Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
- Autor*in
- Morosinotto, Davide
- ISBN
- 978-3-522-20314-2
- Übersetzer*in
- Panzacchi, Cornelia,
- Ori. Sprache
- Italienisch
- Illustrator*in
- Schubert, Fabia
- Seitenanzahl
- 272
- Verlag
- Thienemann
- Gattung
- Buch (gebunden)Erzählung/Roman
- Ort
- Stuttgart/Wien
- Jahr
- 2025
- Lesealter
- 12-13 Jahre14-15 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiFreizeitlektüre
- Preis
- 16,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Nürnberg hatte um 1828 etwa 40 000 Einwohner, die fast alle innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern lebten. Und Nürnberg hatte zu dieser Zeit einen prominenten Bewohner: das bekannteste Kind Europas, das geheimnisvolle Kind der Geschichte ... Kaspar Hauser. Wer war er und warum ist er so berühmt? Diesem Geheimnis geht Greta Grimalda auf die Spur.
Beurteilungstext
Greta Grimalda ist gebürtige Italienerin, vierzehn Jahre alt und Tochter des berühmten Arztes und Detektivs Dr. Grimaldi. Ihn holt man, wenn man eine Lösung wie im Fall Nürnberg braucht.
Beide erreichen an einem heißen Augusttag des Jahres 1829 das Hotel Bayerischer Hof in Nürnberg, direkt an der Pegnitz. Sie sollen, so wünschen es der Bürgermeister Binder und einige andere wichtige Persönlichkeiten der Stadt, dass sie das Rätsel um Kaspar Hauser lösen. Man muss wissen: Am 26. Mai 1828 traf man auf einen etwa 16jährigen Jungen am Unschlittplatz in Nürnberg, der nur wenig sprechen konnte. Seinen Namen wusste er und dass er sein Leben lang in einem abgesperrten Keller gelebt habe. Nur Wasser und Brot soll ihm ein Mann, den er nie gesehen hat, gegeben haben. Soweit die historisch verbürgten Fakten. Kaspar Hauser wohnte zu dieser Zeit, als die Grimaldis nach Nürnberg kamen, bei Dr. Professor Daumer und seiner Schwester Anna. Auch das ist historisch wahr.
Doch jetzt verwebt Davide Morosinotto ganz bewusst Fakten und Fantasie. Der fiktive Dr. Grimaldi soll Kaspar Hausers Vergangenheit, die niemand kennt, erforschen und ihn zugleich vor drohendem Unheil bewahren. Denn im Hause von Professor Daumer sollen Drohbriefe eingegangen sein, die das Leben von Kaspar Hauser offensichtlich betreffen. Im Spiel ist noch Oskar von Tucher, ein junger Mann aus der bekannten Nürnberger Adelsfamilie, der angeblich mit Kaspar Hauser sehr vertraut ist.
Zunächst finden die Grimaldis keine neuen Hinweise, bis sich Greta alleine auf den Weg durch das alte Nürnberg macht. Sie besucht die Burg, den Tiefen Brunnen, alte Wirtshäuser, in denen sie Oskar mit seinen Freunden bei Bier und Bratwürsten trifft. Langsam freunden sich die beiden an, bis Greta registriert, dass Oskar eine gute Bekannte hat: Martha, die Nachbarstochter von Professor Daumer. Auch Kaspar Hauser trifft sie manchmal, findet ihn sympathisch und zugleich rätselhaft. Wenn er Angst vor Berührungen hat, einer Rose ein verlorenes Blütenblatt wieder ankleben will, wenn er sehr gut reiten kann, wenn er Zusammenhänge erkennt und Dinge richtig beim Namen nennen kann, was eigentlich gegen ein jahrelanges Eingesperrtsein spricht, … hier tauchen Rätsel auf. Wer ist er? Und als wieder Drohbriefe auftauchen, greift Dr. Grimaldi persönlich ein und übernachtet im Haus von Professor Daumer. Es kommt tatsächlich zu einem heftigen Angriff, der Kaspar Hauser gelten soll. Wie in einer Geschichte von Agatha Christie schart Dr. Grimaldi die wichtigen Personen dieses Romans um sich, da sich unter ihnen ein Mörder befinden muss. Denn der Anschlag auf Kaspar Hauser hatte zu einer Flucht des unbekannten Täters geführt und man hatte an der Pegnítz in diesem Zusammenhang einen Ermordeten gefunden. Aber wer war es?
Der Autor hat eine in sich logische Kriminalgeschichte geschrieben, in deren Mittelpunkt nicht Kaspar Hauser steht, sondern Greta Grimaldi und Oskar von Tucher. Um dieses Duo herum stellen sich die Fragen nach Kaspar Hauser. Nicht so sehr, wer er eigentlich ist, sondern wer ihn nach dem Leben trachtet.
Damit umgeht der Autor geschickt die Frage nach Kaspar Hausers Authentizität und nach seiner Herkunft. Er diskutiert alle gängigen Theorien, legt sich aber nicht fest und fügt auch keine neue hinzu. Seine Fragen sind: Wie gehen wir Menschen mit dem Phänomen Kaspar Hauser oder einer anderen Berühmtheit um? Wie leben wir im Umkreis dieser Berühmtheiten, wenn das Interesse der Öffentlichkeit nachlässt und wir selbst wieder in den Alltag abrutschen? Zu welchen Schritten sind wir dann bereit, diese Person wieder in den Mittelpunkt des Gesprächs zu stellen? Nicht, weil er der Mittelpunkt sein soll, sondern weil wir Menschen um ihn herum Leere empfinden und plötzlich keine Aufmerksamkeit mehr bekommen, aber sie stark vermissen?
Davide Morosinotto hat wieder einen spannenden historischen Roman geschrieben. Er hat ausführlich in Nürnberg recherchiert, war im Stadtarchiv und hat sich zahlreiche Dokumente zeigen lassen und sie entsprechend in den Roman eingebaut. Lebendig und emotional sehr dicht und nah beschreibt er das Leben in Nürnberg um 1829, man riecht die Bratwürste, schmeckt das Bier und ist in den Qualm und Rauch in den Gaststuben eingehüllt. Man holpert in den Kutschen über das Kopfsteinpflaster und reitet mit hinaus zum Dutzendteich, wo sich auch heute noch ein Biergarten befindet.
Zu diesem Roman hat Fabia Schubert Bilder aus dem Stadtarchiv von Nürnberg und aus der Agentur Shutterstock in adäquate Bleistiftzeichnungen umgesetzt und damit „historisches“ Bildmaterial beigesteuert.
Davide Morosinottos Roman endet mit dem geschichtlich ungeklärten Mord an Kaspar Hauser in Ansbach und mit dem fiktiven Selbstmord von Oskar von Tucher. Dieser Selbstmord kann eine logische Folge sein, doch Verlag und Verfasser warnen mit Recht vor dieser Lösung und bieten am Ende des Romans Telefonnummern und Internetanschriften als Hilfe an.
Davide Morosinotto hat einen überzeugenden Kinder- und Jugendroman geschrieben, der weit über das historische Ereignis hinausgeht und zeitlose Fragen stellt.
Übrigens: Das Rätsel um Kaspar Hauser ist nicht gelöst und wird wahrscheinlich für immer ein Rätsel bleiben.