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Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM)
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c/o Alexandra Ritter, Reifenberger Straße 21, 60489 Frankfurt am Main

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Autor:
Gugger, Rebecca / Röthlisberger, Simon,     
Titel:
Der Berg
ISBN:
978-3-314-10562-3  
Übersetzer:
Originalsprache:
Illustrator:
Seitenanzahl:
48
Verlag:
NordSüd Verlag AG, Zürich
Gattung:
Bilderbuch
Reihe:
Jahr:
2021
Preis:
15,00 €   Buch: Hardcover
       
Inhalt:
Der Berg: das Zuhause von sechs ganz unterschiedlichen Tieren. Jedes dieser sechs Tiere weiß genau Bescheid, wie der Berg aussieht. Nur sind sie sich alles andere als einig darüber. Wer behält am Ende recht?
[RPSJ 20 Rheinland-Pfalz]
       
Lesealter:
4 - 7 Jahre
Einsatzmöglichkeiten:
Büchereigrundstock
Wolgast Preis:
Nein
Bewertung:
sehr empfehlenswert
Schlagwörter:
Gefühle / Lernen / Streit / Konflikt / Toleranz / Abenteuer
       
Anmerkungen:
       
Beurteilungstext:
Sechs Lebewesen leben auf ihm, dem Berg, und jeder dieser sechs Bewohnenden hat seine ganz eigene Wahrheit über ihn. Mit der Wahrheit ist es ja immer so eine Sache, wenn sie Mehrere für sich beanspruchen - Konfliktpotenzial ist damit vorprogrammiert. Simon Röthlisberger und Rebecca Gugger zeigen im wahrsten Sinne des Wortes in fabelhafter Weise mit "Der Berg", wie man der Wahrheit auf die Schliche kommt.

Eigentlich nehmen die beiden es bereits mit der Cover des Buches vorweg, dass es ein Happy End geben wird. Wir sehen schon auf der Rückseite alle Streithähne in Form von Bär, Hase, Schaf, Gämse, Ameise und Oktopus, die allerdings alles andere als diskutieren, wie es auf der Vorderseite noch der Fall ist, sondern versöhnt gemeinsam auf der Spitze des Berges sitzen. Insofern ist es auch nicht vorgegriffen, wenn ich schreibe, dass die Moral von der Geschichte die ist, dass es durchaus helfen kann, einen Blick aus der Vogelperspektive zu wagen, um das große Ganze zu sehen.

Aber gehen wir erstmal zurück zum Anfang des Streits der Tiere. Der Berg bietet den Lebewesen einen Lebensraum und der sieht je nach Perspektive ganz unterschiedlich aus. Für den Bär zum Beispiel ist der Berg ein dichter Wald, in dem man sich am Grün satt sehen kann. Während die Ameise annimmt, dass sie und ihre Artgenossen dafür verantwortlich sind, dass es den Berg überhaupt gibt, glaubt der Oktopus, dass der Berg ein Unterwasserparadies mit Korallenriff ist. So ist auch die Gämse im wahrsten Sinne des Wortes felsenfest davon überzeugt, dass ihre Ansicht die richtige ist. Und auch das Schaf und der Hase stehen lautstark für ihre Überzeugungen ein. Am Höhepunkt der Diskussion um die wahre Beschaffenheit des Berges taucht der Zugvogel auf und animiert die Tiere, auf die Spitze des Berges zu gehen. Oben angekommen sind die sechs Lebewesen völlig überrascht über ihre neuen Erkenntnisse.

Es lohnt sich, immer wieder einen Blick in "Der Berg" zu werfen. Bei jedem Aufschlagen fallen neue Dinge auf, die das Buch auf so wenigen Seiten mit überschaubaren Textteilen hervorbringt. Es reicht vollkommen aus, dass das geschriebene Wort ohne Komplexität daher kommt. Die direkte Rede ist typografisch hervorgehoben und die erzählenden Einschübe in kleinere Schrift gesetzt. Sicherlich ist das auch eine Hilfestellung für Vorlesende, die die Thematik vermitteln wollen und so an den richtigen Stellen betonen können.

Es gibt mehr Bild als Text und auf den ersten Blick scheint es, dass die Bilder lediglich das erzählen, was vorweg im Text steht. Das trifft auch auf einige Passagen zu, zum Beispiel bei denen, die von den Behauptungen der Lebewesen über den Berg handeln, gefolgt jeweils immer von Doppelseiten, die in ihrer Art an Wimmel- oder Suchbilder erinnern und das Eingebettetsein der Bergbewohnenden in ihre Umgebung zeigen. Für die übrigen Seiten im Buch gilt das aber nicht. Wir erfahren sehr viel mehr durch die Bilder und dessen Gestaltung insgesamt. So sind die Bilder beispielsweise auf der Doppelseite, auf der wir jedes der Lebewesen ausschnittsweise beobachten können, wie es seinen Aufstieg auf die Spitze des Berges plant, collagenartig angeordnet. Nur hier erfahren wir, wie der Oktopus überhaupt an der Luft überleben kann und wie sich Bär, Hase oder Ameise auf den Aufstieg vorbereiten.

Spannend ist zudem auch die Anordnung der Bilder zum Text. Die verschiedenen Behauptungen und der Konflikt bis zu seinem Höhepunkt, dem nicht nur eine Doppelseite, sondern auch eine bebilderte Andeutung auf der vorherigen Seite durch das Schaf und fliegende Fetzen gewidmet wird, haben keinen Schauplatz. Der Hintergrund ist immer in blanko gehalten. Nur wenn die Ansichten der Tiere und ihr Eingebettetsein in die Umgebung des Berges illustriert werden, wird die ganze Doppelseite ausgefüllt. Dabei ist immer nur das jeweilige Tier zu sehen, welches grade behauptet, zu wissen, wie der Berg aussehe. Damit häufen Gugger und Röthlisberger die egozentristischen Sichtweisen der Lebewesen an, um sie dann in einem Streit eskalieren zu lassen. Sie lösen sich erst auf, als alle Lebewesen gemeinsam den Berg erklommen haben und der Wahrheit auf die Schliche gekommen sind. Nun folgen mehrere, ich nenne sie "Doppelseiten der Erkenntnis", die den ganzen ihr zur Verfügung stehenden Platz ausfüllen. Auch der Text steht nun nicht mehr alleine, sondern ist selbst Teil der Illustrationen. Das ist vielleicht etwas pathetisch formuliert, aber man könnte es Einswerdung nennen.

Gugger und Röthlisberger zeigen in Bild und Text nicht nur, dass Konfliktpotenzial herrscht, wenn es um Engstirnigkeit geht, sondern auch, wie eben diese überwunden werden könnte. Das geschieht allerdings nicht in offensichtlich belehrender Weise, sondern ganz subtil, was das Lese- und Lernerlebnis sehr angenehm macht. Einerseits liegt das am ausgeklügelten Zusammenspiel von Text und Bild und andererseits an den Protagonistinnen und Protagonisten - den nichtmenschlichen Lebewesen mit klaren menschlichen Eigenschaften. Die Gattung "Fabel" ist damit bestens bedient und sie treffen insofern den "Fabelnagel" auf den Kopf, allerdings so charmant, dass die Konflikt-und-Toleranz-Thematik nicht ausgelutscht wirkt. Brandaktuell bleiben sie damit ohnehin.
[RPSJ 20 Rheinland-Pfalz]
  
       

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