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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Duda, Christian,     
Titel:
Gar nichts von allem
ISBN:
978-3-407-78995-2  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Friese, Julia
Seitenanzahl:
160
Verlag:
Beltz, Weinheim
Gattung:
Erzählung / Roman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
6,95 €   Taschenbuch / Heft / Broschur
       
Inhalt:
Magdi hat es nicht leicht, in seinem Tagebuch erzählt er konsequent und ehrlich aus seinem Leben, über den strengen, gewalttätigen Vater und die Vorurteile, die ihm aufgrund seiner Herkunft immer wieder begegnen.
[Alexandra 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
12 - 15 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Familie / Gewalt / Fremde Kulturen
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
„Ein langweiliges Leben kann man nicht festhalten, man muss es niederschreiben… Ich spiele mit Worten oder die Worte mit mir, bis mein Leben einen Sinn macht.“ (S. 100) So schreibt der 12-jährige Junge Magdi in den 1970er-Jahren in Deutschland über seinen Alltag, seine Familie, seine Freunde und die ersten Schritte zur Pubertät. Das klingt zunächst ziemlich unspektakulär. Aber es gelingt dem Autor Christian Duda, seine Leser*innen mitzunehmen in die Welt von Magdi, der authentisch, manchmal schonungslos ehrlich und sehr reflektiert aus seinem Leben erzählt.
Dabei ist sein Leben durchaus nicht so einfach und sorglos wie es zunächst klingt. Aufgrund seiner Herkunft wird er immer wieder diskriminiert. Zum Beispiel glauben ihm viele Menschen nicht, dass er auf das Gymnasium geht, weil man die arabische Herkunft seines Vaters auch ihm ansieht und das Aussehen gleich mit Vorurteilen in Verbindung gebracht wird. Einigen Menschen, denen Magdi begegnet, scheint es undenkbar, dass „jemand wie er“ auf eine weiterführende Schule kommt. Der Junge kommentiert solche Begegnungen nicht, was sie für die Lesenden noch erschreckender erscheinen lassen, denn sie scheinen für ihn zum Alltag selbstverständlich dazuzugehören.
Daneben beginnt er sich für Mädchen zu interessieren, bekommt seine ersten Schamhaare und sucht auch immer wieder nach Freunden und Anschluss. Solche Szenen im Buch zeigen, dass ihn – auch neben allen Vorurteilen, die ihn begleiten – auch die normalen Sorgen des Erwachsenwerdens umtreiben. Doch diese werden immer wieder überschattet von der Gewalt, die er in seiner Familie erlebt.
Häufig kommt es vor, dass er oder seine Brüder von seinem Vater geschlagen werden. Oft reicht dafür nur ein geringer Anlass aus und die Folgen sind mitunter deutlich sichtbar, so dass Magdi eine Zeit lang nicht in die Schule gehen kann. Die Wut über die Gewalt und die Ungerechtigkeit und die Verzweiflung wird auch in den Texten greifbar. Als Leser*in spürt man Magdis inneren Konflikt, wenn ein Junge aus seiner Klasse seinen Vater beleidigt. Eigentlich müsste er ihn verteidigen und innerlich gibt er ihm doch Recht. Magdi wünscht sich nichts mehr, als sich gegen die Gewalt seines Vaters zu wehren. Vermutlich vergöttert er deshalb auch Mohammed Ali, der als Boxchampignon unschlagbar zu sein scheint. Schlussendlich kommt er jedoch zu der Erkenntnis, dass auch dieser Gewalt nicht unkontrolliert oder aus Wut einsetzt, sondern nur um seinen Kampf zu gewinnen.
Auch die Illustrationen von Julia Friese, die häufig Krickeleien oder Tintenflecken ähneln, tragen zusätzlich zur Authentizität der Illusion bei, dass es sich bei dem Buch um Magdis Schreibheft handelt, das die Lesenden in den Händen halten. Dabei verbinden sich die Erzählungen mit Reflexionen über seinen Schreibprozess, wie das Zitat am Anfang zeigt. Auch das Glossar am Ende erweckt den Eindruck, von der Hauptfigur selbst verfasst worden zu sein, hilft aber aus der Perspektive der Gegenwart, die historischen Bedingungen wie Serien, Vorbilder und spezifische Begriffe aus den 1970er-Jahren besser verstehen und erschließen zu können.
So entsteht ein bewegender Roman eines Jungen, der über sein Leben nachdenkt. Er tut sich nicht leid oder jammert und trotzdem werden seine Konflikte angesprochen, ohne sie aber in eine klärende Lösung oder gar ein Happy End zu überführen. Die Lesenden begleiten Magdi einfach eine kleine Weile in seiner Welt. Die Ich-Perspektive und der authentische Charakter des Buches helfen beim Einfühlen und Empathieempfinden für die Hauptfigur. Das Buch hat großes Potenzial für Gespräche im Unterricht, vorrangig für Kinder, die in einem ähnlichen Alter wie Magdi sind – 5. bis 7. Klasse. Gerade in diesem Jahr ist auch eine Unterrichtshilfe von Beltz passend zum Taschenbuch herausgekommen, was sicherlich die Arbeit mit dem Buch im Unterricht noch erleichtert. Die gemeinsame Lektüre ist auf jeden Fall unbedingt zu empfehlen.
Alexandra Ritter
[Alexandra 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

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