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Autor:
Franquin, André,     
Titel:
Spirou & Fantasio Gesamtausgabe. Band 8: Humoristische Abenteuer
ISBN:
978-3-551-71628-6  
Übersetzer:
Becker, Hartmut u.a.
Originalsprache:
Französisch
Illustrator:
Franquin, André
Seitenanzahl:
224
Verlag:
Carlsen, Hamburg
Gattung:
Comic / Graphic Novel
Reihe:
Spirou & Fantasio Gesamtausgabe
Jahr:
2018
Preis:
29,99 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Endlich! Nach Jahren des ungeduldigen Wartens veröffentlicht Carlsen nun die gebundene Kompaktausgabe der „Spirou-und-Fantasio-Reihe“. Aktuell liegt der 8. Band „Humoristische Abenteuer“ vor. Seit 1946 prägte der Belgier Franquin das Erscheinungsbild der Serie und wurde neben Hergé und dem Duo Uderzo/Goscinny zu einem der stilprägendensten europäischen Comic-Künstler.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
       
Lesealter:
10 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Abenteuer / Detektiv / Komik / Humor / Spannung
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Neben den drei regulär enthaltenen Abenteuern „QRN ruft Bretzelburg“, „Robinson auf Schienen“ und „Schnuller und Zyklostrahlen“, enthält dieser 8. Band der Gesamtausgabe auch einen ausführlichen Kommentar zur Entstehung und dem Ende der Serie.

Der vorliegende Band 8 der Abenteuer des Hotelpagen Spirou und seines durchgeknallten Sidekicks Fantasio enthält die letzten drei Abenteuer André Franquins, ehe er die Serie an Jean-Claude Fournier übergab. Die Beziehung zwischen Franquin und seinen lieb gewonnenen Figuren war überlebt. Neben gesundheitlichen Gründen spielten v.a. eine Art „Überdruss“ an einer Welt, die er zwar maßgeblich geprägt, aber eben nicht erfunden hatte, eine entscheidende Rolle für diesen Entschluss. „Spirou“ war – ähnlich wie „Tim“ – in seiner freundlichen Charakterlosigkeit nicht mehr spannend genug für den modernen Comic der 1960er Jahre. Zudem steckte Franquin seine Engerie mit Vorliebe in seine neue, eigene Figur „Gaston“, so dass für „Spirou“ nur noch die B-Seite übrig blieb. Nichtsdestotrotz blitzt Franquins Genie in allen drei Comics auf - leider zum letzten Mal.

„QRN ruft Bretzelburg“ war wohl das quälendste Projekt Franquins während seiner Sprirou-Zeit. Bereits 1961 hatte er mit der Geschichte begonnen. Ursprünglich war noch der Oberbösewicht Zyklotrop fest eingeplant – auf Drängen des Verlegers musste Franquin diesen aber streichen. Charles Dupuis – damaliger Chef beim Verlag – hatte nach drei politischen Abenteuern in Folge endgültig die Nase voll von wahnsinnigen Weltherrschern. Der Comic sollte sich wieder primär an ein jugendliches Publikum wenden, d.h. mehr Adoleszenz-Aventure und dafür weniger Erwachsenen-Konflikte. Letztendlich ist aus „QRN ruft Bretzelburg“ nur ein mittelmäßiges Album geworden, dass im Grunde bereits den Abstieg und den Abschied von Franquin markiert. Von zahlreichen (gesundheitlichen, emotionalen und künstlerischen) Rückschlägen und Unterbrechungen gezeichnet, ging „QRN ruft Bretzelburg" schließlich erst 1964 in die letzte Fassung und ist eine etwas langatmige Spionagegeschichte um ein verschlucktes Transister-Radio geworden, dass verschlüsselte und geheime Funknachrichten verkündet, ohne dass deren Bedeutung der Leser*in zunächst klar wird. In der Folge verstricken sich die Protagonisten in einen unentwirrbaren Knoten von Militärs, Dissidenten und Rebellen, den erst der Witz (und die Kraft) des Marsipulami lösen kann.

Das zweite Album des Bandes - „Robinson auf Schienen“ von 1964 – ist eine Auftragsarbeit. Auch die Wirtschaft begann sich seit den 1960ern für den Comic zu interessieren. V.a. die Erfolge von „Asterix“ und „Tim und Struppie“ trugen maßgeblich dazu bei. Franquins Verlag kam damals mit der französischen Staatsbahn-Gesellschaft SNCF ins Gespräch. Ziel war es, der Eisenbahn durch das Medium Comic wieder Modernität zu verleihen. Durch die Konkurrenz auf der Straße und in der Luft galt der Zug in den 60ern als rückständiges Fortbewegungsmittel! Dem wollte man durch gezielte Platzierung eines „Bahnabenteuers“ bei Kinder und Familien entgegen wirken. Da Goscinys „Asterix“ durch sein Sujet nicht in Frage kam, und Hergés „Tim“ bereits abgesagt hatte, blieb nur noch Franquin mit „Spirou“. Mit etwas Verzögerung ging der Comic 1964 über den Ladentisch und wurde zumindest beim Publikum ein Riesenerfolg. Die Bahngesellschaft SNCF war alles andere als begeistert: der Roadmovie endet nämlich mit einem entgleisten Zug. Schlimmer hätte es das Bahnunternehmen wirklich nicht treffen können.

„Schnuller und Zyklostrahlen“, der 3. Band der Ausgabe, hatte seine Premiere Ende 1967. In diesem durfte wenigstens seine selbsterdachte Lieblingsfigur – Zyklotrop – noch ein- und zum letzten Mal die große Comicbühne betreten. Doch diesmal nicht in Form eines Science-Fiction mit allem möglichem technischen Schnickschnack, sondern als psychologische Fallstudie: Zyklotrop ist durch einen Unfall zum Kleinkind regrediert und soll nun von Spirou und seinen Freunden umerzogen werden, so dass aus ihm ein Humanist und kein Imperator werden würde. Schon die Zusammenfassung des Plots zeigt die Absurdität der Story. Heraus kam ein Album jenseits aller Normen: kürzer, satirischer, gewitzter, moderner als alle Alben zuvor, ein wahres Abschlussalbum!

So zeigt dieser Band 8 der Gesamtausgabe einen Franquin auf dem absteigenden Ast, einen Franquin der sich schon mehr mit „Gaston“ als mit „Spirou“ beschäftigte, einen Franquin der innerlich bereits gekündigt hatte. Es beinhaltet nicht mehr jene Abenteuer, die man vor Augen hat, wenn heute sein Name fällt. Die Comics sind schon etwas fad und ausgedünnt, wie zu wenig Butter auf zu viel Brot verstrichen. Auch wenn die Doppelcodierung in den drei abschließenden Alben noch erhalten blieb - die Ebene des reinen Abenteuers für die jungen Leser*innen – und die Ebene der reflexiven Ironie für ältere (gebildetere) Leser*innen – so fehlt doch der Esprit und das Genie der mittleren Schaffensphase. Es war wohl gut, dass Franquin dem „Spirou“ mit diesen drei Alben „Lebewohl“ sagte.

Passend dazu fällt im achten Teil der Serie auch der als Begleittext angelegte Kommentar noch umfangreicher und reflektierter aus. Er richtet sich ausschließlich an ein erwachsenes Publikum, für das die Gesamtausgabe schon eine Re-Lektüre ist.
[OWA 23 Sachsen-Anhalt]
  
       

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