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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Theisen, Mandfred,     
Titel:
Der Chip
ISBN:
978-3-570-31436-4  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
219
Verlag:
cbj, München
Gattung:
Erzählung/ Roman
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
10,00 €   Buch (print, gebunden)
       
Inhalt:
Kim hat es als eine von wenigen auf das Elite-Internat Galileo geschafft, das von der KI „Brain“ gesteuert wird. Bald steht ein Systemupdate an: allen Bewohnern und Mitarbeitern soll ein Chip aus Nanobots implantiert werden. Doch Fortschritt bedeutet nicht immer auch Verbesserung.
[RPTK 20 Rheinland-Pfalz]
       
Lesealter:
14 - 99 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Klassenlesestoff
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Computer / Ethik / Philosophie / Gefühle / Gewalt / Lernen / Nationalsozialismus / Natur / Umweltschutz / Politik / Technik
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Im Jahr 2032 sind die Auswirkungen eines Klimawandels auch in Berlin deutlich spürbar: Wasser muss importiert werden, die Hitze ist nur unter überdachten Bereichen zu ertragen, Insekten sind ein seltener Anblick geworden. Das Gelände der Galileo-Schule ist da keine Ausnahme. Die Schüler*innen werden, gut abgeschirmt von der Außenwelt, in einem durchweg klimatisierten, goldenen Käfig auf Optimierung getrimmt. Vermutlich ist aufgrund des nahenden ökologischen Kollapses, weswegen es das oberste Ziel dieser dystopischen Gesellschaft ist, Weiterentwicklung durch Einheit zu erreichen. Auch an der Eliteschule gilt dieser Vorsatz: die Selbstoptimierung wird nicht etwa zum eigenen Vorteil propagiert, sondern um die Gemeinschaft stark zu machen. Aber „Der Chip“ ist kein historischer Roman, in dem man sich mit dem tatsächlichen faschistischen Extremen dieses Gedankens auseinandergesetzt. Die Dystopie überträgt einiges von dem Gedankengut in die Postmoderne, in der die Technologie treibende Kraft der Gleichschaltung wird. So ist die oberste Autorität des Systems eine KI namens "Brain", deren ‚Hirn‘ auf den Servern der kalifornischen Firma "BrainVision" sitzt. Brain überwacht jeden Schritt seiner Nutzer, sammelt Daten aus allen tragbaren Endgeräten und empfiehlt seinen Nutzer*innen so beispielsweise die Zusammensetzung ihrer nächsten Mahlzeit, wann es Zeit ist, schlafen zu gehen oder wie konzentriert dem Unterricht gefolgt wird. So weit so hilfreich; wäre es nicht Teil der schulischen Philosophie, sich zu jeder Tageszeit vollends überwachen zu lassen. Körperliche Fitness gilt als Schlüssel, um das größtmögliche Potenzial auszuschöpfen. Die neueste Entwicklung von "BrainVision" geht aber noch einen Schritt weiter: den Schüler*innen sollen Nanobots injiziert werden, die alle Körperfunktionen kontrollierbar machen und gleichzeitig eine Verbindung des Bewusstseins mit "Brain" herstellen.
Doch dieser Entwicklung stellen sich einige - wenige - Schüler entgegen und die Geschichte setzt an dem Punkt ein, an welchem die Leiche einer dieser Mitschüler gefunden wird. Julian, der Freund der Protagonistin, ist einer der ersten, die den Chip implantiert bekommen und entsprechend entsetzt ist Kim, als er ihr beichtet, den Mitschüler umgebracht zu haben. Die auffällig aggressiven Verhaltensweisen häufen sich und Kim merkt immer mehr, wie sich ihre Freunde verändern, gefühllos und berechnend werden. Einzig Levin hilft ihr, sich in dem Chaos zurechtzufinden. Er war der beste Freund des verunglückten Schülers und weiß zu berichten, dass Jojoes Tod eine Veröffentlichung sensibler Daten von "BrainVision" verhindern sollte. Die beiden arbeiten daraufhin zusammen, um die Daten zu finden. Doch wie sich herausstellt, ist es unmöglich, vor einer Masse mit geteiltem Bewusstsein davonzulaufen. Die Situation eskaliert, Levin und Kim werden aufgehalten und zunächst bei ihren Familien untergebracht. Als Kim auch vor ihrer gechipten Mutter und dem Großvater - dem Entwickler der Nanobots - zu fliehen versucht, verletzt sie sich und wacht im Krankenhaus auf. Der Ernstfall ist eingetreten und Kim wurde die neueste Version der Nanobots injiziert, die sich auch über Hautkontakt und Tröpfchen übertragen kann. Da sich die Geschichte hier aber schon dem Ende zuwendet, stellt sich der vermeintliche Feind als Lösung des Problems heraus: Kims Großvater programmierte die neue Generation Bots so, dass sie die ihre Vorgängermodelle zerstört.
Theisen schafft in der vergleichsweise sehr kurzen Spielzeit ein Realitätsmodell, dass die Wirklichkeit auf beunruhigende Weise weiterdenkt - deswegen aber alles andere als unrealistisch ist. Gerade die immer wieder eingestreuten Verbindungen zwischen den faschistischen Parolen des Nationalsozialismus und der fiktionalen Welt geben dem Buch eine tiefgreifende Ebene. Letztendlich wird die Frage aufgeworfen, ob Individualität und freier Wille dem vermeintlich Richtigen untergeordnet werden müssen, um den ökologischen und ökonomischen Zusammenbruch zu verhindern. Dabei bietet der Autor Argumente beider Seiten an, die die Diskussion zu dem Text bereichern. Die Themen werden immer wichtig sein und ein schulischer Diskurs dazu kann durch den Roman angestoßen werden. In Zeiten stark polarisierender, pandemischer und politischer Entwicklungen ist die Geschichte aber auch mit Vorsicht zu rezipieren. Die Kürze des Umfangs und die authentische Sichtweise der Teenagerin Kim machen das Buch altersgerecht. Die Geschichte hat aber durch ihre kurze erzählte Zeit einige logische Lücken. Fraglich ist dabei vor allem der Großvater als Deus ex Machina, der es auf wundersame Weise geschafft hat, in der von "Brain" geleiteten Firma Nanobots zu entwickeln, die gegen die KI arbeiten. Für den begrenzen Zeitraum einer unterrichtlichen Besprechung des Buchs fallen diese aber wahrscheinlich weniger ins Gewicht.
[RPTK 20 Rheinland-Pfalz]
  
       

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