AJUM Logo
Datenbank
Besprechungen von Kinder-,
Jugendliteratur & Medien




Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
Datenbank

AJuM Datenbank
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

7636 aktuelle Rezensionen, weitere 69789 Rezensionen im Archiv
Suchtext:
Schlagwörter:
Titel:
Autor
Vorname:
Autor
Nachname:
Illustrator:
Bewertung:
 Einsatzmögl.:
Medienart:
Alter:
Gattung:
 Archiv anzeigen:
Wolgastpreis:
 
Wie suche ich richtig? Wie darf ich die Rezension verwenden? DRUCKANSICHT



Autor:
Bernhard, Thomas,     
Titel:
Städtebeschimpfungen
ISBN:
978-3-8445-2689-9  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
188
Verlag:
Hörverlag, München
Gattung:
Sonstige
Reihe:
Jahr:
2018
Preis:
14,90 €   Audio-CD / Hörbuch / Musik
       
Inhalt:
Ohne Zweifel war Thomas Bernhard nicht nur ein großartiger Schriftsteller, er war auch ein großartiger Allesbeschimpfer. Und alles bezieht sich (glücklicherweise) auch auf Städte. Eine Kunst, die er mit Leidenschaft und Penetranz pflegte: Da wurden Berlin genauso die Leviten gelesen wie Wien, er wetterte über Bremen genauso wie über Bad Gastein. Immer sprachlich brillant und der Hörer*in insgeheim aus dem Herzen sprechend. Ein Hochgenuss für alle Realisten, Misanthropen und Kulturpessimisten.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
16 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Ethik / Philosophie / Geschichte / Komik / Humor / Politik
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Der "Jahrspreis der Deutschen Schallplatten Kritik" 2018 spricht für sich: Thomas Bernhards "Städtebeschimpfungen" ist ein Meisterwerk des bösartig-witzigen Kulturpessimismus. Als eine Art Compilation all seiner Werke, in denen Städte beschimpft werden, ist das Hörbuch als Hör-Collage zu verstehen. Zusammengeschnitten aus bernhardschen Essays, Theaterstücken und Romanen reiht es alle "Städtebeschimpfungen" in alphabetischer Reihenfolge aneinander. Von A wie Altaussee bis W wie Wien. Der oben erwähnte Schallplatten-Preis geht hier natürlich nicht direkt an Thomas Bernhard selbst, sondern eher an die beiden genialen Leser Peter Simonischek und Michael König. In Rhythmus und Sprachmelodie, in Tempo und Betonung treffen beide Schauspieler und Hörfunksprecher den bernhardschen Erzähl-Ton perfekt – und machen das 3-teilige Hörbuch zu einem orgiastischen (Hass-)Vergnügen. Ganz gleich wie missvergnügt man beim Einschalten des Hörbuchs war, spätestens nach 5min Laufzeit hat jede potentielle Hörer*in wieder gute Laune.

Doch "abgehatet" wird diesmal nicht über literarische Preise, politisches Engagement oder Meisterwerke der Kunst und Literatur, sondern ganz bodenständig über Städte. So werden fein ausgewählt die schönsten Städte Europas auseinandergenommen und bis weit unter die Gürtellinie abgewertet und verunglimpft. Naturgemäß ist der deutschsprachige Raum überrepräsentiert: von Augsburg über Berlin, Bochum und Bremen, Darmstadt und Düsseldorf, Frankfurt und Lübeck bis München und Weimar bekommt jede Kulturmetropole ihr Fett weg. Österreich wird dabei mit ganz besonderer Bosheit bedacht. An Bad Ischl und Graz, Innsbruck und Kitzbühel, Salzburg und Wien bleibt kein gutes Haar. Aber auch das europäische Ausland von West nach Ost, von Nord nach Süd wird mit auserlesener Gemeinheit überzogen: Von Lissabon bis Bukarest, von Oslo bis Neapel bleibt keine Metropole ungeschoren.

Grundthema und Leitmotiv ist dabei stets der zum Schlagwort gewordene Vorwurf der Provinzialität unseres geistigen Lebens, das gerade in der (Pseudo- und Möchtegern-) Kulturalität der Städte zum Ausdruck kommt. "Wien", "Berlin" oder "Paris" sind dabei nur generalisierte Namen für den europaweit herrschenden Zustand des Irrglaubens, dass der "Geistes- und Kulturmensch" in der Metropole, als Gegenentwurf zur Provinz, anzusiedelen wäre. Doch Bernhard dekonstruiert diesen Mythos. Die Stadt bildet keinesfalls das Refugium vor dem provinziellen (geistigen) Dilettantismus. Ganz im Gegenteil verkörpert für Bernhard und seine Figuren die Stadt eine geistige Provinz, die noch viel verachtenswerter scheint, als die des "wirklichen" Landes. Denn der Milchbauer aus dem Allgäu weiß um die Beschränktheit seines Horizontes, während der Wiener, Berliner, Pariser usw. sich als Weltbürger ohne geistiges Fundament generiert. Gerade die Identifikationsmarker der Städte – Weltbürgertum, Humanismus, Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik – werden bewusst Ziel seines Spottes (und seiner Verachtung). Bernhard so zu Ende denken, bedeutet, die Unterscheidung zwischen Metropole und Provinz in sich zusammenfallen zu lassen. Alles ist (geistige) Provinz – und alles ist (kulturelle) Metropole, es kommt auf dasselbe hinaus. Und so ist für den Leitgedanken der Städtebeschimpfungen "In Trier ist die Intelligenz nicht zuhause" jede beliebige andere Stadt, Metropole oder Provinz einzusetzen.

Alles im allem ein Hörvergnügen der auserlesenen Art – inhaltlich, stilistisch, rhetorisch. Die "Städtebeschimpfungen" sind eine ganz klare Kauf- und Geschenkempfehlung.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.