Die Kinderfrau

Autor*in
Markaris, Petros
ISBN
978-3-257-06696-8
Übersetzer*in
Michaela, Prinzinger,,
Ori. Sprache
Neugriechisch
Illustrator*in
Seitenanzahl
315
Verlag
Diogenes
Gattung
Krimi
Ort
Zürich
Jahr
2009
Lesealter
16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Fachliteratur
Preis
19,90 €
Bewertung
eingeschränkt empfehlenswert

Schlagwörter

Teaser

Auch im Urlaub bleibt der griechische Kommissar nicht verschont: Eine 90-Jährige hat ihren Bruder ermordet und mordet in Istanbul weiter. Gemeinsam, wenn auch anfangs gegeneinander, ermitteln Charitos und sein türkischer Kollege und stoßen auf die unheilvolle Vergangenheit Griechenlands und der Türkei. Die keimende Freundschaft der Beiden zeigt aber, dass das Vergangenheit ist, eine, mit der die Täterin für sich einen Schlussstrich ziehen will.

Beurteilungstext

Ich bin dem Titel aufgesessen: “Kinderfrau” hat doch was mit Kindern zu tun. Stimmt, ja, nur sind die “Kinder” jetzt um die sechzig. Die Kinderfrau war die eines Schriftstellers, der den Kommissar anspricht. Langsam kristallisiert es sich heraus: es geht um Geschichte, um die gemeinsame Geschichte der beiden Nachbarländer. Auch nach dem monströsen Bevölkerungsaustausch von 1922, nach dem nur noch wenige Griechen in der Türkei blieben, wurde diese Minderheit drangsaliert. Das Steuergesetz von 1942 erlegte unter Ministerpräsident Inönü allen Minderheiten eine Vermögenssteuer auf, die so exorbitant war (vergleichbar der Entsprechung der Belastung der jüdischen Vermögen im Nazideutschland - obwohl gleichzeitig vielen Deutschen in der Türkei Asyl und Lebensgrundlage geboten wurde!), dass sie einer Enteignung gleich kam. Folglich wurde das Vermögen verschleudert und natürlich gab es Nutznießer und Helfer - auch unter den Griechen. Aber die Nutznießer sorgten dafür, dass viele der türkischen Griechen das Land verlassen mussten. Das kam der zweiten Vertreibung gleich, 1955 kam es zu einem Pogrom (das, gegen alle Ausländer gerichtet, unter Menderez ausgelöst wurde, um von den von ihm verursachten wirtschaftlichen Problemen abzulenken) und nach 1964, der Zypern-Krise, blieben nur noch wenige Griechen in der Türkei zurück.

Die uralte Täterin, selbst sterbenskrank, will nun einen Schlussstrich ziehen und sich von allen, zu denen sie jeden Kontakt verloren hatte, die ihr in ihrem Leben aber Gutes wollten, verabschieden. Und diejenigen, die sie zu den Unmoralischen zählt, den Gewinnern der griechisch-türkischen Auseinandersetzungen, vergiften. Vorwiegend handelt es sich dabei um Griechen.
In zwei Parallelhandlungen geht es zum Einen um die Beziehungen zwischen Griechen und Türken in personae der beiden Ermittler und ihrer Familien. Hier, im Konkreten, bahnt sich eine Freundschaft an, eine Freundschaft zwischen den konservativen Griechen und den fortschrittlicheren Deutsch-Türken, die wegen der Ausländern gegenüber zunehmend unfreundlicher werdenden Haltung der Deutschen wieder in die Türkei zurückkehrten. Zum Anderen geht es um die Tochter des griechischen Ehepaares, die durch ihre anfängliche Weigerung, sich kirchlich trauen zu lassen, einen mittelgroßen Familienkonflikt provozierte, dann aber doch einlenkt.
Geschickt vertauscht der Autor die gegenseitigen Bilder der Nachbarländer: die Kopftuch tragende Muslimin ist die wirklich moderne Frau, die aufgeschlossen erscheinende Griechin ist dagegen der Vergangenheit verhaftet.

Angesichts dieser Altersklassen ist dies nicht unbedingt ein Krimi, der Jugendliche vom Hocker haut. Dennoch möchte ich ihn denjenigen, die irgendwie mit Griechenland oder der Türkei, dem Konflikt zwischen Tradition und Moderne zu tun haben, empfehlen. Uns Mitteleuropäern ist die Geschichte des modernen Griechenlands reichlich unbekannt. Mindestens die Zeit nach 1945 ist es aber durchaus wert, genauer betrachtet zu werden. Und hier werden klandestin Fragen aufgeworfen, die selbst einen Griechenland- oder Türkeiurlauber aufhorchen lassen. Was war da eigentlich los? Und nicht nur in diesem Krimi reichen die Spuren bis ins 2. Jahrtausend, die Wunden liegen in beiden Ländern noch offen. Man muss sie nur sehen lernen. Und dazu kann dieser Krimi dienen.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von cjh.
Veröffentlich am 01.01.2010

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