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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Schroeder, Binette,     
Titel:
Bilderbuch-Brunnen
ISBN:
978-3-314-10502-9  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Schroeder, Binette
Seitenanzahl:
336
Verlag:
Nord-Süd, Gossau
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
35,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Eine traurige Spielzeugpuppe, die Bäumchen mit den Wurzeln nach oben einpflanzt. Zauberlehrlinge, die auf geheimen Ausflügen Rotkäppchen treffen. Ein Humpty Dumpty, aus dessen Ei ein Gewitterschmettervogel schlüpft: Binette Schroeder regt mit ihren Bilderbüchern seit über 50 Jahren das Vorstellungsvermögen ihrer Rezipientïnnen an. "Bilderbuch-Brunnen" versammelt nun alle originären Bilderbücher Binette Schroeders, von ihrem ersten großen Erfolg "Lupinchen" (1969) bis zu "Der Zauberling" (2014).
[Philipp Schmerheim 15 Hamburg]
       
Lesealter:
4 - 13 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Abenteuer / Angst / Bildende Kunst / fantastisch / märchenhaft / Gefühle / Gender / Geschlecht / Emanzipation
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Eine traurige Spielzeugpuppe, die Bäumchen mit den Wurzeln nach oben einpflanzt, Zauberlehrlinge, die auf geheimen Ausflügen Rotkäppchen treffen, ein Humpty Dumpty, aus dessen Ei ein Gewitterschmettervogel schlüpft: Die 1939 geborene Binette Schroeder regt mit ihren Bilderbüchern und Illustrationen seit über 50 Jahren das träumerische Vorstellungsvermögen ihrer (nicht nur kindlichen) Rezipientïnnen an. Bilderbuch-Brunnen versammelt nun alle originären Bilderbücher Binette Schroeders, von ihrem ersten großen Erfolg Lupinchen (1969) bis zu Der Zauberling (2014). Bei vier dieser Geschichten – „Lelebum“, „Ra ta ta tam“, „Krokodil, Krokodil“ und „Tuffa“ – stammt der Text von Schroeders Ehemann Peter Nickl. Ergänzt wird die Sammlung um das Grimm’sche Märchen „Der Froschkönig“, das exemplarisch für ihre Illustrationen von Geschichten anderer Autorïnnen steht.
Auszeichnungen hat Binette Schroeder zeit ihres Lebens reichlich gesammelt, vom „Sonderpreis Illustration des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Gesamtwerk“ (1997) über den „Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur für ihr Gesamtwerk“ (2004) bis hin zur mehrfachen Nominierung für den „Hans-Christian-Andersen-Preis“ und den „Astrid Lindgren Memorial Award“. Schroeders Heimatverlag NordSüd hat den 80. Geburtstag der in Hamburg geborenen, aber in Süddeutschland und der Schweiz wirkenden Künstlerin für eine Werkschau-Ausgabe genutzt, die im Hardcover elegant und wuchtig zugleich daherkommt.
Den Umschlag ziert eine Vorder- und Rückseite umlaufende Illustration Schroeders in bläulich-grünen Aquarelltönen, auf der sich die wichtigsten Figuren ihrer Bilderbuchwelten treffen: An und auf einem Berg im Hintergrund tummeln sich der Elefant Lelebum und die kleine Lok, im Vordergrund treffen Lupinchen, der Froschkönig und Humpty Dumpty aufeinander, während auf der Rückseite das modisch gekleidete grüne Krokodil den Leserïnnen zuzwinkert, sich Traktor Max auf Kollisionskurs mit den Rittern Rüstig und Rostig befindet und der rüstige Apfelschimmel Florian fasziniert dem Treiben zuschaut.
Hier zeigt sich bereits, was für ein buntes Figurenspektrum die Bilderbuchgeschichten Schroeders versammeln, das in der Welt des Märchens, der Sagen und der Fabeln beheimatet ist. So sind die (weiblichen) Heldinnen ihrer Geschichten zarte Kinderfiguren, die zwar wie Spielzeugpuppen anmuten, aber innerlich stark und weltoffen sind, so purzeln anthropomorphisierte Tiere wie Elefanten, Krokodile, Pferde und Frösche ebenso durch die seitenfüllenden Illustrationen wie Lokomotiven und Ritter, die wie animierte Spielzeugfiguren gezeichnet sind.
Die Umschlagabbildung verdeutlicht zugleich auch Schroeders Faible für die Komposition der Räume, in denen die Figuren ihre oft traumhaften Abenteuer erleben, die Entdeckerlust mit der Verarbeitung kindlicher Ängste paaren. Es ist eine „belebte [..] Spielzeugwelt [, in der] Realität und Moderne nichts verloren“ haben (so Christine Raabe im Nachwort des Bands, S. 321), es ist das „Motiv der abenteuerlichen Welterkundung“, welches Schroeders Geschichten „durchzieht“ (Raabe, S. 320).
