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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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Autor:
Székessy, Tanja,     
Titel:
Mio war da!
ISBN:
978-3-95470-220-6  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Székessy, Tanja
Seitenanzahl:
40
Verlag:
Klett-Kinderbuch, Leipzig
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
14,00 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Mio gehört zur Klasse 1d. Er tröstet, kuschelt und hört zu. Er ist ein Stoffpinguin und wird innerhalb von 14 Tagen bzw. Nächten Vertrauter jedes einzelnen Kindes, denn die Kinder nehmen ihn für jeweils eine Nacht mit nach Hause. Was er dort alles erlebt, erzählen ein Stück die Texte und vielmehr die Bilder. Kein Vorlesebuch, sondern ein Buch, über das man nachdenken, staunen, sich freuen und reden darf und muss. Vielfalt wird für junge Leser*innen gelungenen dargestellt.
[sd 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
4 - 9 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Familie / Zuhause / Vielfalt
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Bereits mit "Wie du bist, wenn du so bist" überzeugte Tanja Székessy durch Sensibilität und eine Reduzierung, die tief in das Erleben und Wahrnehmen junger Kinder geht, sie in ihrer Psychologie achtet und kindgemäße Gesprächs- und Reflexionsanlässe schafft. "Mio war da!" steht ihm darin in nichts nach.
Mio ist ein Plüschpinguin und gehört der Klasse 1d. Seine Aufgaben sind es zu trösten, zu kuscheln, zuzuhören und da zu sein, wie er sie selbst in der Rolle eines Ich-Erzählers benennt. Jedes der 14 Kinder darf Mio für eine Nacht mit zu sich nach Hause nehmen. So erhält das Stofftier intime Einblicke in 14 Familien, die von der Vielfalt unserer Gesellschaft zeugen. Da findet sich die klassische Kleinfamilie, die alleinerziehende Mutter oder ein Kind, das bei seiner Großmutter lebt. Und genauso ist Kulturalität eine Dimension dieser Vielfalt.
Jede Doppelseite zeigt den Besuch bei einem Kind. Die Reflexionen von Mio sind nüchtern-naiv, er nimmt viel wahr, doch überlässt es den Leser*innen die Tragweite des Wahrgenommenen zu durchdringen. Dabei offenbaren die Bilder beim genauen Betrachten viel mehr über das Kinder- und Familienleben, als Mio tatsächlich äußert. So wundert er sich über das Mädchen Juli, die Hausaufgaben macht, obwohl gar keine auf waren. Und dass sie genau wie er wenig spricht, dafür umso mehr im Schlaf. Wenn dann das Bild eine Mutter in dominanter Körperhaltung zeigt, die das Mädchen offenbar gerade Schulstoff abfragt, das Mädchen mit leerem Blick vor sich hinstiert und an der Wand hinter ihr eine Urkunde "1. Platz" zeigt, gibt sich ein Kinderleben zu erkennen, das Unbeschwertheit nicht (mehr) kennt.
Dann gibt es Hugo, der mit Mio Computerspiele spielt, der selbst entscheidet, wann er ins Bett geht - offenbar bei laufendem Fernseher: erstrebenswerte Freiheit oder traurige Vernachlässigung? Es gibt Bernd, der offenbar erst dann nach Hause geht, bis er sicher sein kann, dass der Freund der Mutter zur Arbeit gegangen ist. Gemeinsam schauen sie fern; leere Bierflaschen und gefüllte Aschenbecher stehen auf dem Tisch. Es gibt Orkan, dessen Mutter und Schwestern alles machen, was er will - ein Paradies? Es gibt Helene, die Mundharmonika spielt und sich selbst Lieder ausdenkt oder Oskar, dessen Eltern im Zirkus arbeiten.
Nicht von allen Kindern lernt Mio die Eltern kennen: von Amira lernt er das Kindermädchen kennen, Marlon macht für sich und den Pinguin Dosenravioli, weil seine Eltern nicht da sind.

Sind es Stereotype, die Székessy zeichnet oder Realitäten? Und wie betrachten Erwachsene die Bilder und wie Kinder? Viele Kinder kennen (natürlich) nicht die Familienformen, in denen ihrer Mitschüler*innen leben, wissen nicht, was sie prägt, wie sie nach der Schule empfangen werden und wie gemeinsame Familienzeit genutzt wird. In manchen Familien geht es lauter zu, in manchen leiser, manche Familien haben oft Besuch, andere kaum, in manchen Wohnungen liegen Dinge auf dem Boden herum, in anderen nicht. Aber genauso haben auch manche Familien mehr Sorgen, andere weniger. Das anzuerkennen ohne zu werten und dabei genauso wenig oberflächlich zu sein, aufmerksam ohne verurteilend zu sein, scheint nicht einfach. Denn nur in der Differenz liegt noch nicht das Unglück. Doch zeigt das Buch eine große Bandbreite von Kinderglück und Kinderunglück.
So froh wie es stimmen mag, dass es dieses Buch gibt, so stellt sich doch für Erzieher*innen und Lehrer*innen in der Rolle von Literaturvermittler*innen zugleich die Frage, wie man es mit Kindern lesen und besprechen kann: Mit Kindergartenkindern ab fünf oder mit Grundschulkindern. Legt man möglicherweise mit der Lektüre Erfahrungen offen, die einzelne Kinder für sich behalten möchten? Passieren Verletzungen, indem einzelne Kinder über bestimmte Lebensformen ihr Urteil äußern? Diese Überlegungen sollen nicht in einem "Lieber nicht" resultieren! Denn es ist ein Buch, das alles kann, was gute Literatur tut:
"Mio war da" hält den Spiegel vor: den erwachsenen und den jungen Leser*innen - persönlich, aber auch als Mitglieder einer Gesellschaft. Möglicherweise ist es ein Appell an einen achtsameren Umgang miteinander, daran andere nicht vorschnell zu verurteilen und differente Lebensformen zu achten. Denn, so darf das Buch möglicherweise gelesen werden, können Kinder (und Erwachsene) darüber nachdenken, was Geborgenheit und ein gutes Zuhause ausmacht, in dem sich alle Familienmitglieder wohl fühlen. Dass die Antworten unterschiedlich, aber wahrscheinlich nicht völlig konträr ausfallen und dass sich vieles auf andere Kontexte sozialen Miteinanders übertragen lassen, dürfte den erwachsenen Mit- und Vorleser*innen bewusst sein. Schön, dass Mio da ist!

[Susanne Drogi]
[sd 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

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