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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Mann, Thomas,     
Titel:
Der Tod in Venedig. Nach Thomas Mann.
ISBN:
978-3-95728-268-2  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Kuhlendahl, Susanne
Seitenanzahl:
96
Verlag:
Knesebeck, München
Gattung:
Comic / Graphic Novel
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
22,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Thomas Manns Erzählung über den alternden National-Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der auf einer Reise nach Venedig dem Anblick des schönen, aber die Dekadenz symbolisierenden Knaben Tadzio verfällt, ist ein Klassiker der deutschen Literatur. Susanne Kuhlendahl wagt sich an einen fulminanten Medientransfer: In einem aquarellierten, malerischen Stil übersetzt sie die berühmte Erzählung Manns in serielle Bildsequenzen.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
14 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Alter / Literatur / Sterben / Tod
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Kuhlendahl traut sich mit „Der Tod in Venedig“ an ein Mammutprojekt, dass zahlreiche Gefahren des Scheiterns birgt. Die Geschichte über den stets diszipliniert und asketisch lebenden Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der am Ende seines Lebens seinen homoerotischen und pädophilen Neigungen verfällt, um (wie das alte Europa) daran zu Grunde zu gehen, scheint sich auf den ersten Blick nicht unbedingt für eine Comic-Adaption zu eignen. Nicht zuletzt Marcel Reich-Ranicki betonte immer wieder den artifiziellen und überstrukturierten Charakter der Novelle, die schon auf formaler und sprachlicher Ebene die klassische Literatur fast bis zum Unerträglichen zitiert – dabei aber inhaltlich Themen des „Fin de Siècle“ aufgreift. Wie solch einen Text in ein anderes Medium als die Literatur transformieren? Vorbilder findet Kuhlendahl bereits in Ulrich Lampen und Luchino Visconti, die das Original ins Hörspiel bzw. in den Film transformiert haben – und das jeweils mit großem Erfolg. Ihr Übersetzungs-Geheimnis war, dass sie die formtypischen Elemente der literarischen Vorlage adäquat in die Sprache ihres jeweiligen Mediums übertragen haben. Diese Übersetzung ist Kuhlendahl ebenso gut gelungen, nur eben jetzt für den Comic.
Sie setzt zunächst einmal auf einen aquarellierten, malerischen Stil, d.h. farbige Tuschzeichnungen, die den Eindruck zahlreicher klassischer Mini-Gemälde provozieren. Des Weiteren sind die Panels jeder Seite des Comics als Gesamt-Komposition angeordnet, die jeweils den Inhalt des Kapitels zu unterstützen versuchen. Nicht zuletzt betont sie auch die Leitmotivik der Erzählung – Tod, Sexualität und Krankheit – gekonnt durch die Figurengestaltung. So sind der Passant in München, als auch der Gondoliere in Venedig als Sensenmann- bzw. Charon-Gestalten arrangiert; oder der Mund des oft wiederkehrenden „alten Jünglings“ im Detail-Panel wird betont als Vulva gestaltet. Auch die klug gesetzten Full-Shot-Panels an exponierten Stellen des Comics sind stets symbolisch aufgeladen und zeugen von einem tiefem Verständnis für Manns Erzählung. So ist die Einfahrt Aschenbachs in der Gondel nach Venedig bewusst als Überfahrt des Styx ins antike Totenreich inszeniert.
Die Konsequenz im Zeichen-Stil wird in dieser „Tragödie einer Entwürdigung“, wie Thomas Mann seine Erzählung einmal selbst charakterisiert hat, auch in der Gestaltung der Gesichtszüge der Figuren nachgezeichnet. So ist der Knabe Tadzio als junger Oscar Wilde gestaltet und das strenge Schriftstellergesicht Aschenbachs wird über die Erzählung hin variiert: Zu Anfang ist es in strenger Disziplin gefasst und ernst, dann kommen die Züge des liebenden, sich auflösenden Ausdrucks während der aufkommenden Leidenschaft hinzu, dann, zum Ende des Comics, bekommt die Leser*in ein zerstörtes, schlecht und peinlich geschminktes Gesicht eines Menschen präsentiert, der weiß, dass er an seiner Krankheit (und Dekadenz) zu Grunde gehen wird.
Abschließend zu konstatieren bleibt: Obwohl der Comic deutlich weniger Transfermöglichkeiten bietet als Film und Hörspiel, ist die Übersetzung Susanne Kuhlendahls geglückt und durchaus eine Kaufempfehlung, v.a. für Kenner*innen der Erzählung. Zur Erstbegegnung und für die Lesesozialisation ist er aber nicht geeignet, dafür weist der Comic zu viele inhaltliche Leerstellen auf.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

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