Entführung mit Jagdleopard
- Autor*in
- Boie, Kirsten
- ISBN
- 978-3-7512-0425-5
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- –
- Illustrator*in
- Opel-Götz, Susann
- Seitenanzahl
- 333
- Verlag
- Oetinger
- Gattung
- Buch (gebunden)
- Ort
- Hamburg
- Jahr
- 2023
- Lesealter
- 10-11 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiFreizeitlektüre
- Preis
- 10,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Jamie-Lee stammt aus sozial schwachen Verhältnissen und trifft nicht nur auf die Millionärstochter Fee, die sich bei ihr verstecken möchte, sondern auch auf Herrn Wildeck mit seinem Jagdleoparden. Ein buntes Chaos entsteht, das rasant an Fahrt aufnimmt und die ein oder andere Katastrophe streift. Doch Jamie-Lee bleibt sich treu.
Beurteilungstext
Drei Tage, bevor Jamie-Lee ihren zehnten Geburtstag feiern kann, passieren die wildesten Dinge in ihrem Leben. Jamie-Lees Oma fährt spontan mit ihrer neuen Liebe nach Polen, um ihre eigene Hochzeit klarzumachen. Zuvor lässt diese ihre eigene schwer alkoholkranke Tochter ins Krankenhaus zum Entzug einliefern. Jamie-Lee und ihr pubertierender Bruder Baron Chuck sollen die Zeit mit zehn Euro überbrücken und immer brav in die Schule gehen, damit die Jugendamtsbetreuerin nicht aufmerksam wird. Als Jamie-Lee einkaufen geht, trifft sie zufällig auf die Millionärstochter Fee, welche von zu Hause weggelaufen ist und sich bei Jamie-Lee verstecken möchte. Kurz darauf trifft Jamie-Lee auf Herrn von Wildeck und seinen Jagdleoparden, der in Wirklichkeit ein Gepard ist und aus dem Zirkus gestohlen wurde. Als Baron Chuck dann auch noch ein Auto klaut und die Mutter aus dem Krankenhaus türmt und beim Diebstahl von Alkohol erwischt wird, ist das Chaos perfekt. Alle gemeinsam suchen nach einem Fluchtweg vor dem Jugendamt und der Polizei, denn diese kombiniert bald, in welchem Zusammenhang der auffällige gestohlene Wagen, die vermisste Raubkatze und die entführt geglaubte Millionärstochter stehen.
In Kirsten Boies Roman treffen zwei Welten aufeinander, die entfernter gar nicht sein könnten. Jamie-Lee erlebt durch ihre in Armut lebende Familie kaum Unterstützung. Sowohl die alkoholkranke Mutter als auch die egozentrische Oma legen keinen Wert auf Bildung oder ein geordnetes Familienleben. Während Jamie-Lee ihr Leben und ihre Probleme weitgehend selbst in den Griff bekommen muss, wächst Millionärstochter Fee in finanziell abgesicherten Verhältnissen, jedoch einem gestörten Verhältnis zu ihrer Mutter auf. Fees Stiefmutter scheint nur auf das Geld ihres Mannes aus zu sein, während sich Fees Mutter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens befindet. Fee scheint dabei allen im Weg zu sein und soll auf ein Internat. So treffen die beiden ungleichen Protagonistinnen aufeinander.
Die Erzählung ist schräg, wild und äußerst unterhaltsam. Die fast Zehnjährige fungiert als Ich-Erzählerin. Die kindlich-naive Umgangssprache lässt sich schnell und flüssig lesen, trotzdem ist für fast 350 Seiten ein wenig Durchhaltevermögen gefragt. Der plakative Umgang mit Vorurteilen zeichnet zwei starke Charaktere, denen man sich schnell nah fühlt.
Auf dem Buchcover liest man, dass dieses absurd komische Buch dazu einlädt, darüber zu sprechen. Und an dieser Stelle möchte ich meine Leseempfehlung etwas einschränken. Als Klassenlektüre ist das sehr seitenstarke Buch eher nicht geeignet. So gelangt es dann im Privaten in die Hände der LeserInnen. Mir kam beim Lesen, so humorvoll die Situationen auch geschildert sind, immer wieder die Frage auf, wer denn mit den LeserInnen, die ein empfohlenes Alter von etwa 10 Jahren haben, ins Gespräch über das Buch kommen wird. Was machen diese Vorurteile über die Protagonistinnen mit den LeserInnen? Gewiss gibt es einige, die Boies anklagende Stimme auch schon in diesem Alter herauslesen und verstehen können. Aber gibt es nicht auch genug, die ihre ganz eigenen Vorurteile von den bildungsfernen Hochhausbewohnern mit Alkoholsucht bestätigt sehen oder gar somit aufbauen? So groß das Lesevergnügen bei diesem Buch auch ist, so wünsche ich mir sehr, dass sowohl beim Lesen als auch danach tatsächlich Gespräche aufkommen, die die Gesellschaftskritik aufgreifen und ernst nehmen, denn sonst wäre eine wahre Chance vertan.