Abgeholt
- Autor*in
- Lindemann, Johanna
- ISBN
- 978-3-551-52187-3
- Übersetzer*in
- –
- Ori. Sprache
- Deutsch
- Illustrator*in
- Ammersken, Mareike
- Seitenanzahl
- 32
- Verlag
- Carlsen
- Gattung
- BilderbuchBuch (gebunden)
- Ort
- Hamburg
- Jahr
- 2024
- Lesealter
- 4-5 Jahre6-7 Jahre
- Einsatzmöglichkeiten
- BüchereiFreizeitlektüreVorlesen
- Preis
- 14,00 €
- Bewertung
Schlagwörter
Teaser
Ben ist ein Kindergartenkind wie es im Buche steht: Einfallsreich, fantasievoll, bewegungsfreudig und beliebter Spielpartner. Den ganzen Tag über hat er Spaß im Kindergarten. Doch wenn die Abholzeit naht, wird Ben traurig. Jeden Tag wird er als Letzter aus dem Kindergarten abgeholt. Wie geht man mit diesem echten Problem um? - Für ein Kind mit so vielen Ideen wie Ben, lässt sich auch dafür eine Lösung finden... und diese ist so herzerwärmend und voller Überraschungen, da können vor allem die Erwachsenen noch einiges lernen!
Beurteilungstext
Bens Alltag im Kindergarten ist geprägt von vielen Gute-Laune-Momenten. Klettern, mit den anderen Kindern spielen, Mahlzeiten einnehmen, mit Erzieherin Selma Zeit verbringen – alles ist toll, bis auf den beklemmenden Moment, in dem alle Kinder, eines nach dem anderen, abgeholt werden, begleitet vom lauten Schrei des aufmerksamsten Beobachters "Abgehooolt!" - mit mindestens drei O.
Ausgerechnet Ben ist immer der Letzte. Grund dafür sind die Arbeitszeiten seines alleinerziehenden Vaters im Supermarkt. Ben ist ein sehr reflektiertes Kind und hat dafür durchaus Verständnis. Doch die mitleidigen Blicke und Kommentare der Erwachsenen auszuhalten, ist schwer. Schließlich kann Ben mit fantasiereichen Schilderungen der Arbeit seines Vaters im "Reich der Kostbarkeiten" beim Kampf gegen "monsterlange Schlangen" und "Schurken", die nicht bezahlen wollen, sämtliche Kinder und Erwachsene beeindrucken und ein Umdenken in den Köpfen in Gang setzen.
Johanna Lindemann hat mit Ben und seinem Vater eine sehr liebevolle Vater-Sohn-Konstellation entworfen. Der Supermarkt-Verkäufer gibt alles. Sein Kind hat jeden Tag die leckerste und größte Brotdose von allen dabei, auch wenn Ben schon einmal neidisch auf die von den anderen Eltern zur Abholzeit verteilten Laugengebäcke und Maiswaffeln der übrigen Kinder schielt. Nach getaner Arbeit stürmt der alleinerziehende Papa mit wehenden Haaren in den Kindergarten – wenn auch als Letzter – und lässt Ben auf seinen Schultern nach Hause reiten.
Um in Bens Augen ein wahrer Held zu sein, muss man nicht Atomphysiker oder Neurochirurg sein. Das wahre Potenzial dieser Kleinstfamilie wird deutlich, als Ben die bedauernden Reaktionen der anderen Eltern und Großeltern erfährt und spürt: hier muss einmal etwas klargestellt werden. Und so schildert Ben, der sich gerade noch kurz selbst leid tat, was für ein unnachahmlicher Held sein Papa beim täglichen Kampf im Supermarkt ist. Und da Ben ein unglaubliches Erzähltalent mit Entertainerqualitäten ist, bekommen Kinder und Eltern dies in den blühendsten Farben (großartig in Bilder übertragen von der Illustratorin Mareike Ammersken) geschildert.
Schnell wird für die Leser*innen aufgeräumt mit dahergeholten Klischees von der heilen Kleinfamilie, aus Mama, Papa, Kind bestehend. Sehr gelungen auch wie "Eriks eine Mama" einen derartigen Kommentar mit "Quatsch" abtut. Das ist sehr dezent, aber wirkungsvoll untergebracht und auch gut als Gesprächsanlass mit Kindern nutzbar, welche Vielfalt an möglichen funktionierenden Familienkonstellationen es denn gibt.
Auch darüber hinaus bildet dieses Bilderbuch eine angenehme Vielfalt ab. Es tauchen auf fast allen Seiten Menschen jeglicher Hautfarbe auf, es gibt Brillenträger, einen Papa mit langen Haaren, ein Kind mit Schielpflaster auf dem Auge.
Die meist formatfüllenden Illustrationen strahlen eine große Herzlichkeit aus und wecken viel Sympathie mit den dargestellten Figuren. Das beginnt schon beim Titelbild, welches uns Ben und seinen Vater als liebevolles Team in der Kindergarten-Abholsituation zeigt. Eine Ahnung von Bens übersprudelnder Fantasie kann man hier auch schon erhalten, da sich von Bens Position ausgehend viele weiße Kreideskizzen fantastischer kleiner Elemente (Schwert, Burgturm, Vogel, Kronen...) über das Gesamtbild ausbreiten.
Ein harmonisches Grün bildet für viele Seiten die dominierende Hintergrundfarbe, auf der sich Szenen ausbreiten, die viel Bewegung und viel zum Entdecken darbieten. Die erste Doppelseite präsentiert Ben und seine Kindergartenfreunde. Um die Zuordnung zu erleichtern, wurden mit roter Farbe, die auch eines der Kinder im Bild benutzt, die Namen aller Kinder an die Figur quasi nachträglich herangeschrieben.
Die Darstellungsweise trägt comichafte Elemente. Die Kinder haben übergroße Köpfe und klitzekleine Füße. Das wirkt nicht unharmonisch, sondern lenkt den Blick auf die meist fröhlichen Gesichter.
Beim Wechsel in Bens Fantasiewelt, Papas "Reich der Kostbarkeiten", wird das Farbspektrum deutlich bunter und die Seiten bekommen fast schon Wimmelbuch-Charakter – es gibt viel zu entdecken.
Johanna Lindemanns Texte sind ausgefeilt und machen richtig Spaß beim Vorlesen. Sie bilden treffend und mit einer feinen Prise Ironie die Abholsituation im Kindergarten ab. Sie schreibt angemessen in komplexen Sätzen und hält regelmäßig Wortwitz bereit ("Antonpower", "muffige Maiswaffel"), der Kindern und Erwachsenen gefallen wird.
Erwachsenen Vorleser*innen wird zudem liebevoll der Spiegel vorgehalten, ob man nicht Vorurteile und schnelle Kategorisierungen auch hinterfragen kann, statt sie unreflektiert direkt oder indirekt an Kinder weiterzugeben.
"Abgeholt" ist ein wundervoll gelungenes und unterhaltsames Buch mit einem perfekten Zusammenspiel von Text und Illustrationen, das gleichermaßen Spaß macht zu lesen und zum Nachdenken anregt.