Der Sternsee
- Autor*in
- Gmehling, Will
- ISBN
- 978-3-7795-0766-6
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- Deutsch
- Illustrator*in
- Rassmus, Jens
- Seitenanzahl
- 56
- Verlag
- Peter Hammer Verlag
- Gattung
- Erzählung/Roman
- Ort
- Wuppertal
- Jahr
- 2025
- Lesealter
- 8-9 Jahre10-11 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiFreizeitlektüreKlassenlektüre
- Preis
- 14,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Will Gmehling ist seit seiner „Freibad“-Trilogie ein bekannter Autor, der es schafft, seine kindlichen Figuren scheinbar mitten aus dem Leben zu holen und ihnen eine authentische Stimme zu verleihen. Dasselbe gilt für den schmalen Kinderroman „Der Sternsee“, in dem er von vier Kindern in einer Hochhaussiedlung und einem unbegreiflichen Phänomen erzählt.
Beurteilungstext
Will Gmehling erzählt in diesem mit 53 Seiten vom Umfang her sehr schmalen Kinderroman von vier Kindern, die in einer Hochhaussiedlung aufwachsen, wo sie Zeug*innen eines schier unfassbaren Geschehens werden. Im Februar friert der See im Zentrum der Siedlung, den sie wegen seiner Form „Sternsee“ nennen, zu und taut den ganzen langen und heißen Sommer über nicht wieder auf. Fassungslos sehen der kindliche Ich-Erzähler und seine Freund*innen Mo, Sissi und Anastasia dem Geschehen zu, freuen sich zunächst, dass sie Schlittschuhlaufen können und erleben fasziniert, wie der dauerhaft zugefrorene See zum sensationellen Anlaufpunkt für die Presse und viele andere Menschen wird. Für den Ich-Erzähler sind aber auch die Dynamik in den Freundschaftsverhältnissen und vor allem die erste Liebe relevant. Da die Ursache für den gefrorenen See narrativ nicht aufgelöst wird und im Bereich des Rätselhaften verbleibt, changiert der Roman zwischen Realistik und Fantastik bzw. operiert mit einem fantastischen Element im realistischen Setting. Das Bild des zugefrorenen Sees entfaltet eine enorme Symbolkraft und erinnert in seiner Ungeklärtheit ein bisschen an Marlen Haushofers „Wand“, wobei dem See im Gegensatz zu dieser nichts Unheimliches und Bedrohliches anhaftet. Viel mehr steht er als Sinnbild für den Prozess des Erwachsenwerdens, dem sich der Ich-Erzähler stellen muss. Alles verändert sich, nichts friert schlussendlich dauerhaft ein – auch der Sternsee taut wieder.
Gmehling findet (wie schon in der Trilogie über die Bukowski-Geschwister) eine starke und klare Sprache, die dem Ich-Erzähler eine eindringliche Stimme verleiht. Klare und oftmals kurze Sätze verleihen dem Geschehen eine besondere Kraft und es gelingt, diverse Figuren vorurteilsfrei und gleichberechtigt auftreten zu lassen, was durch den Verzicht auf erzählerische Kommentierungen bedingt ist. So antwortet beispielsweise der Betreiber des Sommer-Kiosks am zugefrorenen See, als Anastasia erzählt, dass ihr Onkel im Gefängnis sei: „Da war ein Kumpel von mir auch mal. [...] Das kann jedem passieren.“ (S. 48). So entfaltet sich ein einzigartiges Setting, das mit sensibler Figurenkonzeption verknüpft ist. Genau dafür hat Jens Rassmus passende Bilder gefunden.
Wegen seiner Kürze und der einfachen Sprache (die trotzdem in der Lage ist, ästhetische Komplexität zu erzeugen) bewegt sich das Buch an der Schwelle zwischen Roman und Erstlesebuch und ist auch für den Literaturunterricht nachdrücklich zu empfehlen. Trotz der leichten Lesbarkeit lädt der Text mit seiner Ästhetik der Unglaubwürdigkeit und Rätselhaftigkeit massiv zum Staunen und Fragen ein und drängt sich darum für literarische Gespräche und Anschlusskommunikation regelrecht auf. In diesem Sinne handelt es sich um ein in vielfacher Hinsicht erstaunliches Kinderbuch.