Helsin Apelsin und der Spinner
- Autor*in
- Höfler, Stefanie
- ISBN
- 978-3-407-75554-4
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- –
- Illustrator*in
- Kuhl, Anke
- Seitenanzahl
- 205
- Verlag
- –
- Gattung
- Buch (gebunden)Erzählung/Roman
- Ort
- Weinheim
- Jahr
- 2020
- Preis
- 12,95 €
- Bewertung
Teaser
Ein wunderbar komisches Buch über Emotionen und Freundschaft. Die 8–jährige Helsin ist ein überdurchschnittlich fröhliches Mädchen mit viel Energie. Diese Energie kann allerdings zu kolossalen Wutausbrüchen führen, die nicht selten mit einer blutigen Nase enden. So wie für Louis, den Neuen in der Klasse, den Helsin erst furchtbar blöd findet und der nach einigen Hindernissen doch noch ihr Freund wird.
Beurteilungstext
"Helsin Apelsin und der Spinner" ist das erste Kinderbuch von Stefanie Höfler und es darf keinesfalls das letzte sein.
Erzählt wird eine realistisch angelegte Geschichte um die großen Themen Emotionen, Freundschaft und Ehrlichkeit, ohne dabei zu pädagogisch sein zu wollen. Protagonistin ist die 8-jährige Helsin, die eigentlich ein sehr fröhliches Mädchen ist. Eigentlich. Denn manchmal bekommt Helsin einen „Spinner“, vor allem, wenn sie jemand ärgert oder sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommt. Sie wird dann wahnsinnig wütend und das kann für ihr Gegenüber schon mal mit einer blutigen Nase enden. So wie für Louis, den Neuen in der Klasse, der sie leicht spöttisch mit dem Wortspiel „Helsin Apelsin, Apfelsine!“ begrüßt. Und dann hat dieser Louis auch noch ein Geheimnis, von dem alle anderen Kinder in der Klasse wissen dürfen. Nur Helsin nicht, wegen der blutigen Nase. Und so kommt eins zum anderen: Helsin wird aufgrund ihrer Wut auf Louis zur Diebin und muss danach bei einem gemeinsamen Schulprojekt feststellen, dass der Neue doch sehr nett ist und sie einige Gemeinsamkeiten haben. Das wäre alles schön und gut, wenn es nicht eben Louis gewesen wäre, den Helsin bestohlen hat. Und diesen Diebstahl muss sie nun irgendwie rückgängig machen. Möglichst so, dass Louis nichts davon mitbekommt. Das gelingt ihr zwar auch, trotzdem findet Louis am Ende heraus, dass Helsin ihn bestohlen hat – und verzeiht ihr prompt.
Höfler verhandelt in ihrem Buch verschiedene für Kinder relevante Themen wie Identität, Emotionen und Freundschaft, ohne dabei zu pädagogisieren. Die personale Erzähler*in hat Einblick in Helsins Gedanken und Gefühle, lässt sie eigene Erfahrungen machen und kommentiert das Verhalten der Figuren nicht. Sämtliche Handlungen passieren außerdem weitgehend ohne pädagogisches Eingreifen von Erwachsenen in der Erzählung. Beispielsweise findet die Lehrerin Frau Coroni heraus, dass Helsin Louis bestohlen hat, verrät sie aber nicht oder drängt das Mädchen zu einem Geständnis. Die Kinder in der Erzählung handeln ihre Probleme untereinander weitgehend selbst aus und lernen auf ihre Weise, miteinander umzugehen. Dafür nutzt die Autorin interessante Figuren mit diversen Eigenheiten: Helsin heißt Helsin, weil ihre Eltern sie aus Helsinki adoptiert haben. Sie ist kein stereotypes Mädchen; vielmehr ist sie wild, laut und übernimmt gerne das Kommando. Ihr bester Freund Tom hingegen ist schüchtern, Helsin sportlich unterlegen, in sich gekehrt und eher schweigsam. Trotz dieser Unterschiede sind sie Freund*innen, da Tom gut mit Helsins Wutausbrüchen umgehen kann (sie aber auch in ihre Schranken weist) und beide Freund*innen über alles miteinander reden können. Louis, der neu hinzukommt, ist selbstbewusst und stolz, weshalb Helsin zunächst mit ihm aneinandergerät. Durch einige Gemeinsamkeiten, wie die enge Verbindung zu ihren