Der Tag mit Papa
- Autor*in
- Holmberg, Bo Roland
- ISBN
- 978-3-89565-423-7
- Übersetzer*in
- Kicherer, Birgitta
- Ori. Sprache
- –
- Illustrator*in
- Eriksson, Eva
- Seitenanzahl
- 32
- Verlag
- Moritz
- Gattung
- BilderbuchBuch (gebunden)
- Ort
- Frankfurt am Main
- Jahr
- 2022
- Lesealter
- 6-7 Jahre8-9 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiKlassenlektüre
- Preis
- 12,95 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Der kleine Tim wartet am Bahnhof auf seinen Papa, der „wohnt anderswo“ als der Junge mit seiner Mama. Heute will er seinen Sohn besuchen und den Tag gemeinsam mit ihm verbringen. Sie kaufen am Kiosk Würstchen, gehen ins Kino und in die Pizzeria, machen es sich in der Stadtbücherei gemütlich und gönnen sich zum Abschied noch ein Törtchen. Überall stellt Tim stolz seinen Papa vor. Bei der Abreise zeigt dann Papa allen Mitreisenden seinen „großartigen Sohn“. Sicher sehen sie sich bald wieder.
Beurteilungstext
Tims Eltern haben sich erst vor Kurzem getrennt, und das anscheinend nicht im Guten. So bringt die Mutter den etwa vierjährigen Jungen zwar auf den Bahnsteig, wo der Papa ankommen wird, zu einer Begegnung der Eltern selbst kommt es aber nicht. Doch jetzt laufen Vater und Sohn aufeinander zu. „Was wollen wir machen?“, fragt Johnny und sein Sohn hat genaue Vorstellungen davon, was er sich wünscht: Bratwurst mit Ketchup, einen Zeichentrickfilm, Pizza und Fanta, gemeinsame Lesezeit auf dem Sofa, ein Blaubeertörtchen im Café. Das alles ist ein tolles Programm, am Wichtigsten aber ist für Tim, dass er mit Papa zusammen sein kann.
Allen, denen sie begegnen, erklärt er stolz: „Das ist Johnny, mein Papa!“ Ebenso stolz blickt Johnny auf seinen Sohn, der selbstbewusst und zielstrebig wirkt und so gerne seine kleine Hand in Papas große Hand legt. Bei Johnnys Abreise kommt es zu einem anrührenden Abschied. Papa nimmt seinen Sohn für einen Moment mit in den wartenden Zug, hebt ihn hoch und zeigt ihn den Fahrgästen. „Das hier ist Tim. Er ist mein Sohn. Mein großartiger Sohn. Und sein Name ist Tim.“ Als der Junge allein auf dem Bahnsteig zurückbleibt, blickt er nachdenklich auf die Schienen. Sie werden seine Verbindung zum Vater bleiben, bestimmt wird er wiederkommen. Und dann holt Mama ihn auch schon ab.
Sehr einfühlsam erzählt der schwedische Autor Bo R. Holmberg die Geschichte dieser Vater-Sohn-Beziehung; Kinder werden sich gut in die Situation hineinversetzen können. Obwohl Johnny und Tim anscheinend keinen normalen Alltag miteinander haben und sich selten treffen können, merkt man doch, welch große Bedeutung sie für einander haben. Es ist schön zu lesen, wie die beiden ihre Zweisamkeit genießen und wie wichtig es ihnen ist, ihren Mitmenschen zu zeigen: ‚Da ist jemand, auf den ich stolz bin! Der spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle!‘
Die Bilder erzählen die Geschichte auf ihre eigene Weise. Der Illustratorin Eva Eriksson gelingt es hervorragend, die Stimmungen der handelnden Figuren in ihrer Körperhaltung und Mimik zum Ausdruck zu bringen: die Freude über die Ankunft, die lachenden Gesichter im Kino, den Stolz auf den anderen, die Traurigkeit bei der Abreise. Die Farben der Illustrationen haben einen grauen Schleier – wie die Grundstimmung der Erzählung; nur Einzelheiten leuchten, wie zum Beispiel Papas wehender roter Schal bei seiner Ankunft auf dem Bahnhof.
Als Erwachsene macht mich die Geschichte nachdenklich. Natürlich hat dieser eine Tag Tim sicherlich sehr gut getan. Wie aber geht es ihm und seinen Eltern an den anderen Tagen? Oft holt der Vater bei dieser Begegnung die Geldbörse hervor, das Programm der Unternehmungen wird ihn einiges kosten. Wie häufig kann er sich das leisten? Welche anderen Möglichkeiten des Kontaktes gäbe es für Vater, Sohn und Mutter? Wie geht es der Mutter, wenn Tim von diesem Tag erzählt? Welche Mutter lässt ihren Vierjährigen allein auf dem Bahnsteig zurück? All diese Fragen werfen einen Schatten auf den eigentlich fröhlichen Tag.
Bo R. Holmberg und Eva Eriksson sind in ihrem Herkunftsland Schweden und auch in Deutschland bekannt, die Illustratorin hat viel mit Ulf Nilsson und Rose Lagercrantz zusammengearbeitet. Holmberg und Eriksson wurden beide mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Astrid-Lindgren-Preis. Diese Geschichte erschien erstmals 2002 in Schweden, das Erzählte ist jedoch zeitlos und kann so ähnlich auch heute geschehen. Kleidung und Mobiliar haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren vielleicht etwas verändert, Kindern wird das aber nicht auffallen.
Der Verlag empfiehlt das Buch für Kinder ab vier Jahren, auch die Hauptfigur Tim ist etwa in dem Alter. Jungen und Mädchen im Grundschulalter werden sich besser in die Situation hineinversetzen können; ungefähr in der dritten Klasse werden die meisten Kinder die kurzen Texte selbstständig lesen können. Gerade, weil die Begegnung zwischen Tim und seinem Vater viele Fragen aufwirft, lässt sich das Buch hervorragend im Unterricht einsetzen. Gemeinsam kann man über das Verhalten und die Gefühle der beteiligten Personen nachdenken und über Möglichkeiten des Kontaktes ins Gespräch kommen. Scheidungskinder können angeregt werden, sich in kleinen Gruppen offen über ihre neue Lebenssituation und die Besuchsregelungen auszutauschen. - Ich möchte das Buch auch Eltern ans Herz legen, die sich trennen wollen oder getrennt haben. Menschen, die im pädagogischen Bereich arbeiten, ermöglicht es einen guten Einblick in die Erlebniswelt vieler Kinder.