Das Geheimnis des 12. Kontinents
- Autor*in
- Michaelis, Antonia
- ISBN
- 978-3-7855-6296-3
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- –
- Illustrator*in
- Nievelstein, Ralf
- Seitenanzahl
- 349
- Ort
- Bindlach
- Jahr
- 2008
- Lesealter
- 10-11 Jahre12-13 Jahre14-15 Jahre16-17 Jahreab 18 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- Bücherei
- Preis
- 7,95 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Karl Sonntag ist wütend. Sein besten Freund ist aus dem Heim adoptiert worden, er bleibt allein zurück. Das Leben ist trist, aber er kann wenigstens auf seinen Vater, den Kapitän warten, der ihn sicher eines Tages holt. Da erfährt er, dass es den Kapitän gra nicht gibt, und er beschließt auszuwandern, weg von allen, die ihn verlachen. Auf der Flucht trifft er auf ein uraltes Seefahrervolk, die Winzigen. Und das ist der Beginn eines prächtigen Abenteuers, an dessen Ende eine Überraschung steht...
Beurteilungstext
Der erste große Kinderroman von Antonia Michaelis war "Die wunderliche Reise von Oliver und Twist", und das Thema des einsamen und ungerecht behandelten Waisenkindes, das sein Glück findet, hat sie nicht verlassen.
Die wunderbare Geschichte vom 12. Kontinent, 2007 erschienen, liegt nun endlich auch als Taschenbuch vor und erschließt sich damit einem noch größeren Leserkreis. Was ist das für ein Roman, der sich eigentlich jeder Klassifizierung entzieht? Er beginnt wie eine ganz realistische Erzählung von Karl, einem Waisenkind, das in einem Heim lebt und dort von seinem Vater, dem Kapitän träumt, der eines Tages kommen und es abholen wird. Karls einziger Trost ist Achim, sein bester Freund, aber als der adoptiert wird, ist das Leben noch trister in dem trostlosen Waisenhaus, das mehr einem strengen Erziehungsheim gleicht. Karl ist wütend, und diese Wut ist eines der beherrschenden Erzählmotive des Romans. Eindrucksvoll und wunderbar versteht es Antonia Michaelis, die Demütigungen, denen der Junge ausgesetzt ist, seine Gefühle und Reaktionen darzustellen. "Da überkam mich eine plötzliche rote Wut, und ich zerknüllte den Papierflieger, bis er nur noch ein winzig kleines Knäuel war, und pfefferte ihn in die Ecke." Seine Emotionen, seine Hilflosigkeit, mit der er auf die Hänseleien der Kameraden reagiert, all das wird in körperliche Reaktionen und Taten umgesetzt, die dem leer unmittelbar verständlich werden und keiner Erklärungen bedürfen. Karl wehrt sich mit Gewalt, aber deshalb ist er noch kein Schläger. Nur manchmal sind es Überreaktionen, geboren aus der Einsamkeit und Verlassenheit, vor allem, als er erfährt, dass die Geschichte von seinem Vater, dem Kapitän, nichts als ein trostreiches Märchen war.
Da Karl schon immer davon geträumt hat, zur See zu fahren, reißt er aus, verschwindet einfach eines Nachts und macht sich auf den Weg zum Meer. Hier begegnet er einem uralten Seefahrervolk, den Winzigen, die ihn bei sich aufnehmen, nachdem er ebenfalls geschrumpft worden ist. Auch die Winzigen sind traurig und auf einer Mission, denn sie haben bis auf einen Jungen alle Kinder auf dem 12. Kontinent verloren, die sie nun zurückholen wollen, und dabei will Karl ihnen helfen. Zusammen mit Sven, dem einzigen noch vorhandenen Kind, macht er sich auf den Weg, das Geheimnis des 12. Kontinents zu lösen - und nicht nur dieses.
Er begegnet auf der Insel dem mürrischen, verschlossenen Kapitän Henk Olafsen, den auch ein Geheimnis umgibt, und er begegnet Miriam, der freundlichen, lieben Besitzerin des Inselcafés, die sich rührend um ihn und die Winzigen bekümmert. Hier, auf der Insel mit den Winzigen, mischen sich Elemente des Fantastischen nahtlos mit Elementen des realen Romans; beides ist nicht voneinander zu trennen, doch trotzdem hat man nie den Eindruck, eine Fantasygeschichte zu lesen. Alle fantastischen Motive sind klar und unverbraucht, so etwa der alles beherrschende "Uralte", in seiner Wut Karl gleich, denn auch er ist trotz seiner Macht hilflos und peitscht das Meer auf, um diese Wut auszulassen. Und Karl beginnt zu verstehen .... Er findet den Weg zu den verschwundenen Kindern, er findet den Weg zu seinem Vater, dem Kapitän, er findet eine neue Mutter, aber trotz dieses Happy Ends ist da nirgendwo auch nur eine Spur von Kitsch oder falscher Glückseligkeit.
Es ist die große Stärke von Antonia Michaelis, dass sie eine so ehrliche Geschichte überzeugend schlicht mit absolut glaubwürdigen Charakteren schreiben kann, in einer perfekten Mischung von Glück und Unglück, immer genau in dem Maß, das der Leser braucht oder ertragen kann. Es ist eine Geschichte von großen Gefühlen wie Freundschaft und Liebe und Wut und Traurigkeit, und sie stehen alle gleichberechtigt nebeneinander, denn für jedes Gefühl gibt es seine eigene Zeit. Michaelis zeigt in ihrer Geschichte, ohne es auszusprechen, wie Gefühle entstehen und was sie aus uns machen, wie wir mit ihnen fertig werden können, damit alles zu einem guten Ende kommt. Ihre bei aller Schlichtheit und Einfachheit bildreiche Sprache, die gern auf der Beschreibung Einzelheiten verweilt, macht das Lesen dieser anrührenden Geschichte zu einem großen Vergnügen.
Eine ganz starke Empfehlung!