Erkundet werden dabei äußere wie innere Welten: Der faule Archibald rennt in „Archibald und sein kleines Rot“ (1970) noch dem abenteuerlustigen kleinen Rot hinterher, das die Langeweile auf Archibalds rechter Backe nicht mehr erträgt, und dabei erleben beide die große weite Welt zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Doch während es erst Archibald ist, der zunehmend verzweifelt nach seinem roten Punkt sucht, merkt dieser in der zweiten Hälfte der Geschichte selbst, dass es gar nicht so schön ist, ganz allein die Welt zu erkunden, und schließlich zu Archibald zurückkehrt. Auch „Ra ta ta tam“ (1973) erzählt nicht nur von der Weltreise einer neugierigen kleine Lok, die nicht mehr als nutzloser Zierrat im Garten der Frau des Lokomotivfabrikdirektors herumstehen will. Das Bilderbuch erzählt wie Archibald letztlich davon, dass eine kleine Lok die ganze Welt durchstreift, um am Ende wieder mit ihrem Herzensmenschen – hier der Erbauer der Lok Matthäus Winzig ¬ zusammen zu sein.
Die streng komponierten, aber farbenfroh und surrealistisch-phantasievoll gestalteten Illustrationen in „Ra ta ta tam“ erinnern wie auch die Hauptfigur auffällig an Michael Endes Jim Knopf-Geschichten (1960/2), aber auch an die surrealen Bilderwelten von Endes Vater Edgar (vgl. www.edgarende.de). Das ist kein Zufall: So hat Schroeder auch mit Michael Ende zusammengearbeitet (ihre Kollaboration „Die Schattennähmaschine“ (1982) hat Sammlerwert), so eint alle drei die Faszination mit der künstlerischen Erkundung innerer Welten, es offenbart sich hier aber auch ein Arbeitsprinzip Schroeders: Sie greift Geschichten, Motive, Impressionen auf, die tief im kollektiven kulturellen (Un-)Bewussten verankert sind und eignet sich diese auf eine unverkennbare Weise an. Dies zeigt sich offensichtlich auch an ihrem jüngsten Bilderbuch „Der Zauberlehrling“ (2014) – ein offen als solches kommuniziertes Pastiche, in dem sich Goethes Ballade vom Zauberlehrling mit Preußlers kleiner Hexe und einer Begegnung mit Rotkäppchen und dem bösen Wolf im Märchenwald mischen.
Da der Bilderbuch-Brunnen den Charakter einer Werkschau hat, ermöglicht er weitere Einsichten über die Grundthemen und -motive ihres Schaffens. So sind es „keine wirklichen Landschaften, sondern Gefühlszustände, die durch eine differenzierte Farbigkeit und das magische Spiel mit Licht und Schatten erzeugt werden.“ (319) Schroeders Raumlandschaften spiegeln insbesondere Kinder – oder zumindest kindliche Figuren – die sich ihren Gefühlen stellen, ihren Ängsten ebenso wie ihren eher lasterhaften Eigenschaften. Diese verarbeiten sie oft mit Hilfe phantastischer, tierischer Wesen, wie dies in den Geschichten von Lupinchen und Laura geschieht.
Lupinchen und Laura wirken in der Zusammenschau wie Spiegelungen ihrer selbst, nicht unähnlich dem zweifachen Ausflug von Alice in Lewis Carrolls Klassikern „Alice‘s Adventures in Wonderland“ (1865) und „Through the Looking-Glass, or: What Alice Found There“ (1871): Mit ihrem Erstling Lupinchen feierte Schroeder 1969 ihren Durchbruch, eine mit autobiographischen Elementen versetzte Geschichte einer traurigen Spielzeugpuppe, die ihre Gefühle mit Hilfe von Vogel Robert, Mister Humpty Dumpty und Herrn Klappaufundzu im Zuge haarsträubender Abenteuer verarbeitet. In „Laura“ (1999) ist Lupinchen 30 Jahre später gleichsam erwachsener geworden und durchquert einen Nachtwald, der zwischen Traum- und Albtraumwelt zu schwanken scheint, in dem sie wiederum Humpty Dumpty trifft, aus dessen Eigehäuse am Ende der Geschichte ein an Vogel Robert gemahnender Gewitterschmettervogel schlüpft.
Fazit: Je länger man sich mit Schroeders Geschichten beschäftigt, desto mehr Facetten offenbaren sich, auf erzählerischer wie zeichnerischer wie sprachlicher Ebene. Dementsprechend sei diese wunderbare Werkausgabe wärmstens allen Bilderbuch-Liebhaberïnnen jeglichen Alters empfohlen.
[Philipp Schmerheim 15 Hamburg]
  
       

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