Mama und der Mann

Autor*in
Bosse, Inge
ISBN
978-3-911098-05-2
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Bosse, Inge
Seitenanzahl
16
Verlag
Lauter Verlag
Gattung
BilderbuchErstlesebuch
Ort
Wolfenbüttel
Jahr
2023
Lesealter
4-5 Jahre6-7 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
14,00 €
Bewertung
eingeschränkt empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Kurze Wörter und kurze Sätze erleichtern das Lesen für Leseanfänger:innen. Inge Bosse macht beides zum Grundprinzip dieses Erstlesebilderbuchs. Kommt so ein gutes Erstlesebuch zustande?

Beurteilungstext

Wer dabei ist, das Lesen gerade zu lernen, kennt immer schon komplexe Geschichten aus Film, Hörbuch und vom Vorlesen. Es ist schwer, für diese Kinder Lesetexte zu finden, die sowohl „leseeinfach“ sind als auch eine befriedigende Geschichte erzählen. Genau hier setzt der Anspruch von Inge Bosse und ihren im Lauter Verlag erschienenen Büchern an. Aber wird er auch eingehalten?

Tatsächlich gelingt es Bosse, mit Wörtern, die vier oder weniger Buchstaben haben, zusammen mit den Bildern eine Geschichte zu erzählen, die ihre Handlung in kurzen Sätzen und flächigen, aufgeräumten Bildern entwickelt. Wer das schon einmal versucht hat, weiß, wie schwer es ist, auf längere Wörter zu verzichten. Insofern gelingt ein leseeinfacher Text. Das Lesen wird durch eine große Fibelschrift und die farbige Markierung fast aller mehrteiligen Grapheme zudem unterstützt. Warum allerdings bei „Idee“ das Doppel-E nicht farbig markiert ist, bleibt unklar.
Die Geschichte ist allerdings ebenfalls eher simpel: Die Mama der namenlosen Ich-Erzählfigur hat einen neuen Freund, Paul, und da ist die Erzählfigur eifersüchtig. Sie lebt ein wenig die Fantasie aus, wie sie Paul zum Mond schießen könnte. Doch dann kommt das schlechte Gewissen: „Das war böse von mir.“ - so heißt es. Und als dann neben Paul auch noch der Pudel Ben Teil der Familie wird, da ist dann alles gut.

Gut gelungen ist das Zusammenspiel von Text und Bild. In beiden Ebenen bleibt offen, ob die Erzählfigur männlich oder weiblich ist, und dass Ben ein Pudel ist, wird nur auf der Bildebene deutlich. So entwickelt sich die Handlung im Zusammenspiel von Text- und Bilderzählung.

Interessant an der Erzählung ist auch die innere Vorstellung der Erzählfigur, die nicht eindeutig als innere Vorstellung gekennzeichnet wird. Es heißt sogar: „Ich rufe Opa an. Er ist Pilot. Er holt Paul vom Mond ab.“ Tatsächlich gibt es keine Kennzeichnung, dass es sich hier um eine innere Vorstellung handelt. Grundsätzlich wäre auch eine Lesart möglich, dass Paul tatsächlich zum Mond geschickt und vom Opa wieder abgeholt wird. Durch diesen Zweifel wird eine interessante Komplexität aufgebaut. Trotzdem ist die Geschichte problematisch: Der starke pädagogische Zeigefinger, dass die Handlung oder Vorstellung der Erzählfigur nicht in Ordnung, ja, sogar böse ist, legt eine einseitige Pflicht zur Lösung des Konflikts in die kindliche Erzählfigur. Weder die Mutter noch ihr neuer Freund Paul haben tatsächlich so etwas wie eine Lösungsschuld. Die innere Vorstellung, die wirklich nur kleine Aggression in der Vorstellung, wird von der Erzählfigur selbst sanktioniert und damit auch für uns Lesende als „böse“ sichtbar. Solche pädagogisch-psychologischen einseitigen Schulderzählungen sollten spätestens seit Sendaks Bilderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ (1963) nicht mehr Platz im Bilderbuch finden.

Schade, dass hier dann doch ein falsch verstandener Erziehungsauftrag die Erzählung dominiert. Das werden auch Kinder im Erstlesealter so merken und eben nicht den Lesespaß an diesem Buch entwickeln, der eigentlich auf dem Buchdeckel versprochen wird.

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Diese Rezension wurde verfasst von Christoph Jantzen; Landesstelle: Hamburg.
Veröffentlicht am 19.06.2025