Kusinenkram und Kunforak
- Autor*in
- Huppertz, Nikola
- ISBN
- 978-3-86429-613-0
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- –
- Illustrator*in
- Geissler, Marie
- Seitenanzahl
- 160
- Verlag
- Tulipan
- Gattung
- Erzählung/RomanTaschenbuch
- Ort
- München
- Jahr
- 2024
- Lesealter
- 8-9 Jahre10-11 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- FreizeitlektüreKlassenlektüre
- Preis
- 16,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Freya und Sofie sind nicht nur Kusinen, sondern auch sehr gute Freundinnen. Weil sie etwas voneinander entfernt wohnen – Freya in Mönchengladbach und Sofie in Mülheim – sehen sie sich lediglich zu den regelmäßigen Familientreffen. In den Zwischenzeiten schreiben sie sich per Post Briefe, denn Handys erhalten sie erst zu ihrem 10. Geburtstag. Ihr Kontakt intensiviert sich noch mehr, als sie eine eigene Geheimsprache entwickeln und dabei immer mehr Wunder erleben.
Beurteilungstext
Wunder sind immer mit außergewöhnlichen und unerklärlichen Momenten verbunden. Die beiden Kusinen Freya und Sofie erleben eine ganze Reihe davon – große, aber auch zahlreiche kleine – und halten ihre Erlebnisse für die Nachwelt fest. Denn trotz aller Widrigkeiten, die das Leben in all seinen Facetten so mit sich bringt, schaffen es die beiden jungen Protagonistinnen, kraft ihrer Fantasie und Resilienz, immer den Wert des Augenblicks zu genießen und so (un)geplanten Abenteuern gegenüber offen zu bleiben. Das kann empowern!
Auf den gemeinsamen Pfingsturlaub in Dänemark hatten sich die Mädchen so sehr gefreut. Doch aufgrund eines Unwetters steht der Campingplatz unter Wasser und die Pläne müssen neu geordnet werden. Anstelle der gemeinsamen Reise verbringt Sofie mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder Johannes das Pfingstfest in Mönchengladbach. Dort lebt Freya mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrem urrheinischen „Oppa“, der zwar teilzeit-schwerhörig ist, das Treiben um sich herum aber stets mit dialektreichen Floskeln kommentiert.
Die Kinder dürfen als Entschädigung für den gestrichenen Urlaub im Garten zelten und fragen sich, was es mit Pfingsten eigentlich auf sich hat. Johannes erklärt selbstbewusst „Da war überall Feuer und plötzlich konnten die Jünger von Jesus in fremden Sprachen sprechen. Obwohl sie sonst Hebräisch gesprochen haben und höchstens noch Latein, so wie ich, denn das Ganze war ja in Galiläa und das gehörte damals zum Römischen Reich.“ (S. 20f.) Grundsätzlich empfinden die Mädchen Johannes´ Vortrag als besserwisserisch und gehen der religiösen Spur auch gar nicht nach. Die Idee der fremden Sprache erscheint ihnen aber ganz sympathisch. Mit einer eigenen Geheimsprache, am besten einer „Räubersprache“ könnten sie nämlich ganz ungestört ihren eigenen Abenteuern nachgehen. Nach einigen Experimentierversuchen mit Sprachspielen erscheinen die rätselhaften Hinweise auf verschiedenen Objekten im und um den Garten deshalb gerade zum richtigen Zeitpunkt: Plötzlich finden sich überall kleine Botschaften mit Fantasiewörtern: Das Zelt heißt „Smeg“, das Vogelhäuschen „Kiebulert“ und der Gartenzaun „FindLaRot“. Daran lässt sich kreativ anschließen. Auch wenn die Idee, ein gemeinsames Wörterbuch anzulegen, noch von Johannes kommt, symbolisieren die fremden Wörter den Ausgangspunkt für die ersehnte Geheimsprache zwischen Freya und Sofie. Sie nennen sie „Varonisch“ und das dazu selbst angefertigte Nachschlagewerk „Kunforak“.
Das „Kunforak“ bildet über ein Kalenderjahr lang das Fundament für die sich im Verlaufe der Geschichte vertiefende Beziehung zwischen den beiden Kusinen. Dabei dient das anwachsende Wörterbuch einerseits als verbindendes Element, um sich abzugrenzen, andererseits initiiert es immer wieder gemeinsame Erlebnisse auch zwischen den Familien, sei es nun das Räuberfest im Wald, die digital abgehaltene Silvesterparty oder die Fahrt als blinde Passagiere auf einem Ausflugsschiff. Beachtlich ist, dass die beiden Mädchen bei all diesen Ereignissen ganz eigene Erkenntnisprozesse durchlaufen. Das betrifft sowohl das Bewusstsein über die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere – Freya entpuppt sich als kleine Rebellin, Sofie als abwägende Persönlichkeit mit starkem Gerechtigkeitsgefühl – als auch gewisse Erfahrungswerte, die die beiden Figuren während ihrer Abenteuer sammeln. So resümiert Freya am Ende, „dass man manchmal wegmuss und was ausprobieren.“ (S. 146) Damit präsentiert sie zugleich ein Verständnis darüber, dass ihre Mutter mit ihrem neuen Lebenspartner Miro einen Urlaub ohne sie antritt.
Insgesamt überzeugt das Werk durch verschiedene Verwebungstechniken auf unterschiedlichen Ebenen, die für Abwechslung im Leseprozess sorgen. Strukturell verbindet die Autorin Briefromananteile mit Erzählpassagen, wobei sich die Briefe typografisch von dem restlichen Part abheben. Das erzeugt Lebendigkeit. Gleichzeitig geben die unterschiedlichen Schreibstile der Kusinen Auskunft über ihre so unterschiedlichen Temperamente.
Inhaltlich werden verschiedene Familienkonstellationen gegenübergestellt und so unterschiedliche Lebensformen thematisiert. Mit der Integration der silbenbasierten Geheimsprache könnte gerade bei jungen Leser:innen die Aufmerksamkeit für eine spielerische Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Wörtern wecken. Und schließlich wird das Motiv der Heldenreise für die beiden Protagonistinnen in der Weise relevant, so dass sie am Ende ein Stück reifen. Die schwarz-weißen Illustrationen und Vignetten unterstützen dabei das Erzählte, indem auch emotionale Befindlichkeiten oder komplexe Intertextualitäten, beispielsweise die Erläuterung des Wortes "Januswort" (S. 96) dargestellt werden, die sich weniger in Worten transportieren lassen.
Auch wenn stereotypische Geschlechtszuschreibungen in der Narration weitestgehend aufgebrochen werden, wird die Lektüre vermutlich eher leseaffine Mädchen begeistern. Dazu trägt zum einen der Titel, aber auch das Cover bei. Durch die angesprochenen Verflechtungen bietet sie aber auch Potenzial für literarische Vermittlungsprozesse, wobei eine Schwerpunktsetzung bei der Vielfalt an Themen zu empfehlen wäre.