Der Gedankenspieler

Autor*in
Härtling, Peter
ISBN
978-3-8337-3872-2
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Sprecher*in
Umfang
348  Minuten
Verlag
Goya Lit bei Jumbo
Gattung
AudioErzählung/Roman
Ort
Hamburg
Jahr
2018
Alters­empfehlung
16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
20,00 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Teaser

Nach einem Sturz ist der hochbetagte frühere Architekt Johannes Wenger auf einen Rollstuhl angewiesen, was ihn in ungewohnte und demütigende Abhängigkeiten von bringt. Er spürt das Alter und die Einsamkeit deutlicher als je zuvor. Glücklicherweise gibt es den jungen Hausarzt Dr. Mailänder, der ihn immer wieder ins Leben zurückholt, vor allem dank der unverfälschten Lebensfreude der kleinen Tochter Katharina. Für sie wird er zum geliebten „Opa Hannes“.

Beurteilungstext

Peter Härtlings letzter Roman, in dem er in weiten Teilen Einblicke in seine eigene Krankengeschichte gibt und dessen Hauptfigur Wenger im Laufe der Erzählung immer mehr zu seinem Alter Ego wird, erschien Anfang 2018 sorgfältig ediert im Verlag Kiepenheuer und Witsch und mit einem Nachwort seines Lektors Olaf Petersenn versehen. Dass dieses in der Hörbuchausgabe fehlt ist bedauerlich, denn so erklären sich für den Leser sowohl bestimmte Eigenarten des Textes wie auch der Titel. Härtlings Arbeitstitel für den Roman lautete „Senfgelbes Endspiel“, was gespeist ist aus der höllengleichen Erfahrung des urämischen Komas, was im 7. Kapitel des Romans ein dominantes Motiv ist. Das gleichzeitige Vorhandensein der Nähe zu Härtlings Biografie (besonders der Erfahrung der Urämie) wie auch Distanz, die es der literarischen Figur erlauben insbesondere in den titelgebenden „Gedankenspielen“ andere Lebenswege und -läufe zu konstruieren, ist eine dieser Besonderheiten.
Nähe und Distanz zu den Menschen in seiner Umgebung wie auch den ihn prägenden literarischen und künstlerischen großen Vorbildern und denen in seinem Fach der Architektur (wie z.B. Mies van der Rohe) sind immer wieder Gegenstand der gedachten und tatsächlichen Gespräche und Briefe von Wenger. Hier sind es vor allem die Lyriker, die ihm etwas bedeuten. Z.B. Nazim Hikmet, der ihm von einer Buchhändlerin „als größter türkischer Dichter der Neuzeit“ empfohlen wird, dessen bekanntestes Gedicht im Roman auch zitiert wird:
„Leben, einzeln und frei,
wie ein Baum und dabei
brüderlich wie ein Wald.
Diese Sehnsucht ist unser.“
Schmerzhaft deutlich wird der Gegensatz zwischen dem bedrückenden durch die Altenpflege strukturierten Alltag, der Hilfs- und Pflegebedürftigkeit und den intellektuellen Gedankenspielen: Einerseits sind da die mehr oder weniger sensiblen Damen der Pflege, die ihm aus und in den Stuhl helfen und ihn „untenrum“ waschen und andererseits ist da die immer wichtiger werdende Beziehung zu Dr. Mailänder, den er gegen Ende sogar einen „Freund“ nennt.
Berührend, vielleicht gerade wegen des oft lakonischen Tones, sind die Passagen, in denen er Gedankenbriefe oder auch reale, getippt auf der „kleinen Hermes“ (Schreibmaschine) an Menschen, die er bewundert oder die ihn geprägt haben. Mühelos wechselt Härtling zwischen diesen Ebenen und lässt auch das Zeitgeschehen einfließen, das die Figur Wenger (sicher ebenso wie den Autor Härtling) sehr besorgt und an der Vernunft der Menschheit zweifeln lässt.
Der Schauspieler Markus Hofmann bringt mit seiner wohlklingenden und ausdrucksstarken Stimme die Melancholie und die Ironie des Textes gleichermaßen zu Gehör: Er bringt die Stimmungen von nachdenklich über einfühlsam, sich verlierend im Schmerz, über traurig zu wütend und verzweifelt zum Klingen und wechselt mühelos zwischen den Ebenen dieser unterschiedlichen Gefühle.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von SRAn; Landesstelle: 16 Hessen.
Veröffentlicht am 21.01.2019

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