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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Boie, Kirsten,     
Titel:
Dunkelnacht
ISBN:
978-3-7512-0053-0  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
128
Verlag:
Oetinger, Hamburg
Gattung:
Erzählung
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
13,00 €   Buch: Hardcover
       
Inhalt:
Penzberg in Bayern am 28. April 1945: das Ende des Krieges steht bevor und der Bürgermeister übergibt widerstandslos das Rathaus, auch die Flutung des Bergwerkes kann verhindert werden. Dann aber gibt der Gruppenkommandant den Befehl, das Rathaus zu umstellen und fast alle Menschen darin werden ermordet. Durch Denunzierung und Verrat kommt es im Laufe der Nach zu weiteren Morden im Ort. "Dunkelnacht" erinnert daran: schonungslos, erschütternd und ehrlich.
[box 25 Thüringen]
       
Lesealter:
16 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Nazidiktatur / Nationalsozialismus / Diktatur / dritter Weltkrieg
       
Anmerkungen:
für Ethik- und Geschichtsunterricht sehr geeignet
       
Beurteilungstext:
Penzberg 28. April 1945, kurz vor dem Ende des zweiten Weltkrieges: Auch in dem kleinen bayrischen Dorf erwarten viele Menschen sehnsüchtig das Ende des Krieges und der Diktatur. Beinahe scheint alles friedlich und ruhig zu verlaufen. Der durch die Nazis eingesetzte Bürgermeister übergibt widerstandslos das Rathaus an seinen Vorgänger und auch die Flutung des Bergwerkes können die Männer des Dorfes verhindern. Doch all das entpuppt sich als die Ruhe vor dem Sturm, denn der Gruppenkommandant gibt den Befahl, das Rathaus zu umstellen. Was nun folgt, könnte tragischer nicht sein: diejenigen, die zusammen mit dem alten Bürgermeister den Ort friedlich an die Amerikaner übergeben, die Blutvergießen, Leid und Rache verhindern wollten, werden durch ein Erschießungskommando gnadenlos hingerichtet. Überlebt hat das, wie durch ein Wunder und durch die selbstlose Tat eines einzelnen Mannes nur Einer. Doch damit nicht genug, die Sturmgruppe "Werwolf" wird in den Ort gerufen. Diese Männer scheuen kein Verbrechen, sondern hängen im Laufe der Nacht weitere sechs Männer und zwei Frauen - eine davon schwanger. Sie morden gnadenlos, grausam und für jeden sichtbar. Die Motive und der Antrieb der Täter wird schnell sichtbar: Der Nazibürgermeister wollte seine Haut retten und in den Augen der Nazis nicht schlecht da stehen. Gleichzeitig mordet er nicht selbst, sondern unterlässt es "lediglich", etwas dagegen zu tun. Die Offiziere, Soldaten und Polizisten führten nur die Befehle aus, die ihnen gegeben wurden und wie die spätere Rechtsprechung bestätigt, kann man dafür nicht belangt werden. Umso erschreckender wirkt die Tatsache, dass die Täter nie wirklich zur Rechenschaft gezogen wurden. Dass ihre Verurteilungen revidiert und/oder aufgehoben wurden. Die Täter konnten beinahe unbehelligt leben, obwohl unschuldige Menschen ermordet wurden. Viele Bücher dokumentieren die Gräuel der Nazidiktatur, die gegen Juden, Sinti und Roma und gegen Regimefeinde stattfanden. In Penzberg wurden ganz normale Menschen ermordet. Menschen aus der Nachbarschaft, die keine Juden oder Widerstandskämpfer waren, sondern Kommunisten, Linke und mitunter Denunzierte. Unschuldige Menschen, die im Weg standen, die weg mussten.
Nahbar für Jugendliche wird dieses unfassbare Geschehen, weil das Buch noch eine zweite Geschichte erzählt - diese ist durch die Autorin frei erfunden, könnte aber genauso oder so ähnlich stattgefunden haben. Sie erzählt die Geschichte zweier Teenager, die in Penzberg zu dieser Zeit aufwachsen, die sich kennenlernen, sich sehr zart und einfühlsam näher kommen und die das Grauen hautnah mit erleben. Ihre geschilderten Gedanken überschlagen sich nahezu, die Erlebnisse überschatten ihr Jugend, ihre so zarte Liebe.
Dieses beklemmende Jugendbuch zeigt, wozu ganz normale Menschen fähig sind. Es zeigt, dass man nicht zwingend zum Täter gemacht wird, sondern dass jeder Einzelne für seine Taten verantwortlich ist. Beklemmend sind aber nicht nur die Morde, die an direkten Nachbarn geschehen sind, sondern insbesondere der Umgang in der heutigen Zeit damit. Die Täter sind nie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen worden. In Penzberg erinnert heute kaum noch etwas an diese Nacht des Grauens. Den Häusern und Tatorten sind Neubauten gewichen, es gibt keine Stolpersteine, die an diese Verbrechen erinnern. Lediglich außerhalb des Ortes, am Ort der ersten Erschießungen erinnert ein Mahnmal an die Verbrechen jener Nacht. In dem Ort selbst bewahrt man Ruhe und Stillschweigen. Kaum jemand weiß, dass Mord und Totschlag auch unter ganz normalen Nachbarn passierte, kaum jemand weiß, was genau geschah. Kirsten Boie trifft mit ihrem Buch einen Nerv, da ihre Recherche klar und schonungslos aufklärt. Genau darüber erreicht sie die Jugendlichen: authentisch, ehrlich und höchst emotional. Mein Dank geht an die Autorin, dass sie dieses Thema für Jugendliche beleuchtet. Und obwohl dieses Buch in die Kategorie Bücher gehört, die man eigentlich nicht lesen möchte, müssen genau solche Bücher gelesen werden. Denn zum Einen lösen sie tiefe und nachhaltige Betroffenheit aus, zum anderen geben sie den Opfern eine Stimme. Sie beleuchten die Schicksale, die vergessen worden. Dieses Buch ist grausam, denn es beschreibt die Hinrichtungen detailliert und ungeschönt. Doch angesichts der Tatsache, dass die Gräuel der Nazizeit heute erneut geleugnet und/oder verharmlost werden, sind Bücher wie "Dunkelnacht" wichtig und müssen die deutsche Vergangenheit genau so darstellen, wie es dieses Buch tut. Es muss weh tun.
[box 25 Thüringen]
  
       

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