Hübendrüben

Autor*in
Gehm, Franziska
ISBN
978-3-95470-184-1
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Klein, Horst
Seitenanzahl
40
Verlag
Gattung
BilderbuchBuch (gebunden)Sachliteratur
Ort
Leipzig
Jahr
2018
Lesealter
6-7 Jahre8-9 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
14,00 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Teaser

Max und Maja sind Cousin und Cousine, doch Max lebt mit seiner Familie in der BRD, Maja in der DDR. Zwei Jahre nach ihrem Kinderbuch "Pullerpause im Tal der Ahnungslosen" veröffentlichen Franziska Gehm und Horst Klein ein Bilderbuch, das Kindern ab sieben Jahren eine Vorstellung vom geteilten Deutschland vermittelt: was war unterschiedlich? Was war ähnlich? Witzige Gesprächs- und Erinnerungsanlässe für Familien und ihre neugierigen Kinder.

Beurteilungstext

Nachdem der Leipziger Klett Kinderbuchverlag schon die zeithistorischen Bücher "Fritzi war dabei" (Hanna Schott) und "Pullerpause im Tal der Ahnungslosen" publiziert hat, ist "Hübendrüben" das dritte Buch im Verlagsprogramm, das die DDR und Wende thematisiert.
Max lebt mit seinen Eltern in der BRD. Sie ziehen in ein kleines Einfamilienhaus, fahren einen VW Golf und Max' Mutter ist Hausfrau. Maja hingegen zieht mit ihren Eltern in eine Neubauwohnung, in der sie nun erfreulicherweise eine Toilette in der Wohnung haben. Sie haben einen Trabi und Majas Eltern fahren beide früh am morgen zur Arbeit in einen volkseigenen Betrieb.
Klingt das nach pauschalisierender Schwarz-Weiß-Malerei?
Wie kann man Kindern, die heute sechs, sieben oder acht Jahre alt sind, erklären, wie es war in der DDR zu leben? Franziska Gehm und Horst Klein gelingt es kindgerecht und mit dem nötigen Augenzwinkern Alltag in der BRD - immer auf der linken Buchseite - und in der DDR - immer auf der rechten Buchseite - lebendig und unterhaltsam darzustellen. Dabei erinnert der Bild- und Erzählstil an Nadja Buddes "Such dir was aus, aber beeil dich": Die Buntstiftzeichnungen sind naiv-kindlich, die Textpassagen mit schwarzem Buntstift in Handschrift geschrieben. So wird der Eindruck eines subjektiv-individuellen Erinnerungsalbums im betont kindlichen Stil erweckt, das kaleidoskopartig einen Erinnerungskosmos eröffnet. Es gibt Textblöcke in Druckschrift, Sprechblasen, kleine Bemerkungen mit Pfeilen als Kommentare zu den Bildinhalten, kleine Erläuterungen mit Sternchen-Verweisen und weitere Text-Bildelemente.
Max und Maja sind Typen: sie stehen repräsentativ für andere Kinder. Auch wird keine durchgehende Geschichte erzählt. Einzig, dass die beiden Kinder verwandt sind und schließlich aufgrund der Wiedervereinigung zusammen Klingelstreich spielen können, "auch wenn sie dazu schon fast zu alt sind." Hervorzuheben ist, dass auf einer Doppelseite auch erklärt wird, wie es nach dem zweiten Weltkrieg zur Teilung Deutschlands gekommen ist. Auf der folgenden Seite trennt dann eine tatsächliche Mauer (aus Papier) die Doppelseite. Auf der linken Buchseite ruft ein Mann "Bei uns sind alle Menschen FREI!", auf der rechten eine Frau "Bei uns sind alle Menschen gleich!". Bildelemente, die auch dazu einladen können über die unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfe nachzudenken und zu sprechen.
"Hübendrüben" ist ein Buch, das man nicht nur einmal anschaut und liest, denn zuviel gibt es zu entdecken. Zum Beispiel, dass Max seine Eltern Mama und Papa nennt, Maja ihre aber Mutti und Vati. Oder die Mama von Max Dauerwelle trägt, die Mutti von Maja stattdessen Vokuhila. Oder dass ein Füller in der BRD von Pelikan ist, in der DDR aber von Heiko. Oder dass Max Pfadfinder und Maja Pionier. Oder, oder....
Doch verbindet die beiden Kinder nicht eigentlich auch vieles? Beide haben "saucoole Rollschuhe", beide lieben Eis und Klingelpartiespielen. Wenn sie groß sind, wollen sie in den Weltraum reisen: Max als Astronaut, Maja als Kosmonaut. Max isst gern Hähnchen, Maja Broiler. Es gibt also auch unterschiedliche Namen, für ähnliche oder gleiche Dinge. Und es gibt Formulierungen und Ausdrücke, die ganz typisch für eine Hälfte Deutschlands sind ("Das fetzt.") Bei allem Vergleichen und Kontrastieren gelingt dem Urhebergespann eine gekonnt neutrale Perspektive, die das Leben in beiden Teilen Deutschlands gleichermaßen wertschätzt und gleichermaßen beschmunzelt.
In diesem Buch herrscht - so ein metafiktionaler Kommentar - "ein urstes Wuhling" und dies spricht zweifellos für selbiges. In seiner Ästhetik auch an "Hier kommt keiner durch!" erinnernd, ist das Buch ein Kunstwerk, das Ausgangspunkt vieler Gespräche zwischen Kindern und Erwachsenen werden kann und in dem letztere auch viele witzige Details entdecken können: wenn auf der DDR-Nuss-Nougat-Creme nicht "Nudossi", sondern "NunOssi" steht oder es diesseits und jenseits der Mauer je einen Osterhasen und einen Westerhasen gibt.
Ein Buch, das die aktuelle zeitgeschichtliche Kinderliteratur bereichert und das ein Jahr vor dem 30jährigen Jubiläum des Mauerfalls in keiner Familienbibliothek und in keiner Grundschule fehlen sollte!
[Susanne Drogi]

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von sd; Landesstelle: Sachsen-Anhalt.
Veröffentlicht am 01.10.2018

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