AJUM Logo
Datenbank
Besprechungen von Kinder-,
Jugendliteratur & Medien




Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
Datenbank

AJuM Datenbank
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

7687 aktuelle Rezensionen, weitere 78295 Rezensionen im Archiv
Suchtext:
Schlagwörter:
Titel:
Autor
Vorname:
Autor
Nachname:
Illustrator:
Bewertung:
 Einsatzmögl.:
Medienart:
Alter:
Gattung:
 Archiv anzeigen:
Wolgastpreis:
 
Wie suche ich richtig? Wie darf ich die Rezension verwenden? DRUCKANSICHT



Autor:
Marmon, Uticha,     
Titel:
Das stumme Haus
ISBN:
978-3-7373-5825-5  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
207
Verlag:
Fischer Sauerländer / Meyers / Duden, Frankfurt/Main
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
14,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Im Häuserblock, den alle nur Kaninchenbau nennen, ist immer was los. Das Treppenhaus ist ein generations- und kulturübergreifender Begegnungsort für die Familien, die füreinander da sind. Doch das laute Haus ist nun gar nicht mehr so laut. Seitdem der Pandemie wird es ruhig im Kaninchenbau. Während in den Familien nach und nach verschiedenste Probleme des Pandemie-Alltags auftreten, haben die Kinder ein ganz anderes Thema: Es treibt ein Einbrecher sein Unwesen in der Gegend!
[ne 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
8 - 11 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Ja
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Detektiv / Familie / Freundschaft / Corona-Pandemie
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
„Das stumme Haus“ (2021) ist ein im Fischer-Verlag erschienener Jugendroman von Uticha Marmon, der das Leben in der Pandemie aus Sicht der Kinder eines Mehrfamilienhauses beschreibt. Nikosch ist in einer misslichen Situation. Er liegt gerade unbeweglich in einem Gymnastikballkostüm da und kann sich nicht bewegen. Wie es dazu gekommen ist, berichtet er folgend: Nikosch lebt mit seinen Eltern und Geschwistern im Kaninchenbau. Damit ist das fünfstöckige Haus gemeint, in dem jeder jeden kennt und jeder seine Türen offen hat. Als an jenem Tag Nikoschs Eltern ihn und Nini vor den Fernseher holen, um die Nachrichten zu schauen, erfahren sie: Ein Virus verbreitet eine gefährliche Krankheit. Und dann kamen die Verbote. Die anfängliche pragmatische Freude über schulfrei wird schon „nach sieben oder auch zwölf bis achthundert Tagen“ von schrecklicher Langeweile abgelöst. Wenn man nichts zu tun hat, gibt es keine Zeit. „Alles fließt ineinander wie Schoko- und Vanilleeis […] das zu lange in der Sonne gestanden hat“.
Doch dann kommen die Kinder plötzlich einer krummen Sache auf die Schliche: „Blaue Hose“ ist ein Unbekannter, der nachts auf der Baustelle gegenüber einbricht und dann sogar in ihrem Keller und im weißen Haus gegenüber! Endlich gibt es einen Sinn im Alltag der Geschwister. Und prompt werden alle anderen Kinder im Haus mit Walkie-Talkies oder Babyfonen ausgestattet und überwachen die Gegend vom Fenster aus. Was werden die Kaninchen herausfinden?
„Das stumme Haus“ befindet sich zwischen Kriminal-, Gegenwarts- und Familienroman mit problemorientiertem Blick auf die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Pandemie.
Marmon macht Nikosch zum Protagonisten, sowie zum Ich-Erzähler, der sehr dicht an der Leser*in erzählt und diese direkt anspricht, um sich rückzuversichern oder etwas zu erklären: „Es roch muffig. So wie verschimmelte Äpfel, falls ihr die schonmal gerochen habt.“. Die Sprache ist kindgerecht und dementsprechend konzeptionell mündlich. Verschiedene Begriffe, die potenziell unbekannt sein könnten, erläutert Nikosch, sodass das benötigte Vorwissen minimiert wird. Entsprechend der Erzählung aus Sicht eines Kindes ist die Syntax einfach und die Wortvielfalt begrenzt. Es wird sich auf die viel verwendete wörtliche Rede fokussiert, um noch tiefer in das Geschehen eindringen zu können.
Konkret vom Corona-Virus ist an keiner Stelle die Rede. Dies evoziert, dass die Situation ungebunden an Ort und Zeit stattfinden könnte. Außerdem stehen die Konsequenzen und der Alltag im Fokus des Romans.

Die Handlung wird durch immer wiederkehrende Spannungselemente vorangetrieben. Außerdem spielen vielseitige und sich entwickelnde Gefühle wie Angst, Wut, Verzeiflung, Ungewissheit, Langeweile und nicht zuletzt Spaß eine große Rolle, um die Leser*in zu fesseln.
Marmon schenkt den Kindern viel Humor, Selbstständigkeit und Kreativität. Die Pläne, die die Kaninchen und insbesondere Nikosch austüfteln, können die Erwachsenen im Kaninchenbau nicht einmal erahnen.
So begleitet man auch Nikoschs und Ninis tollpatschigen Vater sinnbildlich für die Eltern, die während der Corona-Zeit mit ihren Kindern zu Hause sind. Seine Gemütslage, die humorvollerweise im Kontrast zu den cleveren Kindern steht, ist zunächst gut gestimmt, da sie endlich Zeit zu Hause verbringen können. Er probiert sich im Heimwerken, was in einem „Kaputtreparieren“ mündet und dann wird auch er still, was für die Kinder unerträglich ist. Doch zum Glück ist ihr Papa auch großartig darin, Kostüme zu basteln, die ihnen eröffnen, sich in Gymnastikball- und Schwimmring-Kostümen auf Distanz im Hof zu treffen.
Das Cover wurde von Regina Kehn in Farbe illustriert und wird in Ausschnitten oder im Ganzen zwischen den Kapiteln grau abgedruckt. Dies trägt der Anonymisierung bei, die die Fantasie zu Mutmaßungen über Blaue Hose und den damit verbundenen Fall anregt.
„Das stumme Haus“ wird vom Verlag ab 9 Jahren empfohlen. Dem kann ich zustimmen. Darüber hinaus sehe ich das Buch nur bedingt für den Schulgebrauch geeignet, da nicht alle Schüler*innen gleich mit der aktuellen Situation umgehen. Hier ist also Feingefühl essenziell. Dennoch kann das Buch in professioneller Aufarbeitung sehr gewinnbringend sein und Frustration und Ignoranz durch Inspiration und Achtsamkeit ersetzen.
Marmon zeigt, dass im scheinbar tristen Alltag dennoch kleine oder größere Abenteuer warten, und es an den Menschen selbst liegt, wie sie trotz körperlicher Distanz zusammen sein können. Die Kinder des Kaninchenbaus schauen genau hin und helfen sich gegenseitig. Sie sind ein wunderbares Vorbild für Zuversicht und Hilfsbereitschaft.
[ne 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.