AJUM Logo
Datenbank
Besprechungen von Kinder-,
Jugendliteratur & Medien




Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
Datenbank

AJuM Datenbank
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

8451 aktuelle Rezensionen, weitere 78316 Rezensionen im Archiv
Suchtext:
Schlagwörter:
Titel:
Autor
Vorname:
Autor
Nachname:
Illustrator:
Bewertung:
 Einsatzmögl.:
Medienart:
Alter:
Gattung:
 Archiv anzeigen:
Wolgastpreis:
 
Wie suche ich richtig? Wie darf ich die Rezension verwenden? DRUCKANSICHT



Autor:
Petrick, Dagmar,     
Titel:
Hendrik und der berühmteste Häftling der Welt
ISBN:
978-3-96157-156-7  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
160
Verlag:
Neukirchener, Neukirchen-Vluynt
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
12,99 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Hendriks Vater ist der Gefängnisaufseher des berühmten Gefangenen Nelson Mandela. Doch Hendrik beginnt zunehmend zu zweifeln, ob er auf der richtigen Seite steht.
[Michael Ritter 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
10 - 13 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Geschichte / Rassismus / Außenseiter
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Hendrik ist sich sicher: Nelson Mandela ist ein gewalttätiger Terrorist, vor dem das Volk Südafrikas beschützt werden muss. So hat er es ein Leben lang von seinen Eltern gehört und so sieht es die Mehrheit der weißen Bevölkerung Südafrikas. Doch als der Elfjährige in Kapstadt auf eine neue Schule geht, lernt er Rhoda kennen und er fängt auch an, sich mit Nomsa, der Haushälterin seiner Eltern, zu unterhalten. Diese Menschen zeigen Hendrik, dass man die vermeintlichen Gewissheiten in der gesellschaftlichen Ordnung der Apartheid auch anders sehen kann, dass die starke Ausgrenzung der farbigen Bevölkerung ein gravierendes Unrecht ist und dass die vermeintliche Gefahr eines gemeinsamen Lebens vor allen Dingen Angstphantasien der aktuell Herrschenden entspringt. So beginnt Hendrik nachzulesen und sich selbst Gedanken zu machen, er hinterfragt was er sieht und bezieht Stellung für die anderen. Aber noch wichtiger: Er überwindet Gräben, indem er sich bekannt macht mit vielfältigen Menschen, statt die trennende Fremdheit zu pflegen, die Grundlage der Angst ist. Das führt zunehmend zu Konflikten – auch mit seinen Eltern. Doch auch der Vater beginnt umzudenken, da Nelson Mandela seine stärkste Waffe einsetzt, die eben nicht die Gewalt ist, sondern die Freundschaft. So ist Hendrik schließlich mittendrin, als Südafrika beginnt sich zu ändern. Und er kann hoffnungsvoll nach vorn blicken, weil die Zukunft besser werden kann.
Dagmar Petrick übersetzt Zeitgeschichte in eine spannende Handlung, die ein komplexes Problem aus der Perspektive eines Jungen zugänglich und – sicherlich idealisiert – nachvollziehbar werden lässt. Dabei beschreibt sie den Prozess der Verunsicherung, als vermeintliche Gewissheiten ins Wanken geraten und die Mentalität mit der Anschauung im Alltag in Konflikt gerät. Das ist der Moment, in dem Hendrik beschließt, selbst denken zu lernen und er aktiv wird für eine wichtige Sache, für die es sich einzusetzen lohnt. Die Handlung ist einfach gestaltet und in der Ich-Erzählperspektive gehalten, so dass persönliche Wahrnehmungen Dichte beim Lesen erzeugen, aus den Gesprächen vielfältige Sachinformationen zu entnehmen und schließlich persönlich einzuordnen, emotional zu bewerten und zu reflektieren sind. Gleichzeitig bemüht sich die Autorin um Authentizität, wenn sie die Lebensbedingungen im Südafrika der 80er-Jahre möglichst konkret beschreibt und auch Ernährungsbesonderheiten etc. beschreibt. Die Sprache nimmt immer wieder landessprachliche Vokabeln auf, die im Glossar am Ende des Buches erläutert werden. Während die Haupthandlung stringent und dicht erzählt wird, rafft sie am Ende auch fragmenthaft einige Entwicklungen, die einerseits Raum lassen für eigene Vorstellungen, die andererseits aber auch die größeren gesellschaftspolitischen Umbrüche dieser Zeit andeuten und neugierig machen, historisch zu recherchieren. Am Ende des Buches finden sich weiterhin vielfältige Informationen wie eine Zeitleiste mit wichtigen Daten zum Thema und Leben Mandelas, Hintergrundinformationen und sogar einem Rezept.
Dagmar Petricks Buch macht Hoffnung und Mut, bestehende Ungerechtigkeit nicht als unausweichliches Problem zu akzeptieren. Sie zeigt, dass Vorurteile geprüft werden sollten und sich die Wahrheit aus anderer Perspektive oft anders darstellt. Dass mit der Freilassung Mandelas nicht alle Probleme Südafrikas erledigt waren und auch heute noch starke gesellschaftliche Konflikte das Land prägen, spart sie aus. Hier lohnt es sich weiterzulesen und zu verstehen, wie gesellschaftliche Ungleichheit wirkt, besteht, tradiert und überwunden werden kann. Einen wirklich gelungenen Ausgangspunkt für eine solche Auseinandersetzung stellt das neue Buch von Dagmar Petrick dar, das hiermit ausdrücklich empfohlen werden kann.
[Michael Ritter 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.