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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Watanabe, Issa,     
Titel:
Flucht
ISBN:
978-3-446-26822-7  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Watanabe, Issa
Seitenanzahl:
40
Verlag:
Hanser, München
Gattung:
textloses Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
16,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Das textlose Bilderbuch erzählt mit eindrucksvoller Symbolik von Schicksalen auf der Flucht. Nur mit den Illustrationen führt es den Betrachtenden packend bis zur letzten Seite durch die Geschichte.
[Ki 25 Thüringen]
       
Lesealter:
6 - 17 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock für Arbeitsbücherei
Wolgast Preis:
Ja
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
textlos / Flucht / Fremde Kulturen / Frieden / Sterben / Tod
       
Anmerkungen:
Es ist empfehlenswert, die Kinder zu animieren, selbstständig laut ihre Gedanken während der Betrachtung der Bilder zu artikulieren und weniger auf eine "richtige" Interpretation zu beharren.
       
Beurteilungstext:
Das Bilderbuch ist dem textfreien/ textlosen Bilderbuchgenre zuzuordnen. Es beschreibt in rein bildlicher Darstellungsform unterschiedliche Momente im Leben von Geflüchteten. Die Geflüchteten werden als Tiere dargestellt, die menschliche Eigenschaften haben. Sie tragen Kleidung, laufen alle auf zwei Beinen und führen menschliche Habseligkeiten mit sich. Sie kommunizieren und kochen miteinander. Somit ist das Element der Fabel hier zu finden.
Der Anfang der Geschichte ist zugleich ernüchternd. Ein Skelett, das in einen Mantel mit Blumenmuster gehüllt ist, leitet die Geschichte ein. Es lehnt sich an einen blauen Ibis - Vogel, beide Gestalten richten ihren Blick auf einen Koffer, der in weiterer Entfernung steht. Sie befinden sich in einem dunklen Wald, die Bäume tragen keine Blätter. Weiterführend versucht das Skelett mit dem Koffer unter dem Arm eine Herde einzuholen. Diese Herde besteht aus unterschiedlichen Tierwesen. Eine Hasen- und Froschfamilie, Wolf, Flamingo, Nashorn, Giraffe, Schwein, Ente, Krokodil, Gans, Affe, Fuchs, Maus und weitere Tiere. Sie laufen hintereinander und führen Taschen und andere wichtige Haushaltsgegenstände mit sich. Sie sehen das Skelett, das Skelett hebt seinen Koffer hoch. Die Tiere betrachten das Skelett nüchtern. Es schließt sich der Herde an und stellt die letzte Figur der Kolonne dar. Darauffolgend rastet die Gruppe um zu kochen, Wäsche zu waschen und sich auszuruhen. Sie schlafen während der Nacht, die ansonsten dunkle Kulisse füllt sich mit ein paar bunten Blumen. Die Herde zieht weiter. Am Ufer beim Einsteigen in ein Boot kommt es zu einer Hektik. Alle im Boot auf hoher See fühlen sich sichtlich unwohl. Das Skelett schwebt auf dem blauen Ibis über ihnen. Das Boot kentert. Am Flussufer ankommend überleben es nicht alle Tiere. Der Familienvater Hase ist ertrunken und wird in eine schwarze Blumendecke gehüllt, die Gemeinschaft trauert zusammen. Das Skelett umfasst in der nächsten Sequenz den Kopf des Hasen, auch der blaue Ibis positioniert sich neben dem leblosen Körper. Die Herde zieht weiter, mit ihnen der blaue Ibis. Abschließend entdecken sie Bäume voller Früchte und Blumen und gehen zufrieden darauf zu.
Die Illustrationen sind kunstvoll und wunderschön gestaltet. Die Vorder- und Rückseite des Einbandes ergeben zusammen eine Darstellung der kompletten Tierherde. Die Tierherde ist ansonsten niemals zusammen abgebildet, sondern über die nächste Seite erstreckend, sodass der Eindruck des stetigen Wanderns entsteht. Während der Hintergrund in vorwiegendem Schwarz gehalten ist, stechen die Charaktere mit ihrer bunten Erscheinung heraus. In einem surrealistischen, detailgetreuen Stil bekommt jedes Tierwesen charakteristische, individuelle Züge. Die Figuren helfen einander, passen auf die Kinder gemeinsam auf, teilen ihr Essen. Obgleich die Tierwesen verschieden sind, sie sind alle in derselben Lage.
Die vielen Details laden ein, das Buch wieder und wieder zu betrachten. Es ist voller Symbolik, das Deuten verleiht der Geschichte weitere Tiefe. Ein Leitsymbol ist neben dem Tod die Hoffnung. Der Tod ist durch das Skelett, die toten Pflanzen und das Sterben des Hasen allgegenwärtig. Die Hoffnung wird immer wieder durch den blauen Ibis, die blühenden Blumen und auch durch die Figuren selbst, die sich in Bewegung befinden, um aus dem düsteren Umfeld zu entfliehen, dargestellt. Die Auswahl unterschiedlicher Tierwesen, die beheimatet auf der ganzen Welt sind, symbolisieren das globale Problem Geflüchteter unterschiedlicher Herkunft.
Die Begegnung des Todes mit dem Eisbären ist ein Bruch in dem Erzählstrang. Dieser Bruch ist ein Charakteristikum vieler textloser Bilderbücher und ermöglicht einen großen Spielraum an Deutungen. Allein in dieser Szene wird der Eisbär als Tier ohne menschliche Charakterzüge dargestellt, ein möglicher Verweis auf die Erderwärmung und dessen Folgen der Flucht auch für Tiere, nicht nur für die Menschen.

Das textlose Bilderbuch ist bedrückend und gleichzeitig eindrucksvoll. Die Geschichte hört nicht auf bei der letzten Seite, es animiert den Betrachtenden zum weiteren studieren, diskutieren und nachdenken. Da es viel mit bildlichen Symboliken arbeitet, ist die vom Verlag empfohlene Altersgrenze von 3-6 Lebensjahren nicht nachvollziehbar. Um sich mit diesem Medium auseinanderzusetzen, muss ein Stück Hintergrundwissen und eine gewisse visuelle Literalität gegeben sein. Das Erkennen der Symboliken und stilistischen Zusammenhänge ist eine spielerische Herausforderung, die von dem Betrachtenden auch Geduld erfordert.
Das Bilderbuch ist durch die besondere Darstellung einer sensiblen Thematik auch im Kunstunterricht oder einem gesellschaftlichen Fach einsetzbar. Es ist mehr als empfehlenswert und durch die besondere Erzählform und die fantasievollen Illustrationen eine Bereicherung für die Kinder- und Jugendliteratur.
[Ki 25 Thüringen]
  
       

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