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Autor:
Venayre, Sylvain,     
Titel:
Auf der Suche nach Moby Dick
ISBN:
978-3-95728-440-2  
Übersetzer:
Kootz, Anja
Originalsprache:
Französisch
Illustrator:
Wens, Isaac
Seitenanzahl:
222
Verlag:
Knesebeck, München
Gattung:
Comic / Graphic Novel
Reihe:
Jahr:
2020
Preis:
29,99 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Moby Dick, der berühmte Roman von Herman Melville aus dem Jahre 1851, handelt nicht allein von Kapitän Ahabs Jagd nach dem weißen Pottwal. Die innovative Comic-Adaption „Auf der Suche nach Moby Dick“ von Isaac Wens und Sylvain Venayre verwebt die Geschichte rund um Moby Dick mit seiner Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte, stellt das Werk in geschichtliche, historische und philosophische Zusammenhänge und lenkt den Fokus vom Abenteuer-Plot auf die Diskurse.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
12 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Abenteuer / Literatur / Ethik / Philosophie
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Der vorliegende Comic ist keine bloße mediale Transformation des Romans wie Chaboutés und Will Eisners graphische Umsetzung des „Weißen Wals“ einige Jahre zuvor, sondern eine Art Meta-Moby-Dick, Sekundärliteratur in Comic-Format. Wens und Venayre tauchen in den 220 illustrierten Seiten in zahlreiche Exkurse Herman Melvilles über philosophische, soziologische oder auch mythologische Themen ab. Und dabei könnte sich herausstellen: Diese Diskurse sind nicht etwa Randnotizen oder Marginalien des opus magnum Melvilles, sondern seine eigentliche Essenz.
Dabei bedient sich die Autorin Sylvain Venayre eines simplen narratologischen Tricks: Sie beginnt ihre Version der Geschichte mit der Erzählung eines jungen Journalisten, der sich dem monumentalen Werk, seinem Autor und seinen komplexen Ansichten aus heutiger Sicht nähern will. Er geht in Pariser Cafés auf Spurensuche und findet schnell einige Melville-Experten, die ihm interessante und detailreiche Hintergrund-Informationen zu Moby Dick liefern können. Insofern ist der Comic ein Buch über das Buch. Die Story wird aufs nötigste begrenzt und die Fiktion wird alle Nase nach durch Kommentar und Reflexion durch- und unterbrochen.
Passend zum 200. Geburtstag Herman Melvilles entschlüsseln Venayre und ihr congenialer Zeichen-Partner Isaac Wens im Prinzip die „verborgenen“ bzw. „vergessenen“ Seiten des Wal-Buches. Dabei geht Wens auch graphisch neue Wege. Keine typisch französische ligne clair, keine düsteren Tuschzeichnungen, kein experimenteller Underground-Stil, sondern mit Pastellfarben kolorierte Graphiken und Zeichnungen, realistisch und surreal zugleich. Der figürliche Vordergrund klar und detailgetreu, der Hintergrund verschwommen und angedeutet – genau wie die Rezeptionsgeschichte der Romanvorlage.

Entlang des bekannten Plots - ein junger Matrose, der auf der Insel Nantucket einem maorischen Harpunier begegnet, heuert auf dem berühmtesten Walfänger der Welt an: der Pequod usw. - kommen Melville, die Figuren des Romans, Personen, die als historische Vorlagen fungierten und Moby-Dick-Expert*innen zu Wort. Und das alles kurzweilig und spannend, innovativ und witzig.
Die Panelübergänge von der fiktionalen „Urgeschichte“ zum „Meta-Diskurs“ sind gelungen und wirkmächtig, die Auswahl der dargebotenen Informationen interessant und oft auch durch zusätzliche „Bildzitate“ belegt, wie wenn von dem einzigen Walfänger die Rede ist, der bis 1840 dazu in der Lage war, realistische Walzeichnungen anzufertigen, die nicht so aussehen, als wäre der Wal „ein Kürbis oder eine amputierte Forelle“ - und dann genau jene Kopie eines seiner Bilder als Full-Shot-Panel in den Comic eingefügt ist.
Dabei ist jedem Kapitel des Comics ein anderer Moby-Dick-Diskurs gewidmet. Auslöser für jeden Diskurs ist ein Aspekt der voranschreitenden Handlung des Vorlagen-Romans. Und so hangelt sich der Comic von der ersten bis zur letzten Seite. Übersetzt wurde dieses graphische Meisterstück aus dem Französischen mal wieder von Anja Kootz.
Abschließend lässt sich sagen: Herman Melville hätte sich sicher über diese gelungene Meta-Comic-Adaption gefreut, da er endlich wieder Licht in die vom kollektiven Gedächtnis verborgenen und vergessenen Seiten des Romans bringt - und Lust auf die Lektüre des Originals macht er den Leser*innen allemal.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

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