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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Kawakami, Hiromi,     
Titel:
Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß
ISBN:
978-3-551-75449-3  
Übersetzer:
k. A.
Originalsprache:
Japanisch
Illustrator:
Taniguchi, Jiro
Seitenanzahl:
428
Verlag:
Carlsen, Hamburg
Gattung:
Comic / Graphic Novel
Reihe:
Jahr:
2018
Preis:
28,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Die Protagonistin Tsukiko ist achtunddreißig und lebt allein. Zur Liebe, glaubt sie, sei sie nicht begabt. Der weltberühmte Mangaka Jiro Taniguchi illustriert den ob seiner Eigentümlichkeit vielgerühmten Debütroman von Kawakami. Die Umsetzung ist ein Glücksfall für die Sinne der Leser*in, denn all die kulinarischen Genüsse, die das ungleiche Paar zelebriert sowie die Langsamkeit ihrer Annäherung werden nun in vielen kleinen Details erfühl- und erspürbar.
[FC 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
18 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Außenseiter / Liebe / Literatur
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Tsukiko ist achtunddreißig und lebt allein. Zur Liebe, glaubt sie, sei sie nicht begabt. Da trifft sie in einer Kneipe ihren fast doppelt so alten Japanisch-Lehrer wieder, den sie nur den Sensei nennt. Auch er lebt allein und teilt mit Tsukiko die Vorliebe für ein bestimmtes Lokal sowie Sake und traditionelle Speisen. Es entsteht eine Freundschaft, die vor allem vom gemeinsamen Genuss lebt, der auch in den Gesprächen seinen Ausdruck findet. Bald verabreden sich Tsukiko und der Sensei in die Natur zur Pilzsuche (auch hier wird gegessen), zu einem Kirschenblütenfest, zu einem Ausflug auf eine Insel, usw. Der Sensei stellt durch seine altmodischen Umgangs- und Sprachweisen immer wieder eine Distanz zwischen den beiden her. Das steigert nicht nur den liebesromantypischen Lesekonventionen entsprechend die Spannung des Rezipierenden, sondern trotz aller Herkömmlichkeit der Grundanlage der Erzählung wird in der Umständlichkeit des Senseis auch ein signifikanter Mentalitätsunterschied markiert, der den Roman möglicherweise auch in Deutschland und der deutschen Kritik so beliebt gemacht hat. Für Tsukiko werden die Treffen mit dem Sensei in ihrem sonst gleichförmigen und eintönigen Leben bald Dreh- und Angelpunkt (Taniguchi unterteilt seine Kapitel dementsprechend in "Begegnungen"), ohne dass die beiden - wie es dem Genre entspräche - tatsächlich eine Liebesbeziehung eingehen. Vielmehr nähern sich die beiden auch in ihrer Kommunikation sehr langsam, flüsternd, ohne Dramatik und "grosse Themen" an. Als Tsukiko ihre Liebe nicht nur sich, sondern auch dem Sensei eingesteht, ist man schon soweit in die Atmosphäre des Leiseseins eingetaucht, dass es keine Schlüsselszenen zwischen den beiden mehr braucht. Taniguchi misst in seinen vielschichtigen Zeichnungen - von den Nahaufnahmen der vielen Köstlichkeiten bis hin zu den verschiedenen Einschenkhöhen beim Saketrinken - den Alltäglichkeiten eine solche Aufmerksamkeit bei, dass sie zuweilen auf angenehme Art zur Hauptsache werden. Die Tiefe der Figurendarstellung und die Einfühlung in die Charaktere zeigt sich nicht nur in der Präzision der Gesichterzeichnungen und der Bewegungsdynamik der Sequenzen, sie manifestiert sich auch in der Differenziertheit von Nähe und Distanz zwischen den Figuren in Sprache und Bild jedes einzelnen Panels.
Im Nachklapp des Mangas findet man ein Gespräch zwischen der Romanautorin und dem Zeichner, in dem deutlich wird, wie präzise sich Taniguchi die literarische Vorlage erarbeitet hat und wie er trotz aller Nähe zum Ausgangsstoff - er hat beispielsweise den Erzähltext im Original belassen - versucht hat auch über die Bilder eine neue Tiefe in die Darstellung der Beziehung der beiden Protagonisten zu bringen.
Es dauert daher eine Weile, ehe man als Leser*in aus der realen lauten Welt in diese Unaufgeregtheit der grafischen Erzählung hineinkommt, aber dann ist es nicht nur angenehm und bereichernd, sondern eine echte Erfahrung von menschlicher Sensibilität und behutsamen Miteinander. In diesem Werk wird auf ganz sinnliche Art und Weise in Echtzeit deutlich, wie verletzlich Menschen sein können und wieviel der Sorgfalt, Geduld und Pflege es eigentlich für tiefe zwischenmenschliche "Begegnungen" bedarf.
Die in der Weltliteratur strapazierte Alter-Mann-junge-Frau-Konstellation erfährt so eine Umwertung, die in Zeiten von aufgeregten me-too-Debatten eine andere Seite des Themas eröffnen kann und in der europäischen Literatur in ihrer Gedämpftheit eine Entsprechung sucht.
[FC 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

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