AJUM Logo
Datenbank
Besprechungen von Kinder-,
Jugendliteratur & Medien




Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
Datenbank

AJuM Datenbank
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW
c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund

6802 aktuelle Rezensionen, weitere 74028 Rezensionen im Archiv
Suchtext:
Schlagwörter:
Titel:
Autor
Vorname:
Autor
Nachname:
Illustrator:
Bewertung:
 Einsatzmögl.:
Medienart:
Alter:
Gattung:
 Archiv anzeigen:
Wolgastpreis:
 
Wie suche ich richtig? Wie darf ich die Rezension verwenden? DRUCKANSICHT



Autor:
Gardner, Graham,     
Titel:
Im Schatten der Wächter
ISBN:
978-3-7725-2948-1  
Übersetzer:
Ernst, Alexandra
Originalsprache:
Englisch
Illustrator:
Seitenanzahl:
199
Verlag:
Freies Geistesleben, Stuttgart
Gattung:
Jugendroman
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
16,90 €   Taschenbuch
       
Inhalt:
Lange Zeit wurde Elliot in seiner Schule gemobbt, war physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt. Der Wechsel ins Holminster Gymnasium soll das ändern. Er beschließt, sich neu zu erfinden. Er wird ein Elliot sein, der cool ist, der nicht auffällt, der seine Stärken zu nutzen weiß. Die Maskerade gelingt, sein Plan scheint aufzugehen. Doch auch hier gibt es Gewalt, in deren Strudel Elliot wieder hineingezogen wird. Nur soll er dieses Mal auf der anderen Seite der Hierarchie stehen ...
[pa 22 Sachsen]
       
Lesealter:
12 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Mobbing / Angst / Außenseiter / Macht und Gewalt / Schule / Familie
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Schon mit dem Prolog konfrontiert Graham Gardner die Leser*innen mit der beklemmenden Atmosphäre, die das gesamte Buch prägt. Drei Mitschüler schlagen Elliot brutal zusammen. Trotz Gegenwehr ist er der Unterlegene. Zutiefst gedemütigt nimmt er es hin, innerlich stirbt er. Dass es sich bei dieser Szene um eine düstere Vision des Autor handelt, zeigt sich kurz vor Ende des Buches. Hier wird der Prolog wortwörtlich wiederholt, aber dieses Mal stirbt Elliot nicht - er überlebt und muss handeln.
Einst ein fröhlicher Junge, macht ein einschneidendes Erlebnis Elliot zu einem Außenseiter. Sein Vater, erfolgreicher Unternehmer und starker Halt für seinen Sohn, wurde bei einem Überfall schwer verletzt, ist seitdem ein Pflegefall. Die glückliche Familie zerbricht, die überforderte Mutter kann Elliot nicht den notwendigen Rückhalt geben. Seinen Vater immer als ein Opfer von Gewalt vor sich sehend, wird er selbst dazu.
Sein beim Schulwechsel zugelegtes neues Image, eine Maske aus Coolness, Unnahbarkeit und der richtigen Art aufzufallen, scheint zu funktionieren. Er wird akzeptiert. Doch auch hinter den altehrwürdigen Fassaden von Holminster High versetzt Mobbing viele Schüler in Angst und Schrecken. An der Spitze eines ausgeklügelten Systems der Gewalt stehen die "Wächter". Sie sind es, die hinter den Kulissen mit Hilfe eines Netzwerks aus Spionen und Handlangern die Strafaktionen veranlassen. Aus George Orwells Buch "1984" leiten sie das Ziel ihrer Organisation ab - es geht ihnen um Kontrolle, Herrschaft und Macht.
Die Wächter werden auf Elliot aufmerksam, seine selbst gewählte Maskerade gefällt ihnen. Ausgerechnet ihn wollen sie als einen ihrer Nachfolger ausbilden. Elliot ist wie gelähmt. Plötzlich soll er auf Seiten der Täter stehen, Teilhaber der Macht werden. Im Widerstreit seiner Gefühle, geprägt durch seine traumatisierenden Erfahrungen, sagt er seine Mitarbeit zu. Dieser Moment führt zu einer weiteren Spaltung seiner Persönlichkeit. Jetzt muss er noch mehr auf der Hut sein, dass sein wahres Ich nicht entdeckt wird. Er, der niemals herrschen, sondern nur überleben wollte, muss alles, was er tut, unter Kontrolle halten. Für jeden, mit dem er näher zu tun hat, legt er sich eine weitere Maske zu: für die Wächter, für das Mobbingopfer Ben und für Luise, seine erste Liebe. Doch es ist schwierig, so viele Identitäten auseinander zu halten bzw. zu koordinieren. Was ist sein wahres Selbst? Dieser Frage muss sich Elliot in einem langen, schwierigen und qualvollen Prozess stellen. Einerseits ist es nicht verkehrt Macht zu haben, andererseits ist er sich des Unrechts bewusst, kennt das Martyrium der Opfer nur zu genau.
Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Angst durch das Buch. Es ist die Angst vor Ausgrenzung und tätlichen Übergriffen, die Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, die Angst beobachtet zu werden, die Angst falsch aufzufallen. "Es schien, als ob er nur an einem Ort zu Hause war: im Reich der Angst." (S. 73) Aber letztendlich akzeptiert Elliot seine Angst und trifft die richtige Entscheidung.
Graham Gardner erzählt die Geschichte aus Elliots Perspektive, dessen Gedanken und Gefühle werden durch Kursivdruck hervorgehoben. Mit Hilfe der detaillierten Zeichnung seines Hauptprotagonisten, der eigentlich nur ein "ganz normaler" Junge sein will, schaut der Autor hinter die Kulissen der Motivationen, Strukturen und Prozesse, die zu Gewalt und Macht an Schulen führen.
Mit unglaublicher Intensität lässt der Gardner die Leser*innen an Elliots Wandlungsprozess teilhaben, in dessen Seele schauen und in seinem Inneren lesen. Sein ihn zu zerbrechen drohender innerer Kampf zwischen Anpassung und Widerstand, seine Konstruktion der Masken und seine Selbstüberwindung auf dem Weg zu seinem "wahren Ich" sind eindringlich und bewegend dargestellt. Auch die Darstellung der anderen Charaktere überzeugt und zeigt verschiedene Sichtweisen.
Ein sehr empfehlenswerter, intensiver und anspruchsvoller Roman über Mobbing, Gewalt und Macht und äußerst wichtigen Themen, wie Identität, Moral, Entscheidungen und deren Auswirkungen. Auch als Schullektüre ab Klasse 8 als Diskussionsgrundlage geeignet.
[pa 22 Sachsen]
  
       

Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.