Haustieren und die Affinität zu Skandinavien, finden sie aber doch zueinander. Dies gelingt den beiden Figuren selbstständig und ohne regulierendes Verhalten durch Erwachsene. Letztere spielen in der Handlung allgemein eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich besonders das Verhältnis zwischen Helsin und ihren Eltern erwähnenswert ist. Der Umgang zwischen Eltern und Tochter ist sehr offen und auf Augenhöhe. Dies wird beispielsweise durch das Gespräch über Helsins Diebstahl deutlich. Die Eltern machen klar, dass Helsin das Diebesgut zurückgeben muss, überlassen die Umsetzung jedoch ihr selbst. Das gebundene Buch (ca. DIN A5) ist in 26 Kapitel mit Überschriften gegliedert, die den Inhalt des jeweiligen Kapitels bereits grob vorausdeuten und dadurch das Textverstehen erleichtern können. Der Text selbst besteht aus Parataxen und Hypotaxen, wobei sich der Duktus der sprachlichen Lebenswelt der Zielgruppe anpasst. Wörtliche Rede ist durchgängig vorhanden, auch dialektal geprägte Sprache wird verwendet. Allerdings ist diese nicht so dominant, als dass sie das Textverständnis beeinträchtigen könnte: Louis‘ Opa spricht einen norddeutschen Dialekt, der in der wörtlichen Rede mal mehr und mal weniger stark durchscheint (z.B. „Kummt rin!“ oder „Dat war doch meine Idee!“). Als weitere Besonderheit wird vereinzelt bildliche Sprache verwendet, wie z.B.: „Das Herz tanzte aufgeregt zwischen den Rippen wie eine finnische Birke bei Sturm“ oder „Dunkle Wolken hingen über den blühenden Kirschbäumen wie dickbäuchige Drachen.“ Dadurch werden Gefühle und Stimmungen an die Leser*innen transportiert. Als weiteres stilistisches Element lässt Höfler einige Leerstellen in dem Roman, die z.B. im Literaturunterricht besprochen werden könnten. Die Leser*in erfährt beispielsweise nicht, ob Helsin mit ihren Eltern Oma Maria in Finnland besuchen wird und woher Helsins dunkelbraune Locken kommen – eine Frage, die sich die Achtjährige in der Geschichte stellt und deren Antwort sie gerne herausfinden möchte.
Illustriert wurde der Kinderroman von Anke Kuhl, die für ihre Arbeiten in der Vergangenheit bereits mit zahlreichen Preisen (u.a. 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis) ausgezeichnet wurde. Die Illustrationen in Schwarz-Weiß finden sich jeweils am Anfang eines Kapitels und zeigen stets Helsin und ihre Freund*innen in verschiedenen Aktionen entsprechend des Kapitelthemas. Die Bilder greifen Teile des Inhalts auf, tragen zur Charakterisierung der Figuren bei und verdeutlichen Veränderungen in den Beziehungen. Beispielsweise zeigt die Illustration zu Kapitel eins, dass Helsin und Louis in Konflikt miteinander stehen: Helsin schaut Louis sehr wütend an, Louis blickt relativ gleichgültig. Die Illustration zu Kapitel 16 veranschaulicht, wie beide Kinder sich schließlich anfreunden: Helsin und Louis lächeln sich freundlich an. Auch das Cover hat Anke Kuhl illustriert: zu sehen ist die Protagonistin Helsin in all ihren Gemütslagen, was die Komplexität der Figur sehr schön zur Geltung bringt. Zu erwähnen ist noch, dass die erwachsenen Figuren nicht illustratorisch dargestellt werden, was die Fantasie der Leser*innen zusätzlich anregen kann. Wie stellen sie sich beispielsweise Helsins großen Papa mit den Wuschelhaaren und dem lila Seidenschal vor? Wie sieht Helsins Lehrerin Frau Coroni mit dem abstehenden Ohr und dem strengen Blick wohl aus?
Die Geschichte ist für Leser*innen ab 8 Jahren geeignet, bietet sich aber auch zum Vorlesen sehr gut an. Insgesamt kann man hier nur eine klare Lektüreempfehlung aussprechen und auf das nächste Buch von Stefanie Höfler gespannt sein.