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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Zamolo, Lucia,     
Titel:
Rot ist doch schön
ISBN:
978-3-95939-080-4  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Zamilo, Lucia
Seitenanzahl:
96
Verlag:
Bohem Press, Münster
Gattung:
Sachliteratur / Sachbilderbuch
Reihe:
Jahr:
2019
Preis:
14,95 €   Buch (Print, gebunden)
       
Inhalt:
Eine ernsthafte und zugleich heitere Lektüre, die in jedem Falle den Nerv der Zeit trifft. Sie möchte Wissenswertes über Phänomene des weiblichen Körpers vermitteln, gleichfalls als Appell für Stolz auf das Frausein und für schamlose Kommunikation (im wörtlichen Sinne) verstanden werden.
[Stef 22 Sachsen]
       
Lesealter:
10 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Ethik / Gefühle / Gender / Geschlecht / Emanzipation / Jugend / Adoleszenz / Mädchen / Frau / Sexualität / Sexualaufklärung
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Peinlich ist es, wenn einem aus Versehen ein Tampon aus der Tasche fällt; peinlicher, wenn die ganze Verwandtschaft mitbekommt, dass man gerade seine Periode hat; am peinlichsten, wenn die über Nacht eintretende Periode die Bettwäsche ‚beschmutzt‘ und andere einem das auch noch vorhalten. Nicht? Nicht - zumindest in der Neuerscheinung „Rot ist doch schön“ aus dem Bohem Verlag. Lucia Zamolo macht es vor: Durchbricht Tabus und möchte, dass dies darüber hinaus ihre Leser tun. Als Anregung, Denkanstoß und Mutmacher – nicht nur für das weibliche Geschlecht – soll ihr Werk dienen. So werden beispielsweise Situationen, wie die hier einleitend beschriebenen, ganz unaufgeregt geschildert. Anspannung, Scham, Ekel oder Gefühle der Minderwertigkeit sind im Umgang mit dem Thema in Zamolos Buch fehl am Platz. Vermitteln möchte die gebürtige Münsteranerin, dass dies nun endlich auch in der Gesellschaft so wahrgenommen werden darf – immerhin blutet „die Hälfte der Weltbevölkerung monatlich“. Also „können wir ja jetzt normal darüber sprechen.“ Genau das tut die Autorin auch. Ausgehend vom ersten roten Fleck in der Unterhose werden Themenfelder, wie Vorurteile, Gemütszustände während des Zyklus der Frau, der Umgang mit menstruierenden weiblichen Geschöpfen in vergangenen Zeitaltern und ebenso in anderen Kulturkreisen, betrachtet. Interessierte finden Tipps gegen Regelschmerzen sowie Darstellungen zu Vorgängen im weiblichen Körper während des Zyklus. Am Ende fehlen darf natürlich nicht der explizite Aufruf zur Selbstliebe – ganz im Sinne des feministischen Grundgedankens. In ihrer Fülle werden die Inhalte durchgehend fragmentarisch aneinandergereiht. Einen Anspruch auf abschließende Bearbeitung der einzelnen Schwerpunkte und allumfassende Aufklärung hat das Medium nicht. Braucht es auch gar nicht, denn es verweigert sich allein aufgrund seiner Gestaltung einer eindeutigen Kategorisierung. Grundlegend weist es Züge der Sachliteratur auf, Leserinnen und Leser finden neben einem Lexikoneintrag und einem Wikipedia-Zitat aber auch genauso eine Bastelanleitung für ein Körnerkissen, einen Poesiealbumspruch, „Malen nach Zahlen“ oder Seiten mit Sprechblasen. Fachsprachliche Absätze transportieren den Ernst, mit dem die Autorin dem Thema begegnet. Dialektale sowie umgangssprachliche Elemente hingegen rufen zu Offenheit und Leichtigkeit im Umgang mit ihm auf. Vor allem jüngere Generationen dürften sich mit dem sprachlichen Ausdruck identifizieren, erzeugt er doch Nähe zum Gegenstand: „Und jetzt gibt’s noch ´nen kleinen Einlauf, denn auch wenn es nervt, dass diese blutige Angelegenheit gefühlt immer zum falschen Zeitpunkt kommt, die Krämpfe scheißewehtun und die Stimmung im Keller ist: Mach dir mal bewusst, was Menstruation eigentlich bedeutet!“ Frech und derb ist die Sprache zuweilen, immer aber ohne Umwege: „Ja, ich ziehe gleich einen blutgetränkten Tampon aus mir heraus und stoppe den Blutfluss, indem ich mir einen neuen in die Vagina schiebe.“ Um die Leserinnen und Leser zum Nachdenken über gesellschaftliche Einstellungen zu bringen, wird häufig mit Ironie gearbeitet: „Tampons solltest du zwar immer dabei haben [sic], jedoch so diskret wie möglich einsetzen. Mal ehrlich: Wirklich niemand möchte mit der unappetitlichen Vorstellung belastet werden, dass du gleich die Toilette dieses hippen Cafés benutzt, um einen Tamponwechsel vorzunehmen.“ Trotz der Vielfalt an stilistischen Mitteln und der Unübersichtlichkeit verliert diese Lektüre ihre Leserinnen und Leser nie. Sicher liegt es unter anderem daran, dass die Rezipientinnen und Rezipienten direkt angesprochen werden, sich die Autorin aber weiterhin nicht scheut eigene Erlebnisse preiszugeben. Nicht nur hinsichtlich der Sprache, sondern ebenso mithilfe ihrer Illustrationen nähert sich Zamolo alles andere als vorsichtig der Problematik an. Schon bevor man das Buch mit Einband in knalligem Rot und mit abgedruckter raumeinnehmender Unterhose öffnet, weiß man: Hier wird nicht drum herumgeredet. Durchblättert man die Seiten, dominiert die Farbe des Covers ebenfalls. In verschiedenen Rotabstufungen sind die skizzenhaften Zeichnungen, wie Kleidung und Haut der Figuren, Verzierungen und die immer wieder ins Auge fallenden Blutflecken gehalten. Selbst die Schrift ist teilweise rot. Ebendiese wirkt, als wäre sie mit der Hand zu Papier gebracht worden. Kritzelig und mit zahlreichen vorgenommenen Fehlerkorrekturen fügt sie sich jedoch passend in die Gesamtgestaltung ein und vermittelt Nähe zum jungen Publikum.

Wer also eine unmittelbare, sowie unverblümte Auseinandersetzung mit den besonderen Tagen im Leben einer Frau nicht scheut, einen Beitrag zu mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit gesellschaftlichen Tabus leisten möchte und hierfür vielleicht noch Vorbilder braucht oder auch nur daran interessiert ist, zu erfahren, weshalb Menstruationsblut aus „verschiedensten [T]önen“ besteht, sollte unbedingt zu „Rot ist doch schön“ greifen.
[Stef 22 Sachsen]
  
       

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