In deinem Licht und Schatten

Autor*in
Reid, Louisa
ISBN
978-3-8414-2152-4
Übersetzer*in
Ernst, Alexandra
Ori. Sprache
Englisch
Illustrator*in
Seitenanzahl
316
Verlag
FJB
Gattung
Biografie
Ort
Frankfurt M.
Jahr
2014
Lesealter
14-15 Jahre16-17 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Bücherei
Preis
16,99 €
Bewertung
empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Die Zwillinge Rebecca und Hephzibah werden von ihrem Vater, einem englischen Sektenprediger, im Pfarrhaus wie Gefangene gehalten, religiös indoktriniert, geschlagen und sexuell missbraucht. Er hasst besonders die unter einer angeborenen Gesichtsfehlbildung leidende Rebecca. Als 16-Jährige besuchen die Mädchen erstmals eine Schule. Das eröffnet ihnen Zukunftshoffnungen. Hephzi verliebt sich und stirbt infolge einer Fehlgeburt. Danach findet Rebecca Hilfe zur Flucht aus dem Elternhaus.

Beurteilungstext

Das Nachwort der Autorin lässt vermuten, dass in die Handlung ihres Jugendromans biografische Reminiszenzen eingeflossen sind. Sie dankt all denen, die sie ermutigt haben, die Umstände einer leidvollen Kindheit und Jugend literarisch aufzubereiten. Kapitelweise, einander abwechselnd, in Vor- und in Rückblenden schildern die Zwillingsschwestern im ersten Teil des Romans als Ich - Erzählerinnen die Situation in ihrem lieblosen, bigotten Elternhaus. Mit Kirchgängen und Kirchendiensten der Mädchen wird der Öffentlichkeit das Bild einer heilen Familie vermittelt. Die häusliche Tragödie bleibt unerkannt. Die Zwillinge verkriechen sich in ihrem Zimmer, wenn sich ihnen der Vater im Zorn oder betrunken und sexuell erregt nähert. Besonders gewalttätig ist er zu Rebecca; wegen ihrer Missbildung im Gesicht belangt er sie auf exorzistische Weise. Den Mädchen werden kosmetische und Hygieneartikel versagt, Garderobe beschaffen sie sich aus der Altkleidersammlung. Es ist Hephzi, die sich einfallsreich öfter widersetzt, die in Unwissenheit über Verhütungsmittel ihr heimliches Liebesabenteuer auslebt:
“Okay. Meine Familie ist irre. Völlig abgedreht. Irgendwann bin ich hier weg. Die Schule ist ein neuer Anfang für mich. Wenn es sein muss, werde ich auch meine Schwester zurücklassen. Ihr habt ja keine Ahnung, wie es ist, wenn die eigene Schwester ein Freak ist... Ich tue so, als ob ich ein ganz normales Mädchen wäre, das ganz normale Dinge tut, zum Beispiel sich verlieben ...” (S. 11 ff.)
Rebeccas Erzählung beginnt mit dem Tod der Schwester. Das fotografisch eindrucksvoll gestalteten Buchcover nimmt Bezug auf den Titel “In deinem Licht und Schatten” - Rebecca steht im Zwielicht auf einem Friedhof:
“Sie haben mich gezwungen, heute zur Beerdigung meiner Schwester zu gehen... Sie war größer gewesen als ich. Die Erstgeborene, stärker, hübscher, der beliebtere Zwilling. Sechzehn Jahre lang hatte ich in ihrem Schatten zu stehen, im kühlen Dunkel, einem sicheren Versteck. Meine Schwester war seit einer Woche tot...” (S. 7).
Im Teil II des Romans betreibt Rebecca immer energischer die Loslösung von ihrem Elternhaus, mit symbolischer Unterstützung ihrer verstorbenen Schwester, die ihr im Traum öfter begegnet. Sie arbeitet im Pflegeheim der Gemeinde als Küchenhilfe und findet im Koch Dannny eine väterlichen Freund, der ihr in seiner Großfamilie befristet sozialen Halt gibt und sie ermutigt, den Vater anzuzeigen. Unausgesöhnt mit der Tochter findet die Mutter den Feuertod bei einem Brand des Pfarrhauses und und nimmt ihr Familiengeheimnis mit ins Grab. Ihre Zwillinge waren “unerwünschte Babys”, im dritten Monat schwanger von einem bereits verheirateten Pfarrer, hat sie die ungeborenen Kinder damals 18- jähriges Mädchen mit in die Ehe gebracht:
”Die Kinder eines andern Mannes aufzuziehen war schlimm genug, aber eins, das so aussah wie ich, brachte das Fass zum Überlaufen... Nach und nach hakte ich alles ab. Ich trat hinaus aus dem Schatten und machte den Schritt hinein ins Leben. Das Leben, das die ganze Zeit auf mich gewartet hatte.” ( S. 289 ff.)
Der Protagonistin Rebecca hat die Autorin eine vielgestaltige, überbürdende Problemlast auferlegt. Mit ihrer unverwechselbaren Eigenart, ihrem Status als hässliche Zwillingsschwester, ihrem Erwachsenwerden unter den Bedingungen häuslicher Gewalt und als Außenseiterin in der Öffentlichkeit kann Rebecca für die Jugendlichen objektiv keine Identifikationsfigur sein. Dennoch löst die Offenheit im Text ein Nachdenken über das eigene Erwachsenwerden aus. Das trotz seiner bedrückenden Thematik unterhaltsam geschriebene Buch wendet sich zugleich an jugendliche und erwachsene Leser und zielt auf persönliche Anteilnahme am Schicksal anderer.



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Diese Rezension wurde verfasst von Kra.
Veröffentlich am 01.01.2010

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