorherigen Jahre in ihre Geschichte ein. Der Generalstreik in der Realität wird zum Streik im Hundegefängnis. Der reale Versuch von Annie Taylor (1901) in einem Fass die Niagarafälle zu bezwingen wird zum Vorbild für die Entführung des einäugigen Jack aus dem Hundegefängnis in der Phantasie. Reale Handlungen verwebt sie glaubhaft mit Phantasie und bildet damit eine Blaupause für für ähnliche Situationen. Sie macht Mut und ermuntert die Leser:innen.
2011 schrieb DIE ZEIT: „Nilsson ist im Begriff, eine der wichtigsten zeitgenössischen Kinderbuchautorinnen Schwedens zu werden.“ 2024 muss man sagen: Sie ist schon lange eine der wichtigsten Autorinnen Schwedens geworden.
Friederike Buchinger hat ihre Bücher ins Deutsche übersetzt. Sie hat auch diesmal eine elegante und flüssige Sprache für diesen feinfühligen und doch politisch so heftigen Roman gefunden.
Und zuletzt hat Torben Kuhlmann, der mit seinen Mäusebüchern (Armstrong, Lindbergh, Edison .) bekannt geworden ist, kleine und zarte Vignetten beigesteuert. Sein Cover ist ein Ausschnitt aus einer alten Zeitung. Für Jack waren Zeitungen extrem wichtig, da hier Wahrheiten transportiert worden sind – aber auch Unwahrheiten. Martins Vater war Zeitungsjournalist und Astrid Lindgren hatte ihre erste Arbeitsstelle in der Zeitung von Vimmerby.
Irgendwie schließt sich hier ein Kreis.