Dinge, die so nicht bleiben können

Autor*in
Bauer, Michael Gerard
ISBN
978-3-446-26801-2
Übersetzer*in
Mihr, Ute
Ori. Sprache
Englisch
Illustrator*in
Seitenanzahl
224
Verlag
Hanser
Gattung
Buch (gebunden)Erzählung/Roman
Ort
München
Jahr
2021
Lesealter
14-15 Jahre16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Bücherei
Preis
15,00 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Teaser

Hinter dem etwas sperrigen Titel verbirgt sich ein genialer Entwicklungsroman mit einer weiblichen und einer männlichen Hauptperson, handelnd an einem Tag und an einem Ort, genauer am Tag der offenen Tür einer (australischen) Universität. Dort treffen die beiden traumatisierten Protagonisten zufällig auf eine äußerst witzige, unterhaltsame und tiefsinnige Weise aufeinander und erleben gemeinsam therapeutisch wirkende Situationen, die kein professioneller Psychiater erfolgreicher hätte arrangieren können.

Beurteilungstext

Der bekannte australische Jungendbuchautor Michael Gerard Bauer (bekannt durch seine Roman-Trilogie "Nennt mich nicht Ismael" etc.) ist mit "Dinge, die so nicht bleiben können" abermals ein grandioser Roman gelungen: Er beginnt mit einem fulminanten Einstieg. Die schüchterne männliche Hauptfigur Sebastian sitzt in einer Probevorlesung für Stadtplanung zufällig neben einem attraktiven Mädchen, das er für sich als PWW (= perfektes weibliches Wesen) bezeichnet, das er anschmachtet, das sich von ihm dann einen Kuli ausleiht und von dem er hofft, dass sie sich ebenfalls anschließend den Filmklassiker "Casablanca" im Studentenkino ansehen wird. Dort wartet er im Foyer lange vergeblich auf sie.

Schließlich kommt: "Viel Weiß. Das ist mein erster Eindruck von dem neuen Mädchen. Dem falschen Mädchen. Sie erinnert mich ein bisschen an die Hauptfigur in `Die Eiskönigin`" (S. 18) Als Sebastian dieser frustiert seine bereits gelöste Kinokarte schenken will, entwickelt sich folgende kuriose Situation: "Sie mustert mein Gesicht wie ein durchgeknallter Hellseher... Ja, weißt du, was ich denke?, sagt sie endlich. Ich denke, dass du mit jemand zusammen gehen wolltest oder das vielleicht gehofft hast, aber dieser Jemand ist nicht aufgetaucht und jetzt bist du angepisst und willst deine Karte loswerden" (S. 20 ), womit sie natürlich den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Wenig später trifft doch noch das PW-Wesen im Foyer ein, allerdings mit ihrem Freund, und die Eiskönigin gibt sich ihr gegenüber als Sebastians Freundin aus mit einer Lügengeschichte, die für die LeserInnen zum Schmunzeln und für PWW rundum zum Staunen ist!

Und in diesem Stil entwickelt sich das Geschehen permanent weiter und zwar ohne Ermüdungserscheinungen, weil immer neue spritzige Situationen, wundersame Szenen und irrwitzige Konstellationen präsentiert werden. Der besondere Schreibstil des Romans unterstützt dies auf ideale Weise. Es handelt sich vereinfacht gesagt um permanente Dialoge, vor allem zwischen Sebastian und Frida, wie sich die Eiskönigin ihm gegenüber zu erkennen gibt, was "natürlich" auch nicht stimmt, sondern in seiner Entschlüsselung dem Handlungsverlauf eine ganz dramatische Wendung gibt. Und was nicht in Form direkter Rede abläuft, das erfolgt stimmig als innerer Monolog Sebastians oder der allwissende Erzähler schildert den Verlauf flüssig als Bewusstseinsstrom der Hauptperson. Dadurch ist immer Dynamik, Authentizität und mehrschichtige Sichtweise der Vorgänge garantiert, was den Lesefluss zum einen kräftig vorantreibt und zum anderen eine differenzierte Rezeption der Ereignisse ermöglicht.

Nicht zuletzt fördert die souveräne Übersetzungsleistung von Ute Mihr dieses kurzweilige Lesevergnügen. Die vielfältigen Situationen sind glaubwürdig dem Tag der offenen Tür auf dem Uni-Campus verpflichtet wie Probevorlesung, Kinobesuch, Drohnenwettkampf, längstes Experiment der Welt, Theatervorführung und Improvisationsübungen. Genau genommen erweist sich der ganze Roman als eine spritzige Dauerimprovisationsübung, bei der in genialer Konstruktion noch die kleinsten Motive subtil aufeinander abgestimmt sind.

Auch die Personenkonstellation trägt ihren Teil bei zu der unterhaltsamen wie tiefgründigen Lektüre. Der recht schüchterne und sich zunächst spröde zeigende Sebastian taut gegenüber der witzigen und schlagfertigen Frida zunehmend auf. Er erzählt ihr schließlich von seinem Trauma, dass er einen älteren Bruder hatte, der ins Drogenmilieu abrutschte und tödlich verunglückte. Und durch eine besonders pfiffige Konstruktion erfährt man von der noch viel tragischeren Kindheit und Jugend Fridas. Zudem spielt noch der kluge Tolly, Sebastians bester Freund, eine gewichtige Rolle als weiterer Sympathieträger.

Die Jugendlichen dieses Romans sind also nicht nur auf der Suche nach einem zukünftigen Studienfach, sondern auf der Suche nach sich selbst, arbeiten dabei ihre Traumata auf, entwickeln zarte Liebesbeziehungen und das alles auf eine humorvolle und geistreiche Weise, komprimiert auf den Verlauf eines Tages. Und in diesem Kontext erhält auch der sperrig wirkende Titel seinen tieferen Sinn. Er stammt als zentrales Motiv aus einem weiteren Lieblingsfilm der Protagonisten , das sie als aktivierendes Motto für die Bewältigung ihrer Lebenswege auserkoren haben!

Der Autor liefert somit eine geniale Coming-of-Age-Geschichte. Die Lektüre wird auch Wenig-Leser beiderlei Geschlechts durch ihren Humor und ihren flotten Stil begeistern und kann mindestens so gut wie eine professionelle Therapie Tipps für eine sinnvolle Lebensgestaltung vermitteln.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von KS; Landesstelle: Niedersachsen.
Veröffentlicht am 28.11.2021

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