Alle behindert!

Autor*in
Osberghaus, MonikaKlein, Horst
ISBN
978-3-95470-217-6
Übersetzer*in
Ori. Sprache
Illustrator*in
Klein, Horst
Seitenanzahl
40
Verlag
Klett Kinderbuch
Gattung
Buch (gebunden)Sachliteratur
Ort
Leipzig
Jahr
2019
Lesealter
4-5 Jahre6-7 Jahre8-9 Jahre
Einsatzmöglichkeiten
Preis
14,00 €
Bewertung
empfehlenswert

Teaser

In dem gelungenen Bilderbuch „Alle behindert!“ sind neugierige Fragen aller Art über Menschen und ihre Behinderung erlaubt, beispielsweise „Woher kommt das?“ oder „Geht das wieder weg?“ 25 Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen werden mit einem Bild und einer Art Steckbrief mit viel Humor und Input vorgestellt.

Beurteilungstext

Ein Bilderbuch über Behinderung – auch heutzutage, in Zeiten der Inklusion, noch etwas Besonderes. Wo doch „behindert“ immer noch als Schimpfwort laut über den Schulhof gebrüllt wird, wo 2017 ein junges Mädchen mit Trisomie 21 sich durch die Bezeichnung ihres Schwerbehindertenausweises diskriminiert fühlt. Dank ihres Engagements bekommen Schwerbehinderte seither vom Versorgungsamt Hamburg den Schwer-in-Ordnung-Ausweis, das ist großartig!
Schon das freche und bunte Cover von „Alle behindert!“ macht Lust auf mehr und weist mit zwei kleinen Besonderheiten auf das Buchthema hin: der Kleinbuchstabe „h“ im Titel ist umgedreht, und der für Legastheniker typische Buchstabendreher in der Reihe „Klett Kniderbuch“. Dann geht es los: Auf jeder Seite werden 25 Kinder mit sogenannten Beeinträchtigungen durch ein Bild im Comicstyle und eine Art Fragekatalog vorgestellt. Da sind unter anderem Anna mit Trisomie 21, Neo mit Kleinwuchs, Autist Robert, Pippa, die mit Querschnittslähmung im Rollstuhl sitzt, sowie Lenny, der eine Muskelschwäche hat. Da sich das Fragemuster auf jeder Seite wiederholt und die Antworten kurz sind, wirkt das Ganze wie ein Steckbrief. So findet man ehrliche, bestürzende Antworten. Auf Fragen wie „Geht das wieder weg?“ antwortet Lenny: „Nein, es wird eher schlimmer. (...) Man wird nicht alt.“ Auf „Was ist daran einfach nur doof?“ antwortet Pippa: „Dass in der Stadt immer alle glotzen.“ Doch es gibt auch Antworten auf positive Fragen wie „Kann ich mit Pippa spielen?“, „Wie gehe ich auf Pippa zu?“, „Was ist ein Vorteil?“ So erfahren wir, dass Pippa Chairskaten, Rampen runtersausen und Wackelpudding mag und sie es als Vorteil ansieht, dass sie sowohl im Kino wie auch bei Konzerten immer in der ersten Reihe sitzen darf. Des Weiteren lernen wir, was Orthesen, ein Katheder, die Deutsche Gebärdensprache und die Braille-Schrift für Blinde sind.
Die Autorin Monika Osberghaus und der Illustrator Horst Klein haben sich in Vorbereitung für das Buch mit vielen Kindern und deren Eltern unterhalten und aus deren Steckbriefen „ihre“ 25 Kinder konzipiert. Das Team erweitert mit weiteren aufgeführten Kindern überraschenderweise den Begriff der Behinderung und unterscheidet daher nicht zwischen angeborenen und sozialisierten Merkmalen. Da sind Angeber Julien, Tussi Vanessa und Mitläufer Paul, die schüchterne Martha und der Essensnörgler Alfredo. Außerdem ist mit Leopoldine Victoria ein Helikopterkind dabei. Auch hier erfahren wir „Wo kommt das her“ –zum Beispiel durch ängstliche Eltern.
Doch einen signifikanten Unterschied gibt es zwischen den angeborenen und sozialisierten behinderten Kindern: Während bei den einen auf die Frage „Geht das wieder weg?“ ein klares Nein steht, sind die Antworten darauf bei den anderen vielseitiger: „Vielleicht“, „Na, hoffentlich“ oder „Mit echten Freundinnen“. Damit sind wir auch schon bei dem Haken an diesem eigentlich sehr gelungenen Bilderbuch, das Kinder mit Behinderung in den Mittelpunkt stellt, denen man ansonsten eher nicht begegnet. Durch die vielen, teilweise auch sehr witzigen Antworten auf die kindgerechten Fragen erlebt man als Leser*in den Menschen/das Kind hinter der Behinderung. Das Buch erlaubt es den kindlichen Leser*innen neugierig zu sein und geht unverkrampft und mit viel Witz an das Thema Behinderung heran. Doch die Tussi und der Angeber werden als Erwachsene wohl weniger Probleme mit Geldverdienen, selbständigem Wohnen und dem Suchen einer Partner*in haben wie der Spastiker Max, Lenny mit Muskelschwäche oder Pippa mit Querschnittslähmung. Aus der kindlichen Sichtweise sind diese strittigen Punkte noch sehr weit weg, sollten aber, meiner Meinung nach, nicht unerwähnt bleiben.

Simone Preißler

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.

Diese Rezension wurde verfasst von spr; Landesstelle: Hamburg.
Veröffentlicht am 06.05.2020

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