Im Schatten des Märchenerzählers
- Autor*in
- Michaelis, Antonia
- ISBN
- 978-3-96052-267-6
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- –
- Illustrator*in
- –
- Seitenanzahl
- 460
- Verlag
- Oetinger
- Gattung
- Buch (gebunden)Erzählung/Roman
- Ort
- Hamburg
- Jahr
- 2022
- Lesealter
- 16-17 Jahreab 18 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiFreizeitlektüreKlassenlektüre
- Preis
- 22,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
2011 ist der Roman "Der Märchenerzähler" erschienen und im folgenden Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpeis nominiert worden. Ein wortgewaltiger und zugleich heftiger Roman, wenn man die Gewalt bedenkt, die hier beschrieben worden ist. Jetzt hat die Autorin einen Folgeband geschrieben. Ist er dem ersten sprachlich und inhaltlich ebenbürtig? Gibt es eine Weiterentwicklung oder sieht die Zukunft wieder düster aus?
Beurteilungstext
Natürlich ist es sinnvoll, wenn man den ersten Band "Der Märchenerzähler" gelesen hat. Doch für die Lektüre des Folgebandes ist diese Kenntnis nicht zwingend. Die Autorin gibt in den ersten Kapiteln genügend Hintergrundwissen, damit man sich problemlos in den Figurenapparat und die Problematik auch dieses zweiten Bandes einfinden kann.
Abel, der Märchenerzähler, der Vater von Elias, ist definitiv tot. Und Elias ist jetzt fast 18 Jahre alt, so alt wie damals sein Vater geworden ist (Die Autorin hat das Geschehen des ersten Bandes um etwa sieben Jahre zurückgedreht.). Damals hat die Autorin dem Protagonisten ein Märchen in den Mund gelegt, das parallel zum Geschehen erzählt worden ist.
Jetzt geschieht das Gleiche. Wieder findet sich im Roman ein durchgängig erzähltes Märchen, das die Erlebnisse auf eine andere, eine phantastische Ebene hebt. Trotzdem spiegelt es die Realität wieder. Doch wer ist jetzt der Märchenerzähler? Abel ist ja tot. Und das Märchen im zweiten Band wird nicht erzählt, sondern findet sich in fortlaufenden Briefen immer wieder - oft am Grab des Märchenerzählers abgelegt.
Und noch etwas Merkwürdiges geschieht: Elias ähnelt optisch seinem Vater immer mehr, obwohl er schüchtern ist, musisch begabt, Lieder von Cohen singt, selbst komponiert und kurze Handyfilme dreht, für die er sogar einen Preis bekommen hat. Er prügelt sich nicht und geht der Gewalt aus dem Weg. Doch seine Umwelt betont immer wieder die optische Ähnlichkeit, so dass sich Elias immer mehr fragt, ob er nicht auch gewalttätig sei. Er fürchtet auf diese Schiene gesetzt zu werden.
Im Laufe des Romans lernt er Zara kennen, die Angst um ihren fünfjährigen Bruder hat und sehr aggressiv auftreten kann. Sie hat Angst, dass ihr gewalttätiger Stiefvater sich an ihrem Bruder vergehen will. Elias wird mit Gewalt konfrontiert, da seine Mutter in einer Plattenbausiedlung mit Jugendlichen arbeiten will. Sie ist Bibliothekarin und möchte diesen Kids eine Chance geben. Elias und Zara treffen sich immer öfter und immer öfter hat er auch Kontakt zu den "Totenkopfkindern", den Jugendlichen aus dieser Siedlung.
Seine Einstellungen und Handlungen verändern sich. Er schwänzt die Schule, vernachlässigt seine Hobbys und gerät in Schlägereien mit den Jugendlichen. Nicht nur er, sondern auch Lehrkräfte und andere Personen, die seinen Vater gekannt haben, fürchten, dass er so wie Abel, sein Vater werden könnte.
Diese Ängste und die seiner Umgebung, die ungewissen Fragen über seinen Vater und die auftauchenden DVDs, die Gewalt, Kindesmissbrauch und sexuelle Gewalt zeigen, treiben Elias in eine Abwärtsspirale.
Doch diesmal findet die Autorin einen Ausweg aus diesem Mix von Gewalt und Furcht. Sie findet eine Lösung für Elias und Zara. Auch wenn es wieder sinnlose Tote geben wird.
Man kann sich fragen, weshalb die Autorin nach dem ersten erschütternden Roman elf Jahre später einen Folgeband mit ähnlichem Inhalt publiziert. Man kann sich fragen, weshalb man auch nach elf Jahren wieder in diesen Sog gezogen wird, der depremieren kann. Hat die Gesellschaft nichts dazugelernt? Führen Armut, Missbrauch, Rache, Gewalt oder Perspektivlosigkeit immer noch in den Abgrund?
Die Autorin versucht diesmal sehr überzeugend darzustellen, wie es einen gemeinsamen und positiven Weg aus diesem Strudel geben kann. Dieser ist schwer aber begehbar. Zumindest für Zara und Elias. Dies ist das Tröstliche an diesem erschreckenden Roman.
Antonia Michaelis hat wieder eine poetische Sprache für diese gewalttätigen Handlungen gefunden, die diese nicht beschönigen sondern nur ihre Brutalität mildern. Spannend und zugleich mitreißend wird die Handlung erzählt und das Märchen entpuppt sich immer mehr als behutsames Vehikel, dieses grausame Geschehen zu erläutern. Im Nachhinein begreift man, wer der Schreiber des Märchens ist, weiß um die Bedeutung der Märchenfiguren und kann die wilden Tiere dem realen Leben zuordnen.
Bild und Realität passen am Ende zusammen und geben ein Beispiel für die Heilkraft der Märchen.
Ein bedrückender, aber zugleich ein realistischer Roman über Jugendliche in sozialen Brennpunkten. Nachdenkenswert ist auch der Satz auf Seite 164: "Gene sind eine Sache, Erziehung eine andere." Er ist zugleich eine konkrete Aufforderung an alle - Erwachsene und Jugendliche - nicht einfach aufzugeben - sondern Chancen zu ergreifen und an positiven Möglichkeiten anzudocken.
Der Verlag hat inzwischen Unterrichtsmaterialien zu dem ersten Band ins Netz gestellt: Webseite des Oetinger Verlages. Diese Materialien sind für den Folgeband ebenfalls nützlich, da sich die Problematik trotz der positiven Wandlung kaum verändert hat.