Der Honigdieb

Autor*in
Naïr, Karthika
ISBN
978-3-89955-729-9
Übersetzer*in
Burger, Anke Caroline
Ori. Sprache
Englisch
Illustrator*in
Jolivet, Joelle
Seitenanzahl
Verlag
Kleine Gestalten
Gattung
Buch (gebunden)Märchen/Fabel/Sage
Ort
Berlin
Jahr
2014
Lesealter
4-5 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Bücherei
Preis
9,95 €
Bewertung
empfehlenswert

Teaser

Shonu hat Hunger! Seitdem die Jahreszeiten durcheinander gekommen sind herrscht Dürre, seither hat er kaum gegessen. Er denkt an Honig. Und er weiß, wo es welchen gibt.

Beurteilungstext

Im Golf von Bengalen, im Mangrovenwald Sundarban gibt es 18 Gezeiten und 6 Jahreszeiten. Und auch sonst ist einiges anders als bei uns. Hier zieht Shonu mit seiner Mutter, der Garnelenfischerin Amma und seinem Vater, dem Honigsammler Abba, von Insel zu Insel. Als multinationale Konzerne Holzfäller engagieren und Raubbau an der Natur betreiben, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Die Jahreszeiten geraten durcheinander, große Regenfälle zerstören den Boden und sorgen für gewaltige Flutwellen und Wirbelstürme. Viele Menschen sterben. Shonus Familie wird verschont, doch ihr Zuhause und Auskommen sind in Gefahr. Nun kommt auch noch der Sommer zu früh und zu heiß, es verdorren die Pflanzen im Garten, die die Familie ernähren sollen und Ammas Garnelenzucht wird immer wieder weggespült. Die Familie muss hungern.
Auch in guten Zeiten durfte Shonu höchstens den Löffel ablecken, wenn sein Vater die Honigernte für den Markt abfüllt. Nun, da die Misere ausbricht, reicht es oft nicht einmal mehr für Reis mit Chili und oft muss die Familie mit einem Glas Wasser vorlieb nehmen. Shonu stellt sich vor, dass jeder Schluck Wasser Honig wäre. Sein Leibgericht. Doch der Honig darf noch nicht geerntet werden, sonst bleibt nicht genug Nahrung für die Königin des Bienenstocks übrig, wie Abba Shonu erklärt. Das würde irreparable Schäden mit sich ziehen und Der-Dessen-Name-Nicht-Genannt-Werden-Darf könnte in Wut geraten.
Doch schließlich helfen auch die eindringlichsten Warnungen nicht mehr und Shonu versteckt sich in der Barke von Baumfällern, um in den Manrovenwald einzudringen und sich satt zu essen. Natürlich wird er in seinem Honigtaumel erwischt und nun streiten die Götter um sein Schicksal. Bonbibi versteht seine Notlage und will ihn schützen – schließlich ist er noch ein Kind. Dakkin Rai, Der-Dessen-Name-Nicht-Genannt-Werden-Darf, will ihn zur Strafe zermalmen – schließlich ist er nur ein dummer, unverständiger Mensch. Es gibt eine Lösung und es Versöhnung, doch dafür muss Shonu den geschädigten Bienen dienen und dafür in Hitze und Gezeiten, fern von seiner Familie, ausharren.
Der Honigdieb ist eine Fabel, die kleinen Kindern eindringlich das zarte Gleichgewicht der Natur vor Augen hält und die Gefahr, die von ihrer eigenen Spezies ausgeht, vergegenwärtigt. Im Buch wird dieses Gleichgewicht immer auch mit dem Glauben an die Götter verbunden. So erfahren die jungen Leser einen wichtigen Aspekt von Religion.
Die Erzählung inszeniert einen Erwachsenen, der die Geschichte fernab von der Heimat erzählt und ein Kind, das den Golf von Bengalen nicht kennt und ihn mit Fragen unterbricht. Was auf der konzeptionellen Ebene nach einem klugen Kunstgriff aussieht, der Leser*innen das Einfühlen in eine sehr ferne, sehr fremde Kultur erleichtern soll, wirkt beim Vorlesen leider oft umständlich und gekünstelt. Schnell wird klar: die sprachliche Ebene tritt vor der sehr hübsch gedachten, politisch korrekten Erzählung, sowie den unglaublich schön gearbeiteten kontrastreichen Bildern in 4 Farbtönen, in den Hintergrund. Denn hier finden sich Bildaufteilungen, die für hiesige Kinderbücher ungewöhnlich sind, Randmuster, die wie Comics funktionieren und Schatten-Suchbilder, die das Lesen bereichern. Insgesamt ist es ein empfehlenswertes Buch, das uns ermöglicht inhaltlich und ästhetisch über den europäischen Tellerrand zu blicken.

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Diese Rezension wurde verfasst von juri; Landesstelle: 23 Sachsen-Anhalt.
Veröffentlich am 29.05.2018