Das Glück ist blind (aber nicht unsichtbar)

Autor*in
Sedgwick, Marcus
ISBN
978-3-423-65021-2
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Seitenanzahl
260
Verlag
dtv
Gattung
Ort
München
Jahr
2016
Lesealter
12-13 Jahre14-15 Jahre16-17 Jahreab 18 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
14,95 €
Bewertung
sehr empfehlenswert

Teaser

Laureth vermutet, dass ihrem Vater, der Schriftsteller ist, etwas zugestoßen ist. Er sollte für Recherchearbeiten in der Schweiz sein, doch alle Anzeichen deuten darauf hin, dass er stattdessen in New York ist. Als er kein Lebenszeichen von sich gibt, fliegt die 16jährige Laureth mit ihrem kleinen Bruder heimlich nach New York, um ihn zu suchen. Dass sie blind ist, hält sie nicht von der riskanten Reise ins Ungewisse auf.

Beurteilungstext

Laureth ist 16 Jahre alt und beantwortet die emails für ihren Vater Jack Peak, der als Schriftsteller einen gewissen Bekanntheitsgrad genießt. Sie wähnt ihn bei Recherchearbeiten in der Schweiz, doch als sie von einem Mr. Walker eine Nachricht aus New York erhält, der den Finderlohn für das kostbare Notizbuch ihres Vaters kassieren möchte, keimt in Laureth die Sorge, ihm sei etwas Schlimmes zugestoßen. Ihre Mutter scheint es nicht zu kümmern, was mit ihrem Vater sein könnte. Seitdem Jack Peak keine lustigen Bücher mehr schreibt, sondern sich mit ernsten Themen befasst, bleibt der Erfolg aus und stürzt nicht nur den Schriftsteller, sondern auch seine Familie in eine handfeste Krise. Abgesehen von den Geldsorgen belastet Jacks Obsession für die Erforschung von Zufällen insbesondere die Beziehung zu seiner pragmatischen und bodenständigen Frau Jane. Zudem ist die Familie der Peaks alles andere als durchschnittlich: Laureth ist seit ihrer Geburt blind und ihr kleiner Bruder Benjamin leidet unter dem "Pauli-Effekt", das heißt, elektronische Geräte, die er berührt, gehen augenblicklich kaputt, sodass er nicht wie andere Kinder Computerspiele spielen oder alleine den Fernseher anmachen kann. Stattdessen liest er sehr viel und hat einen Stoffraben als imaginären Freund, den er ständig bei sich hat.
Wütend über die Ignoranz ihrer Mutter, beschließt Laureth, nach New York zu fliegen und ihren Vater zu suchen. Sie muss dazu ihren Bruder "entführen", denn er muss für sie lesen, Ausgänge finden, ihren Sehsinn ersetzen, auf den sie im Unbekannten angewiesen ist. Auf sehr beeindruckende Weise hat Sedgwick hier die Beziehung der Geschwister beschrieben, ihre geheime Art der Kommunikation, bei der es nicht auffällt, dass der siebenjährige Benjamin die Führung übernommen hat. Die Probleme und Verwicklungen, die sich durch die kindliche Sichtweise Benjamins und Laureths Handicap ergeben, die Gefahren der Großstadt, in die die beiden ziellos aufgebrochen sind, schmiedet Sedgwick zu einem anspruchsvollen Jugendroman mit spannenden Thrilleranteilen. Gleichzeitig gelingt es ihm, hochsensibel in die Welt der blinden Protagonistin einzutauchen. Ohne moralischen oder pädagogischen Zeigefinger rechnet er mit üblicherweise blinden Helden ab, mit den Klischees, die mit Blindheit verbunden werden, mit den sehr häufig verletzenden Verhaltensweisen sehender Menschen Blinden gegenüber. Durch die wunderbare Figur der Laureth lässt er den Leser an den ausgeklügelten, zum Teil auch komischen Anpassungsversuchen an die sehende Welt teilhaben.
Mit der Figur des Jack Peak gewährt Marcus Sedgwick dem Leser einen tiefen Einblick in die Arbeit eines Autors, der zunächst Erfolg hatte und dessen ernste Bücher die Leser dann nicht mehr mochten. Jack will DAS BUCH zu schreiben, das ultimative Werk, an dem er schon mehrere Jahre arbeitet. Besessen und angetrieben von der Idee, ist das Schreiben mal die schönste Arbeit der Welt, mal reißt es den Autor in tiefe Verzweiflung und man wünscht ihm eine andere, weniger aufreibende Tätigkeit.
Über das Notizbuch, das sich im Schriftbild vom restlichen Text abhebt, eröffnet Sedgwick einen philosophischen Diskurs über den Zufall, erklärt Dinge wie das Numinose, Apophänie oder Synchronizität. Die Literaturliste am Ende des Buches verweist auf Romane, Gedichte und Sachbücher, sollte man sich weiter mit dem Zufall beschäftigen wollen.
Auch auf sprachlicher Ebene überzeugt "Das Glück ist blind (aber nicht unsichtbar)": Aus der Sicht der blinden Laureth erzählt Sedgwick glasklar, präzise, teilnahmsvoll und dabei so flüssig, als passe er die Sprache geschmeidig dem Atemzug des Mädchens an.

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von Bob; Landesstelle: 12 Berlin.
Veröffentlicht am 22.11.2016

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